Fotograf Daniel Schwartz "Wir werden Afghanistan einmal mehr verraten"

Der Schweizer Fotograf Daniel Schwartz hat über viele Jahre Menschen in Zentralasien fotografiert. Im Interview erzählt er, was er im "Hinterland der Kriege" erfahren hat.

ZEIT ONLINE: Herr Schwartz, Sie haben von 1995 bis 2007 die fünf Republiken Zentralasiens und die angrenzenden Staaten bereist: Afghanistan, Turkmenistan Pakistan, Kaschmir, Westchina, Usbekistan, Tadschikistan, Iran, Kirgisistan, Kasachstan und die Mongolei. Warum haben Sie sich entschlossen, dieses "Hinterland der Kriege" fotografisch zu erschließen?

Daniel Schwartz: Mich drängte die Frage, was diese ganzen zentralasiatischen Republiken nach dem Zerfall des Sowjetimperiums jetzt tun werden. Werden sie nationalistisch, demokratisch, fundamentalistisch? Woher nehmen Sie ihre Identifikation? Sie wurden ja alle in eine Freiheit gestoßen, die sie nicht kannten. Mich interessierte die politische und kulturelle Gemengelage.

ZEIT ONLINE: Wie frei konnten Sie sich als Schweizer in diesen Ländern bewegen?

Schwartz:
Ich bin gewohnt, in Situationen zu arbeiten, in denen es logistisch schwierig ist. Für die Taliban war entscheidend, dass ich mich für die Hungersnot der Afghanen und nicht für die Buddhas interessierte, die gerade zerstört worden waren. Letztlich war es aber eine zwischenmenschliche Angelegenheit. In Afghanistan gibt es ein Gastrecht. Wenn einen nachts ein Taliban beschützt, weil man bei ihm unterkommen muss, fühlt man sich sehr sicher.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Darstellung von körperlicher Gewalt auf ihren Fotos bewusst ausgespart?

Schwartz: Es gibt Bilder von Schmerz und Verletzung, aber sie sind nicht in der Berliner Ausstellung zu sehen. Bei der Abbildung direkter Gewaltanwendung stellt sich schon die Frage: Was erklärt ein solches Bild? Ich nenne mich nicht Kriegsfotograf. Ich bin schlichtweg Augenzeuge. Für mich ist das Bild eines alten Mannes an der Front mit zwei Taliban aussagekräftiger. Der alte Mann, der da steht und schikaniert wird, mag denken: "Ach, ihr dummen Kinder. Ich habe das alles schon einmal gesehen." Er weiß, er muss hier die Front passieren und der Preis sind ein paar Äpfel oder etwas Geld.

ZEIT ONLINE: Auf dem Foto mit dem Titel Unter den Augen der Taliban sieht man eine Frau in einer Burka, die sich einem Auto nähert, auf dessen Rückbank eine nicht erkennbare Person sitzt. Wie haben Sie es geschafft, trotz des Bilderverbots der Taliban diese Szene zu fotografieren?

Schwartz: Es war ein notwendiges Bild. Mullah Omar hatte eine Fatwa erlassen, die die Frauen aus dem Arbeitsalltag verbannte. Als ich 1998 zum ersten Mal nach Kabul reiste, saßen überall auf den Straßen bettelnde Frauen, wie kleine Pyramiden. Weil ich zu dem Zeitpunkt an einer Geschichte über die ökonomische Situation der Afghanen arbeitete, war ich angewiesen auf Bilder von Menschen, hatte aber ein Papier unterzeichnet, das mir verbot, sie zu machen. Ich wartete also, bis sich der Moment ergab, in dem der fotografische Instinkt so stark war, dass ich mich nicht mehr nach den Religionshütern umschaute, die überall standen, und drückte ab. Ich wusste, sie hätten mich auspeitschen, meine Kamera zerstören und mich aus dem Land ausweisen können. 

Leser-Kommentare
  1. "Der Westen begreift nicht, dass seine Anwesenheit erst recht zur Radikalisierung geführt hat"

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Und was bleibt?

    "... mittlerweile haben die alliierten Truppen eine Armee von 250.000 oft drogenabhängigen Soldaten aufgestellt, die unterwandert ist vom Widerstand, geführt von korrupten, mittelmäßig ausgebildeten, ineffizienten Offizieren und Generälen ..."

    Was für ein Chaos!

    • smojoe
    • 23.06.2011 um 18:22 Uhr

    zu hören der ausserhalb des üblichen politischen Gewäschs die Sache suf den Punkt bringt.
    Jetzt bitte auch die Deutschen Soldaten abziehen und dann können die Afghanen es selbst regeln.

  2. Allerdings drückt sich Schwartz sehr, sehr zurückhaltend aus, wenn er vom "größte(n) Problem der Missionare" spricht.
    Handelt es sich doch in Wahrheit um eine in bösartiger, heimtückischer Absicht ersonnene Strategie, um sich die Menschen gefügig zu machen und sie ausbeuten zu können.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Die beteiligten Politiker sollten mal einen Volkshochschulkurs in Wirtschaft belegen, kosten/nutzen und so..

  4. Und wenn Sie es nicht können, dann beschränken wir uns darauf auf Ihre Souveränität zu pfeifen kaufen uns ein paar Ethnien und sorgen dafür (Luftangriffe, Drohnen, Sabotage), dass das Land in der selbstgewählten Steinzeit bleibt.

  5. Als einer, der eineinhalb Jahre in Kabul gearbeitet hat und in dessen Pass diese Stadt auch noch als Wohnort eingetragen ist- der aber letztlich an westlichen(Management-) Strukturen primär dort gescheitert ist kann ich mich dem negativen Urteil nicht anschließen. Zu den Kommentaren hier mit den üblichen einseitigen Reflexen will ich mich gar nicht äußern.
    Auch der Westen steht vor drastischen Veränderungen- er ist teilweise mittendrin. In Afghanistan hat sich viel Potential entwickelt- viele Menschen, die hoch gebildet sind. Das beste Team, das ich je geleitet habe, das mit dem meisten Herzblut gearbeitet hat und-das dem wunderbaren Satz des US-Soziologen Richard Sennett folgend: „Gute Arbeit leisten heißt neugierig sein, forschen und aus Unklarheiten lernen.“(1) eben so an unsere Aufgaben herangegangen ist- das waren "meine" afghanischen Ingenieure.
    Vielleicht sollte man sich jetzt eben auch in den Demokraturen des Westens überlegen, ob man nicht allmählich fähigeren Leuten die Mittel gibt- denn- das ist doch die eigentliche Crux- hier wie dort- Technokraten ohne Ahnung von Menschen- geschweige denn von anderen Kulturen beherrschen das Bild und- in einem solchen Land muss man schneller entscheiden, als es solche Menschen gewohnt sind. Dann kann man auch mit "potentiellen Taliban" gut auskommen- wie Daniel Schwartz es ja auch ganz richtig beschreibt.
    (1)Handwerk- Richard Sennett;dt. Ausgabe:©2008 Berlin Verlag GmbH, Berlin, S.71
    http://anyarchitectsanden...

  6. Ich finde, das ist eines der realistischsten Lagebilder, die es derzeit zu Afghanistan gibt. Vielen Dank für das Interview.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Mir scheint, hier sind wirklich alle Afghanistanexperten versammelt, die es in Detuschland gibt. Und jeder hat auch noch seinen Kommentar gepostet. Respekt!

    Leute mal im Ernst: Ihr habt doch allesamt keine Ahnung wie es aktuell in Afghanistan ausieht. Da kann sich überhaupt kein einheitliches Lagebild ergeben, weil die Lage nicht überall gleich ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service