Berliner MauerVergessene Panoramen

Die Schriftstellerin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer haben Panoramabilder entdeckt, die die frühe Berliner Mauer zeigen. Hier sprechen Sie über den Fund und ihre Zusammenarbeit. von Christina Tilmann

Frage: Frau Gröschner, Herr Messmer, eine Schriftstellerin und ein Fotograf organisieren eine Ausstellung mit frühen Mauerbildern, die von Ost-Grenztruppen angefertigt wurden, und stellen dazu Texte, die vom Westen aus über die Mauer gerufen wurden. Wie hat alles angefangen?

Annett Gröschner: Ich war 1995 an einem Projekt über die Gleimstraße beteiligt und habe dafür im Militärhistorischen Archiv in Potsdam recherchiert. Dahin habe ich Arwed mitgenommen, und wir haben diese Bilder entdeckt, in einem Archivkarton, lauter zusammengerollte Negativfilme. Niemand hatte sie untersucht.

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Arwed Messmer: Als ich die Filme 1995 das erste Mal in der Hand hatte, hatte ich noch keine Ahnung, was mit ihnen technisch alles möglich ist.
Als ich für die Berlinische Galerie die Ausstellung So weit kein Auge reicht mit den Straßenpanoramen von Fritz Tiedemann zusammengestellt habe, habe ich mich an die Filme erinnert und bin noch einmal ins Archiv nach Freiburg gefahren, wo das Material inzwischen lag. Ich habe alle verrückt gemacht, weil ich die Signatur von 1995 nicht mehr hatte, sondern nur noch wusste: ein Karton mit Filmen von der Mauer. Aber die Archivare haben es gefunden.

Frage: Sie sind in gewissem Sinne ein Idealteam: Ein Fotograf und eine Schriftstellerin, er aus dem Westen, sie aus dem Osten, beide 1964 geboren. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Gröschner: Arwed wollte 1992 ein Buch über Trebbin machen, einen kleinen Ort in der Nähe von Berlin, und hat jemanden gesucht, der ihm einen Text schreibt. Aber mein Text wurde zensiert, er war dem damaligen Bürgermeister zu kritisch. Das kannte ich eigentlich nur aus DDR-Zeiten. Damals haben wir gesagt, dann machen wir eben etwas anderes zusammen.

Frage: Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit beschreiben?

Gröschner: Wir haben gemeinsam viel zum Thema Aufarbeitung gemacht. Uns interessierte: Wie war der Alltag in der DDR? Nehmen wir das Buch, das wir über das Kernkraftwerk in Rheinsberg gemacht haben. Es hätte nichts genutzt, wenn wir hingekommen wären und gesagt hätten: Wir haben etwas gegen Kernkraft, aber erzählt doch mal, was ihr hier macht. Es hat nur funktioniert, weil wir die Menschen dort in ihrem Beruf als Ingenieure ernst genommen haben, weil wir neugierig waren. Das kommt auch aus meiner Geschichte: Ich wurde die ersten 25 Jahre meines Lebens beständig belehrt, das brauche ich heute nicht mehr, und ich will auch niemanden belehren.

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