Andy Warhol "Headlines"Mantras der Massenkultur

Die Schlagzeilen der New Yorker Klatschpresse lieferten Andy Warhol jede Menge Stoff für sein kolossales Œu­v­re. Aus Storys zu Stars und Katastrophen machte er Kunst. von Sabine Weier

Andy Warhol im Jahr 1971

Andy Warhol im Jahr 1971  |  © Evening Standard/Getty Images

Andy Warhol nimmt einen Hamburger aus einer Papiertüte, isst ihn auf, schaut in die Kamera und sagt : "Mein Name ist Andy Warhol und ich habe gerade einen Hamburger gegessen." Die Szene aus dem dänischen Dokumentarfilm 66 Szenen aus Amerika konzentriert, was den Pop-Papst faszinierte: das Banale, den Starkult und die Verbindung von beidem. Wäre Andy Warhol nicht Andy Warhol, würde keiner sehen wollen, wie er einen Hamburger isst – bei YouTube zählt der Clip schon weit über eine halbe Million Aufrufe.

Als Andrew Warhola, Sohn von slowakischen Einwanderern aus Pittsburgh , in die Metropole New York kam, um sich als Werbegrafiker zu verdingen, war er plötzlich ganz nah dran. Er konnte den Stars auf der Straße oder in den Clubs begegnen, die er bisher nur von den Titelseiten der Boulevardblätter kannte. Warhola wollte einer von ihnen sein. Er stilisierte sich zu Andy Warhol, dem exzentrischen blassen Künstler mit Sonnenbrille und silberblonder Perücke. Die Klatschpresse blieb zeitlebens seine größte Inspirationsquelle. Rund 80 Gemälde, Zeichnungen, Siebdrucke, Fotografien, Skulpturen und Videos zum Thema sind jetzt in der Ausstellung Warhol:Headlines im MMK zu sehen .

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In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte sich in den USA eine Konsumkultur, zu deren Auswüchsen auch der Boulevard-Journalismus gehörte. Die Masse verschlang neben Hamburgern und Dosensuppen Skandale und banale Details aus dem Leben von Stars Elisabeth Taylor oder Elvis Presley . Blätter wie die New York Post oder die Daily News lieferten täglich neue Häppchen – Warhol griff zu. In seinen Arbeiten erhob er die Schlagzeilen zu Mantras der Massenkultur.

Maler, Schauspieler und Musiker gehörten zum Inventar seiner Factory, der Schaltzentrale seiner Produktionsmaschinerie. Täglich durchforstete er an seinem Schreibtisch die Klatschpresse. Neben ihm stand ein großer Karton, in den alles flog, was er nicht brauchte. War die Kiste voll, klebte er sie zu und bewahrte sie auf. Bis zu seinem Tod im Jahr 1987 entstanden 612 dieser Time Capsules , das MMK öffnet die Hundertsiebzigste.

Aus der täglichen Informationsflut fischte Warhol Titelseiten und Pressefotos und verarbeitete sie zu Kunst, anfangs malte und schrieb er ganze Zeitungsseiten von Hand nach. Er reinszenierte die mediale Inszenierung. Warhol wandelte Namen ab, veränderte Titel, sparte Stellen aus und machte Bilder so unkenntlich, dass man ganz genau hinsehen muss, um beispielsweise im Siebdruckgemälde Green Disaster #2 den toten Körper zu erkennen, der aus einem Auto hängt. Dafür setzte er das Pressefoto eines Unfalls mehrfach nebeneinander und kommentierte so die Befriedigung der Sensationslust der Massen in Endlosschleife.

Ein Attentat brachte Warhol selbst in die Schlagzeilen

Zu Schicksalsschlägen und Tod, Lieblingsthemen der Boulevardblätter, produzierte Warhol eine ganze Reihe von Werken. Auf einem großformatigen Gemälde prangt die Schlagzeile "129 Die in Jet" , darüber der Titel: New York Mirror . Warhol entlarvt den Betrachter als Katastrophen-Konsument – für 5 Cent pro Ausgabe.

1968 wurde er selbst zum Opfer: Die radikale Feministin Valerie Solanas schoss auf ihn, ausgerechnet in seinem Reich, der Factory. Minuten nach seiner Ankunft im Krankenhaus war der Künstler klinisch tot und musste wiederbelebt werden. "Andy Warhol kämpft um sein Leben" titelte die New York Post neben Fotos von Warhol und Solanas; auf den New York Daily News war die Schlagzeile "Schauspielerin erschiesst Andy Warhol" zu lesen. Warhol überlebte, seine Kunst verkaufte sich danach besser als je zuvor. Er wurde zum Superstar und war in der Presse fortan eine feste Größe.

Andy Warhol mit Produzenten und Schauspielerin bei der Präsentation seines Films "Trash" im Hotel Ritz, London

Andy Warhol mit Produzenten und Schauspielerin bei der Präsentation seines Films "Trash" im Hotel Ritz, London  |  © Powell/Express/Getty Images

In den 1980er Jahren entstanden neue Arbeiten zu Boulevard-Titeln, viele in Kooperation mit Künstlerkollegen wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring . Kriegsberichte reizten Warhol genauso wie die Empörung über Nacktfotos der Pop-Ikone Madonna. Die New York Post-Headline "Madonna: I’m not ashamed" strotzt auf einer seiner Leinwände, um Madonnas selbstbewusstes Lächeln tanzen Harings berühmte Graffiti-Figuren.

Zu Warhols Lebzeiten herrschten echte Diven über die Klatschpresse. Heute kann es auch ein B-Promi auf einen Titel schaffen. Die modernen Doku-Soaps und Casting-Shows, die ihre eigenen Stars hervorbringen, würden Warhol sicher gefallen – in seiner Factory produzierte er neben Kunst auch Ikonen. Der socialite Edie Sedgwick, einem Model, widmete er mehrere seiner Low-Budget-Filme, in denen die junge Frau vor allem sich selbst spielte . Warhols Filme basierten auf schlichten Storys, waren teils improvisiert und trugen Titel wie Trash oder Flesh . Der Künstler castete dafür junge Wilde und Dragqueens von der Straße und nahm sie in den Zirkel der "Warhol-Superstars" auf. Einige von ihnen erreichten Kultstatus, etwa Joe Dalessandro, der zu Warhols Muse und zum Sexsymbol der Szene wurde.

1968 zitierte der wortkarge Künstler den Medienphilosophen Marshall McLuhan mit dem Satz: "In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes." Tatsächlich ist heute nahezu jeder nur ein paar Klicks von den eigenen 15 Minuten Weltruhm entfernt. Andy Warhol hätte YouTube geliebt. Vielleicht ahnte er, dass ihm eines Tages so viele Fans beim Hamburger-Essen zuschauen würden.
 

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Andy Warhol | Elvis Presley | Casting-Show | Doku-Soap | Keith Haring | USA
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