AtomunglückProvinz Fukushima will alle AKW abschalten

Nach dem Reaktorunfall in Japan will die betroffene Region vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen. Am Unglücksort soll ein atomares Zwischenlager entstehen. von dpa

Die japanische Provinz Fukushima will nach dem schweren Atomunglück eine Zukunft ohne Kernreaktoren. Die Zentralregierung in Tokio und der Atombetreiber Tepco sollten alle zehn Atomreaktoren in der Provinz abschaffen, heißt es in einem Wiederaufbauplan der Präfektur. Sechs Reaktorblöcke befinden sich im schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, die anderen im AKW Fukushima Daini.

Vier der Reaktoren in Daiichi wurden bei dem schweren Erdbeben und anschließendem Tsunami am 11. März zerstört. Der Unfall in der Anlage löste den weltweit schwersten atomaren Unfall seit Tschernobyl 1986 aus. Zehntausende Menschen mussten die radioaktiv belasteten Gebiete um Fukushima verlassen. Die Regierung und der Atombetreiber Tepco hatten kürzlich bekanntgegeben, dass die Reaktoren nun unter Kontrolle seien – eine zweifelhafte Einschätzung. Nach Schätzung der Regierung wird es etwa 40 Jahre dauern, bis die Unglücksreaktoren vollständig abgerissen sind.

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Der neue japanische Regierungschef Yoshihiko Noda hatte sich für eine langfristige Reduzierung der Abhängigkeit von der Kernenergie sowie den Ausbau erneuerbarer Energien ausgesprochen. Allerdings will sich Noda – anders als sein Vorgänger Naoto Kan – nicht auf einen vollständigen Ausstieg aus der Atomkraft festlegen. Japan sei zumindest noch bis 2030 darauf angewiesen.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
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Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Die Provinz Fukushima will nun ganz raus aus der Atomenergie und auf erneuerbare Energien setzen. Durch den Wiederaufbau und die Entwicklung Fukushimas hoffe man, dass die aus der Provinz geflohenen Bewohner, besonders die Jüngeren, ermutigt werden, wieder zurückzukommen, wurde der Gouverneur Yuhei Sato zitiert.

Der Gouverneur traf sich mit Japans Umweltminister Goshi Hosono, der in der Provinz ein Zwischenlager für verseuchten Boden und strahlenden Abfall aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bauen lassen will. Die Anlage solle nach Wunsch der Regierung in Futaba errichtet werden, wo die Atomruine steht.

Da die Bewohner der Region wegen der hohen radioaktiven Strahlung voraussichtlich auf lange Zeit nicht in ihre Heimat werden zurückkehren können, erwägt die Zentralregierung in Tokyo, Landstücke von den Besitzern aufzukaufen oder zu pachten. Auf diese Weise könnte Platz für das geplante Zwischenlager geschaffen werden. Geplant sei, bis Ende März 2013 einen Bauplatz auszusuchen. Anfang 2015 könnte dann der erste radioaktive Abraum und Müll dort zwischengelagert werden. Das Lager solle bis zu 30 Jahre lang bestehen. Die Frage eines Endlagers ist noch ungeklärt.

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Leserkommentare
  1. Ein ähnliches Bild sah ich in einem Bericht über erfolgreiche Maßnahmen gegen radioaktive Verstrahlung - das Sonnenblumenprojekt in Minami Soma City (Autor Prof. Dr. Teruo Higa). - Es würde mich freuen, wenn DIE ZEIT recherchierte und darüber berichtete. -

    • xpeten
    • 28. Dezember 2011 14:09 Uhr

    bis Japan komplett auf AKWs verzichtet. Andere werden folgen. Einer nach dem anderen. Auch wenn es noch eine Weile dauert, das endgültige Ende der Atomenergie ist längst eingeläutet. 40 Jahre Protest hatten dazu leider nicht gereicht, es mussten sich erst wiederholt Katastrophen ereignen.

    Jedenfalls auch die Bestätigung für das völlig richtige und beispielhafte Vorgehen Deutschlands, hier als anerkannter Technologievorreiter ein Zeichen zu setzen und den Anfang zu machen - gegen die Pro-Atom-Propaganda der Energie-Lobbyisten und trotz Spottes und an die Wand gemalter Untergangsszenarien derjeniger, die es gewohnt sind, die Argumente der Lobbyisten unkritisch und ungeprüft zu übernehmen.

    • E.Wald
    • 28. Dezember 2011 17:21 Uhr

    In Deutschland lese ich in der Regel, dass nur Deutschland so hysterisch auf das Erdbeben und den Tsunami reagiert werde, alles ja gar nicht schlimm sei, weil schließlich ja keiner am Reaktorunfall (unmittelbar) gestorben sei und die Anlage ja nicht wie die in Tschernobyl explodiert sei.

    Offenbar sehen die betroffenen Menschen das doch anders.

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    • xpeten
    • 28. Dezember 2011 19:08 Uhr

    , die ich ansprach, "hysterische" Reaktion war oft zu lesen, "nicht so schlimm" auch, dass keine Anlage explodiert sei, habe ich nicht gelesen: es sind sogar mehrere Anlagen explodiert.

    Und mal eines ganz klar: Jeder halbwegs verantwortlich denkende Mensch gehört zu den "betroffenen Menschen", ganz egal, wo man lebt. In Fukushima, in Berlin oder in der Vulkaneifel. Das ist ja gerade der Skandal, dass im 21. Jahrhundert noch Leute hinter ihren sieben Bergen hocken und meinen, Japan liegt irgendwo ganz hinten in der großen, weiten Welt.

    • xpeten
    • 28. Dezember 2011 19:08 Uhr

    , die ich ansprach, "hysterische" Reaktion war oft zu lesen, "nicht so schlimm" auch, dass keine Anlage explodiert sei, habe ich nicht gelesen: es sind sogar mehrere Anlagen explodiert.

    Und mal eines ganz klar: Jeder halbwegs verantwortlich denkende Mensch gehört zu den "betroffenen Menschen", ganz egal, wo man lebt. In Fukushima, in Berlin oder in der Vulkaneifel. Das ist ja gerade der Skandal, dass im 21. Jahrhundert noch Leute hinter ihren sieben Bergen hocken und meinen, Japan liegt irgendwo ganz hinten in der großen, weiten Welt.

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    Sie haben Recht, man soll die Argumente der Energielobby nicht unkritisch hinnehmen. Die Lobby der Erneuerbaren Energien ist mittlerweile wesentlich größer und einflussreicher als die Atomlobby. Allein der Bundesverband der Solarwirtschaft hat heute schon mehr Vollzeitmitarbeiter in Berlin als das Atomforum. Es wird zudem offiziell vom Bundesumweltministerium unterstützt. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ist deutlich zu den Erneuerbaren gedriftet. Vielleicht sind es ja gerade die Fans der Erneuerbaren Energien, die zwar wohlmeinend aber etwas zu unkritisch sind!? Die Fotovoltaik macht gerade einmal 2% des Strombedarfs in Deutschland aus, kostet 8 Mal so viel wie konventioneller Strom und wird von allen Bürgern, die nicht selbst Investoren sind, bezahlt. Zusätzlich müssen noch fossile Schattenkraftwerke mitlaufen, so dass auch die CO2-Bilanz nicht überzeugt. Die Technik hinkt als Ganzes, da nachts keine Sonne scheint und man Strom nicht speichern kann. Für diese Probleme sind trotz anderslautender Aussagen weit und breit keine Lösungen in Sicht (Quelle www.naeb.de).
    Ein zweiter Punkt: In der Präfektur Fukushima soll auf Kernkraft verzichtet werden. Das ist wohl eine Frage des Stils, denn das möchte man den Menschen dort nicht zumuten, an dieselbe Stelle ein neues KKW hinzubauen. Japan hat sich jedoch nicht von der Kernenergie abgewendet, sondern möchte den Energiemix zugunsten der Erneuerbaren verändern.

  2. Sie haben Recht, man soll die Argumente der Energielobby nicht unkritisch hinnehmen. Die Lobby der Erneuerbaren Energien ist mittlerweile wesentlich größer und einflussreicher als die Atomlobby. Allein der Bundesverband der Solarwirtschaft hat heute schon mehr Vollzeitmitarbeiter in Berlin als das Atomforum. Es wird zudem offiziell vom Bundesumweltministerium unterstützt. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ist deutlich zu den Erneuerbaren gedriftet. Vielleicht sind es ja gerade die Fans der Erneuerbaren Energien, die zwar wohlmeinend aber etwas zu unkritisch sind!? Die Fotovoltaik macht gerade einmal 2% des Strombedarfs in Deutschland aus, kostet 8 Mal so viel wie konventioneller Strom und wird von allen Bürgern, die nicht selbst Investoren sind, bezahlt. Zusätzlich müssen noch fossile Schattenkraftwerke mitlaufen, so dass auch die CO2-Bilanz nicht überzeugt. Die Technik hinkt als Ganzes, da nachts keine Sonne scheint und man Strom nicht speichern kann. Für diese Probleme sind trotz anderslautender Aussagen weit und breit keine Lösungen in Sicht (Quelle www.naeb.de).
    Ein zweiter Punkt: In der Präfektur Fukushima soll auf Kernkraft verzichtet werden. Das ist wohl eine Frage des Stils, denn das möchte man den Menschen dort nicht zumuten, an dieselbe Stelle ein neues KKW hinzubauen. Japan hat sich jedoch nicht von der Kernenergie abgewendet, sondern möchte den Energiemix zugunsten der Erneuerbaren verändern.

  3. Keine schlechte Idee, ein Zwischenlager dort zu errichten, wo sowieso schon alles strahlt...

    • Heim531
    • 02. Januar 2012 16:39 Uhr

    Rein theoretisch ist es möglich Strom zu speichern. Wenn man die Energie, die nicht verwendet wird (Überschuss) in die Elektrolyse von Wasser eingesetzt wird, kann man für gewisse Zeit auch Nachts über Strom erzeugen. Das ist allerdings nicht ungefährlich...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte AKW | Atomenergie | Atomkraft | Atomkraftwerk | Endlager | Energie
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