ZEIT ONLINE: Frau Martini, ihr Buch On Time zeigt 720 Fotos aus über vierzig Ländern. Auf jedem Bild ist eine Uhr zu sehen. Immer eine Minute später. Wie kamen Sie auf die Idee?

Alexandra Martini:
 Ich hatte früher einen Klappzahlenwecker, der mit einem Schütteln und Rasseln minütlich die Scheiben umfallen ließ. Der Wecker zeigte die Zeit als Bild und brachte mich vor 20 Jahren auf die Idee, eine bildbasierte Uhr zu machen. Die 720 Doppelseiten in meinem Buch stehen für 720 Minuten, also 12 Stunden, die der Betrachter dann in seinem eigenen Takt durchblättern kann. Zusätzlich ist die verstreichende Zeit auf den Uhren in den Bildern ablesbar.

ZEIT ONLINE: Woher kommt Ihre Leidenschaft für Uhren?

Martini:
 Es ist eher die Vielfalt der Situationen, Orte und Kontexte, in denen sie sich befinden, die mich fasziniert. Ich wollte die Choreographie der zwei Zeiger zeigen, die überall gleich ist. Auch wenn die Uhr an manchen Orten langsamer zu ticken scheint, ist die Zeit die Konstante, die unserem Leben einen Takt gibt. Außerdem trieb mich der innige Wunsch, wirklich alle Momentaufnahmen des Zeigerblatts gesammelt zu haben. Obwohl ich 10:15 Uhr mittlerweile wahrscheinlich 50 Mal habe.

ZEIT ONLINE: Sie sammeln Bilder von Uhren wie andere Menschen Briefmarken?

Martini:
Ich würde nicht auf eine Zeitbörse gehen oder Inserate schalten. Aber ich habe seit meinem Designstudium diverse Sammlungen angelegt, von Fotos von Objekten bis hin zu Dreidimensionalem.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei die Fotografie?

Martini: Sie ist für mich Vehikel des Sammelns. Denn eigentlich bin ich ja keine Fotografin, sondern Designerin. Weshalb der funktionale Aspekt dieses Projekts mindestens so wichtig ist wie der Fotografische. Aber die Fotografie gibt mir die Chance, die Typologie eines alltäglichen Objekts visuell zu erfassen. Außerdem ist der Bildband für mich zeitgleich ein persönliches Reisetagebuch und eine Möglichkeit, Menschen mit auf eine Zeitreise durch vierzig Länder zu nehmen.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Alexandra Martini

ZEIT ONLINE: Verbirgt sich hinter diesem Festhalten an erlebten Zeitpunkten auch ein nostalgisches Moment?

Martini:
Ich bin keine Nostalgikerin! Auch wenn die Bilder damit gerne assoziiert werden und auch ich selbst nicht davor gewappnet bin. Aber in dem Moment, in dem ich die Fotos mache, denke ich nicht darüber nach, dass die Gebäude – beispielsweise der Palast der Republik – irgendwann mal weg sein könnten, und ich sie bewahren müsste.

ZEIT ONLINE: In einem Interview sagten Sie einmal, dass "Designer wie Künstler die Welt zu einem besseren Ort machen wollen". Wie trägt Ihr Buch dazu bei?

Martini:
 Die Botschaft dieses Projekts ist gar nicht so tief greifend. Es geht vor allem um die Wahrnehmung des Alltäglichen. Wenn mein Buch jemanden inspiriert, selbst das Alltägliche mit einem besonderen Blick zu erfassen, sich in Gedanken fortzubewegen, oder das Flüchtige des Moments nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen und durch das Umblättern zu ertasten, dann hat es sich schon gelohnt.

ZEIT ONLINE: Am Ende des Vorworts entdeckt der Betrachter das Bild eines im Kreis laufenden Rhinozeros'. Was hat ein Rhinozeros mit der Zeit zu tun?

Martini:
 Als ich vor zwanzig Jahren die Idee hatte, eine bildbasierte Uhr zu machen, sah ich im Zoo ein Rhinozeros, das täglich die gleiche Runde ging und sich einmal im Jahr bis zur Hüfte in den Boden lief. Dieses Tier steht für mich sinnbildlich für das Verstreichen der Zeit, und das Foto wurde mein Leitmotiv. Ich habe es bis heute auf jeden Auslandsaufenthalt mitgenommen, als Erinnerung, dass ich das Projekt beenden sollte, dass die Zeit vergeht.