ZEIT ONLINE: Vhils, Sie sprengen Reliefs in Hauswände. Wie funktioniert das?

Vhils: Ich meißle die Zeichnung in die Wand und bringe Sprengstoff auf die offenen Flächen auf. Dann verputze ich das Ganze wieder, sprenge es in die Luft und erhalte so das Bild.

ZEIT ONLINE: Ist es schwer für Sie, eine "Arbeitsfläche" zu bekommen?

Vhils: Es kommt darauf an. Entweder werde ich eingeladen, eine Arbeit auf einer Fassade zu realisieren oder ich stoße auf Abrisshäuser und nehme dort kleine Eingriffe vor.

ZEIT ONLINE: Begonnen haben Sie mit Graffiti. Können Sie ihre technische Entwicklung hin zum Sprengen erklären?



Vhils: Graffitis forderten mich nicht mehr ausreichend heraus. Sie kommunizieren in erster Linie untereinander und erschließen sich nicht einfach. Im Schablonieren habe ich einen Weg gefunden, mehr Menschen zu erreichen. Als ich mit dieser Technik vertraut war, habe ich mit dem Schnitzen begonnen. Der nächste Schritt war das Sprengen.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen, dass Ihre Street Art die Grenze zum Vandalismus noch mehr ausreizt?

Vhils: Ich spiele mit dem Konzept des Vandalismus. Vandalismus bedeutet ja, dass Du etwas zerstörst, ohne etwas Neues zu schaffen. Aber ich zerstöre, um etwas zu kreieren. Ich arbeite mit diesem Kreislauf aus Zerstörung und Schöpfung.

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Sprengkunstwerke sind Porträts. Wer sind die Menschen, die darauf zu sehen sind?

Vhils: Es sind Fremde, Alltagshelden, die in der Stadt leben. Manchmal finde ich die Menschen auf Flohmärkten. Mir gefällt die Art, wie Städte ihre Bewohner prägen und die Bewohner ihre Stadt. Daher ritze ich diese Menschen in die Stadt ein.

ZEIT ONLINE: Woher kommt Ihre Begeisterung für die Gestaltung oder Umgestaltung von Wänden?

Vhils: In meiner Heimat Portugal gab es in den Siebzigern eine Wandmalerei-Bewegung. Nach der Revolution drückten die Leute so ihre Sehnsüchte und Hoffnungen aus. Mitte der Neunziger waren sie weg, überdeckt von Werbetafeln und Graffitis. In der industriellen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es noch einige Reste davon. Das Nostalgische hat mich damals berührt. Auf der einen Seite hattest Du eine Wandmalerei, auf der anderen Seite eine große Werbetafel und dann Werbung über den Malereien und Graffiti über der Werbung etc. Diese sich überlagernden Schichten haben mich interessiert, und ich begann, darin zu graben, das Zugrundeliegende freizulegen. Eine Art zeitgenössische Archäologie. Der Versuch, ein Porträt dieser Leute zu schaffen. Das Graben durch die Schichten unter der Fassade kann auch eine Metapher sein für meine Suche nach Identität.

 "Die Explosion und die Performance sind für mich wichtiger als die fertige Arbeit"

ZEIT ONLINE: Eine Auftragsarbeit, die Sprengung von Filmfiguren der neuen Steven-Spielberg-Serie Falling Skies , hat Sie erstmals nach Deutschland geführt. Wie passen Street Art und die Auftragsarbeit für einen Medienkonzern zusammen?

Vhils: Meine Auftraggeber haben mir ein interessantes Angebot geschickt. Ich konnte mehr Ressourcen für die Explosion nutzen und hatte gute Kameras zur Verfügung, um das Ganze zu filmen.

ZEIT ONLINE: Was ist bei Ihren Arbeiten wichtiger: das performative Moment der Explosion oder das fertige Werk?

Vhils: Gute Kameras sind die einzige Möglichkeit, diesen Moment festzuhalten. Die Wirkung ist eine andere – je nachdem, ob du der Explosion zuschaust oder in Slow Motion ansiehst, wie aus den Wänden ein Bild entsteht. Die Explosion und die Performance sind für mich also tatsächlich wichtiger als die fertige Arbeit.

ZEIT ONLINE: Existieren Ihre bisher realisierten Arbeiten eigentlich noch?

Vhils: Manche haben die Leute behalten, manche sind zerstört. Diese ephemere Qualität gehört zum Arbeiten auf der Straße. Du behältst immer im Hinterkopf, dass das, was du produzierst, morgen schon wieder verschwunden sein kann. Aber das gehört zu einer Stadt.