KunstmarktHauptstadt Hongkong

Christie’s und Sotheby’s Strategien, wie sie am dramatisch wachsenden chinesischen Kunstmarkt partizipieren können. von Matthias Thibaut

Geschäftsführer Steven Murphy (CEO) ist knapp ein Jahr neuer Manager von Christie’s und war bereits vier Mal in Hongkong. Die Zahl der Mitarbeiter in der dortigen Dependance hat er verdreifacht. Denn China ist für Christie’s und seinen Erzkonkurrenten Sotheby’s die größte Wachstumsherausforderung. Mit einem Schlag hat sich China mit einem Anteil von 33 Prozent am globalen Auktionsmarkt an die Spitze gesetzt – aber Murphy weiß: "Ausländer dürfen in China keine Auktionen abhalten. Trotzdem ist es eine riesige Chance für uns." In zwei Jahren werde Christie’s Asiengeschäft auf einer Stufe mit Europa und Amerika stehen. Alles von Hongkong aus? "Nein, auch von anderen Stützpunkten in Asien. Ich sehe es als unsere wichtigste Aufgabe, unseren Kunden zu dienen. Das tun wir nicht nur, indem wir Auktionen für sie veranstalten, sondern auch indem wir sie zu den Auktionen bringen. Wir helfen Chinesen in der Volksrepublik durch Büros in Beijing, Shanghai und anderen Orten, auch wenn die Transaktion dann in Hongkong oder Paris vollzogen wird." Chinesen sollen also bei Christie’s im Westen kaufen – am besten westliche Kunst.

Laut Murphy ist die Zahl der chinesischen Käufer in Christie’s-Auktionen im ersten Halbjahr 2011 um 20 Prozent gestiegen. Sotheby’s, wo man den chinesischen Mark mit der gleichen Mischung aus Expansionslust und Ratlosigkeit beobachtet wie bei Christie’s, ist noch genauer: 2010 waren bereits 13 Prozent aller Auktionskäufer weltweit Chinesen, 2004 waren es noch drei Prozent, eine Steigerung um mehr als das Vierfache. Am beeindruckendsten ist die Liquidität dieser Kunden: Die Gruppe chinesischer Kunstfreunde, die im Preissegment über 500 000 Dollar kauft, wuchs bei Sotheby’s um 433 Prozent. Kein Wunder, dass man auch bei Sotheby’s dem Dienst am chinesischen Kunden Priorität eingeräumt hat. CEO Bill Ruprecht versprach bei einer Bilanzpressekonferenz im Juli: "Wir werden unsere Ressourcen weiter so nah wie möglich an diese Märkte und die Kunden heranbringen, die für unsere Organisation am wertvollsten sind."

Anzeige

Den Anstieg seiner Beraterkosten von 29 Prozent im ersten Halbjahr begründet Sotheby’s mit "strategischen Initiativen, einschließlich Sotheby’s Präsenz in neuen Märkten wie China". Langfristig werden Kundenpflege und Markenwerbung nicht reichen, zumal die Konkurrenz nicht schläft. Beijing Poly International, mit über 1 Mrd. Euro Umsatz bereits drittgrößtes Auktionshaus der Welt, will in New York eine Niederlassung eröffnen und erwägt einen Börsengang, um sich als direkter Konkurrent aufzustellen. China Guardian, viertgrößter Auktionator, will in London expandieren, verkündete Vize-Präsident Kou Qin nach den Rekordauktionen im Frühjahr. Ein Börsengang würde wenigstens dafür sorgen, so Ruprecht, dass Polys "Wettlauf um Marktanteile" transparent und mit höheren Anforderungen an "betriebliches Können" und Regulierung erfolge.

Christie’s hat mittlerweile wenigstens einen Zeh in den chinesischen Markt eingetaucht. 2005 schloss man einen Lizenzvertrag mit dem Auktionshaus Forever in Beijing. Ziel ist, so ist in Christie’s-Kreisen zu hören, die Marke in China zu pflegen und den Entwicklungen nahezubleiben. Forever versteigerte im Frühjahr einige für den chinesischen Markt attraktive Werke der Sammlung Ullens – deren Gros Sotheby’s in Hongkong für 55 Millionen US-Dollar verkaufte. Aber mit einem Umsatz von 28 Mio. US-Dollar in den Frühjahrsauktionen ist Forever, ver-glichen mit Polys 947 Mio. US-Dollar, ein Zwerglein.

Christie’s pflegt die Beziehungen auch sonst. Aus gutem Grund. Das Auktionshaus zog mit der Versteigerung der beiden Brunnenfiguren aus dem Sommerpalast in der Sammlung Yves St. Laurent den Zorn der chinesischen Kulturbürokratie auf sich und leistet seitdem Abbitte, unter anderem mit dem Sponsoring von internationalen Ausstellungen des chinesischen Kulturministeriums. Solange es die Kulturbürokratie der Chinesen nicht erlaubt, dürfen westliche Auktionshäuser in China nicht investieren, auch nicht in Partner wie Forever. Andersherum gibt es solche Beschränkungen natürlich nicht. Was wäre also, wenn Christie’s Besitzer François Pinault Anteile an chinesische Partner verkaufen würde?

Spekuliert wird über einen Christie’s-Verkauf seit der französische Milliardär Pinault das Unternehmen 1998 erwarb – und solange wird auch schon rigoros dementiert. Pinault habe doch ganz offiziell zu den Akten gegeben, dass Christie’s nicht zum Verkauf stehe, erklärt auch Murphy: "Das hätte er ja nicht tun müssen. Ich weiß nur, dass ich jeden Morgen fröhlich zur Arbeit komme und mich nach Expansionsmöglichkeiten umsehe, und dass mich Pinault dabei mit Investitionen unterstützt."

Erschienen in der Zeitschrift Weltkunst, 11/2011

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte China | Auktion | Auktionshaus | Börsengang | Hongkong | Sammlung
    Service