Fotograf Arnold Crane : "Ich wollte dem Moment ein Denkmal setzen"

Arnold Crane war der Fotograf der Fotografen. Im Interview erzählt er von der Kunst, sich unbemerkbar zu machen und warum er nichts von der digitalen Fotografie hält.
Fotografen lassen sich nicht gern fotografieren - außer von sich selbst: Arnold Crane auf einem Selbstporträt 1984. © Arnold Crane

ZEIT ONLINE: Es heißt, Fotografen ließen sich nicht gern fotografieren. Stimmt das?

Arnold Crane:
(lacht) Das ist nicht nur ein Gerücht! Ich hasse es, wenn jemand ein Foto von mir macht.

ZEIT ONLINE: Sie haben große Fotografen wie Man Ray, Walker Evans oder Henri Cartier-Bresson porträtiert. Wie haben Sie es geschafft, solch intime Bilder zu machen?

Crane:
Ich habe versucht, das Leben des Porträtierten nicht zu unterbrechen. Ich verwandelte mich in eine Fliege an der Wand und sagte: "Schau, ich bin nur hier, um dem Moment ein Denkmal zu setzen – nicht, um eine durchinszenierte Studioaufnahme zu machen." Man muss Vertrauen schaffen. Außerdem wussten sie, dass ich ihnen nicht schaden wollte, da ich den Auftrag vom Museum of Modern Art hatte, dieses Projekt zu machen.

Um die Porträts von Arnold Crane in einer Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Arnold Crane

ZEIT ONLINE: Die Porträtserie, die in dem Buch On the other side of the camera veröffentlicht wurde, war also nicht Ihre Idee?

Crane:
Nein. Edward Steichen, der damals Direktor der Fotografieabteilung des Museum of Modern Art war, schlug es mir vor, nachdem er meine Porträts von Man Ray gesehen hatte.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie das Angebot angenommen?

Crane:
Ich tat es nicht für mich, es war eher eine Mission. Ich fotografierte für die Zukunft, weil ich zeigen wollte, wer diese Menschen in meinen Bildern wirklich waren. Ich versuchte, ihr Milieu zu zeigen und fotografierte deshalb nicht nur sie, sondern auch ihre Kamerataschen oder Negativkästen, zum Beispiel die von Man Ray. Ein anderes Bild zeigt André Kertész' Türklingel. Es ist mein Lieblingsfoto, weil es eigentlich ein Porträt von Kertész ist.

Arnold Crane

Der amerikanische Fotograf Arnold Crane wurde 1932 in Chicago geboren. Neben seiner Tätigkeit als Jursit porträtierte er seit den 1960er Jahren im Auftrag des Museum of Modern Art die Ikonen der Fotografie des 20. Jahrhunderts. Die Serie erschien in dem Buch "On the other side of the camera", das 1995 erschien und noch im selben Jahr den renommierten Kodak Photobuch Preis bekam.

ZEIT ONLINE: Gab es jemanden, der sich nicht von Ihnen fotografieren lassen wollte?

Crane:
Ja. Margaret Bourke-White hatte Parkinson und ihre Krankenschwester wollte mich nicht zu ihr lassen. Richard Avedons Sekretärin verhinderte, dass ich ihm zu nahe kam und ich weiß bis heute nicht warum. Irving Penn ließ sich nie fotografieren. Und Alfred Eisenstaedt sagte (Crane verstellt seine Stimme und imitiert einen deutschen Akzent ): "Arnold, alle lassen mich komisch aussehen." Und ich erwiderte, "Eisi, ich werde dich nicht komisch aussehen lassen. So was mache ich nicht!" Er wollte nicht.

ZEIT ONLINE: In der Berliner Ausstellung werden Ihre Porträts durch die Werke der Porträtierten ergänzt. Inwiefern hat die Arbeit der Fotografen Ihre eigene Fotografie beeinflusst?

Crane:
Sie hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich kannte all ihre Bilder bevor ich zu ihnen kam und versuchte die Fotografen so zu sehen, wie sie sich selber sehen würden. Als ich Minor White fotografierte, wurde ich einen Tag lang zu einem Mystiker.
Manche sagen, ich hätte es geschafft, die Essenz der Personen einzufangen. Wenn überhaupt, habe ich die Essenz des Moments festgehalten, indem ich versuchte, für die jeweiligen Hundertstelsekunden die zu fotografierende Person zu sein.

ZEIT ONLINE: Wer hat Ihr Werk am meisten beeinflusst?

Crane:
Man Ray, Walker Evans und Garry Winogrand. Man Ray war ein sehr guter Freund. Als ich bei ihm war und er sein Vergrößerungsglas "Verre Laurent" vor mir hoch hielt und mich dadurch anschaute - das war´s. Solche Momente will man schaffen.

ZEIT ONLINE: Viele ihrer Bilder weisen ebenfalls eine sehr große Nähe zum Porträtierten auf. Wie sind Sie zum Beispiel Brassai so nahe gekommen?

Crane:
Ich suche nach dem Detail. (Crane kramt in seiner Hosentasche und zieht eine Lupe hervor). Ich habe sie immer dabei, um mir alles genau anzuschauen. Meine Frau sagt mir oft, ich solle nicht so starren, aber ich werde nicht damit aufhören. Ich starre, weil ich es mag, Menschen und Dinge genau unter die Lupe zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Ansel Adams hat mal gesagt: "An einem Bild sind immer zwei Menschen beteiligt: der Fotograf und der Betrachter." Würden Sie ihm zustimmen?

Crane:
Nein! Es sind drei Menschen. Obwohl, eigentlich sind nur der Fotograf und das fotografierte Subjekt beteiligt. Der Betrachter kann sich denken, was er will. Man sollte den Menschen ihre Fantasie lassen, aber sie werden nie verstehen, was in diesem besonderen Moment in dem Fotografen vor sich ging.

ZEIT ONLINE: 1995 wurde das Buch On the other side of the camera veröffentlicht. Ist das Projekt für Sie beendet?

Crane:
Ja. Die großen Fotografen sind alle tot.

ZEIT ONLINE: Sie haben kein Interesse daran, zeitgenössische Fotografen zu porträtieren?

Crane:
Nein. Es gibt einige großartige Fotografen bei White House Press, wo ich ebenfalls Mitglied bin. Aber das sind Fotojournalisten. Die Menschen, die ich gezeigt habe, sind die wahren Giganten der Fotografie des 20. Jahrhunderts und auch von heute. Die Digitalen schätze ich nicht, weil ihre Arbeit pure Manipulation ist. Die eigentliche Fotografie ist tot. Die Automatisierung des Handwerks hat die Kunst getötet.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

... leider ein intellektuell faules argument

"Die Digitalen schätze ich nicht, weil ihre Arbeit pure Manipulation ist. Die eigentliche Fotografie ist tot."

Das ist natürlich Unfug. Fotografie ist immer Manipulation, von der Auswahl des Moments bis zur Auswahl der Perspektive und der Entscheidung, was gezeigt und was nicht gezeigt wird. Auch Cartier-Bresson wurde Manipulation vorgeworfen, weil seine "spontanen" Momentaufnahmen sich als inszeniert heraus stellten. Sicher erweitert die Digitaltechnik das technologische Spektrum der Manipulationen, aber solange der Betrachter sich dessen bewusst ist, sehe ich da kein Problem, zumal die meisten Fotografen die Digitaltechnik genauso nutzen wie einst die Dunkelkammer. Die Wahrheit in der Fotografie ist eben immer die subjektive Wahrheit des Fotografien und ihre Schnittmenge mit der subjektiven Wahrheit des Betrachters. Bei allem Respekt für Herrn Crane, auch seine Portraits verkünden keine objektive Wahrheit. Sein Pauschalurteil über die digitale Fotografie ist schlichtweg falsch.

Fotografie gent weiter

Die eigentliche Fotografie ist noch lange nicht tot. So sprechen meist Fotografen welche sich nie mit dem neuen Medium beschäftigt haben . Digitale Fotografie bedeutet nämlich eine enorme Lernbreitschaft und eröffnet kreative Möglichkeiten von denen frühere Fotografen nicht mal geträumt haben. Ich bin überzeugt das alle grosse alte Fotografen sich mit Begeisterung diese Technik zu Nutze gemacht hätten

das...

...hauptproblem der digitalen fotografie ist das sie nichts mehr kostet. wenn jeder dödel täglich kostenfrei zehntausende fotos schiessen kann ist irgendwann vermutlich auch ein bild dabei. das wird dann in irgendwelchen online-fotoarchiven geparkt und von tageszeitungen und magazinen für billig gekauft, gedruckt oder zur ausschmückung des internetauftritts verwendet. was nicht genau passt wird passend gemacht. soviel zum thema lebensunterhalt freier fotografen. dazu kommt die gefahr das wir unsere geschichte verlieren. selbstverständlich gingen auch negative kaputt oder verloren. doch selbst aus einem stark beschädigten negativ kann digital wieder ein excellentes positiv erstellt werden(kürzlich an uralten glasnegativen wieder festgestellt), wenn die einsen und nullen einer datei aber erst einmal durchgemischt sind ist feierabend.
ich schliesse mich der letzten aussage aber gerne an. standbild ist tot, es lebe das video.