Transmediale BerlinSchockeffekte für die Digitalkunst

Stimmige Krisendiagnostik oder blanke Effekte? Die 25. Transmediale in Berlin hat besonders die dunklen Seiten der Technik im Blick. Der Besuch kann deprimierend wirken. von 

Die Installation "Health & Safety Violation #36 - Bite you on your ass and kiss your socks goodbye" des britischen Künstlers Ben Woodeson im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Die Installation "Health & Safety Violation #36 - Bite you on your ass and kiss your socks goodbye" des britischen Künstlers Ben Woodeson im Haus der Kulturen der Welt in Berlin  |  © Jens Kalaene dpa/lbn

"Diese Installation ist gefährlich", warnt das Papier. "Kein Witz!" Die Rede ist von den mannshohen Kupferstäben, die Ben Woodeson   im Eingangsbereich des Haus der Kulturen der Welt aufgestellt hat. Der Besucher muss erst eine Erklärung unterschreiben: Er betritt die Health & Safety Violation #36 auf eigene Gefahr. Berührt er zwei der Stäbe zugleich, bekommt er einen ordentlichen Stromschlag verpasst. "Ein harmloser Kuhzaun ist das wirklich nicht!", ruft der Mann, der sich eben freiwillig zum Versuch gemeldet hat. Er sieht tatsächlich ein wenig erschrocken aus.

in/compatibel ist das Oberthema der diesjährigen Transmediale, was angesichts solcher physischer Erfahrungen eher harmlos klingt. Man muss an Software und Betriebssysteme denken, Stecker und Dosen, Staubsauger und Beutel. Aber Kristoffer Gansing, der als neuer künstlerischer Leiter Europas renommierte Schau der digitalen Kunst zu verantworten hat, denkt in größeren Dimensionen. Betrieb und System sind es, so glaubt er, die nicht mehr zusammengehen wollen. Gansing will die Glücksversprechen von Cloud Computing , Sozialen Netzwerken und Unterhaltungselektronik hinterfragen.

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So viel negative Stimmung war selten. Stimmt, da war ja was. Krise.

Ausgerechnet die Künstler, die das System unterwandern, sollen es wiederbeleben: Hacker unterbrechen das System und erzeugen Spannungen. Sie könnten für ein "erneuerndes Potential" sorgen, schreibt Gansing im Programmtext. So wie der Künstler jon.satrom mit seiner Glitch -Performance , der auch zur Eröffnungsveranstaltung auftrat? Er nutzt gezielt die Fehler von Programmen wie QuickTime, um aus kleinen Verzerrungen im System große Kunstwerke zu entwickeln.

Die Frage ist, ob man die digitale Kunst mit einer solchen Korrektur-Behauptung nicht überfrachtet. Kurzschlüsse, Zusammenbrüche und Systemabstürze finden sich in der Tat viele in der Ausstellung, bis hin zu zerschlagenen Computern von frustrierten Spieljunkies . Aber nach einer gesellschaftlich anschlussfähigen Utopie sucht man vergebens. Stattdessen viel Düsteres, vor allem in der von Jacob Lillemose verantworteten Schau Dark Drives . Betritt der Besucher die dunklen Gemächer im Keller des Hauses, empfangen ihn Waffen, Wutschreie und Selbstmord-Protokolle.

Oder das Video vom Bureau of Inverse Technologie: Es dokumentiert in nüchternen Worte die Geschichte der Suicide Box , einem Bewegungsmelder für vertikale Richtungen. Die Künstler haben die Box an der Golden Gate Bridge aufgestellt. "Daraufhin maß das Gerät in den 100 Tagen der ersten Anbringung 17 Ereignisse an der Brücke", heißt es im Protokollton. San Francisco gilt schließlich sowohl als Selbstmordhauptstadt der USA als auch als letzte Stadt vorm Silicon Valley , als Tor zum Informationszeitalter also.

Interface von Bjørn Erik Haugen zeigt aus der Perspektive eines Apache-Hubschraubers, wie ein Soldat mit dem Maschinengewehr Menschen tötet. Dabei kommuniziert er mit dem Hauptquartier des Militärs. Die Bilder erinnern so sehr an Computerspiele, dass man sich selbst bei dem Gedanken erwischt: "Hey, der Schlawiner da unten huscht doch unter den LKW, abdrücken!"

Leserkommentare
    • eeee
    • 05. Februar 2012 7:31 Uhr

    geht jetzt also zur Körperverletzung über, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen

    • Meryll
    • 05. Februar 2012 11:47 Uhr

    Ich war da letztes Jahr, das ist absolut abgehobene ,,Kunst''. Einzig die Kurzfilme, die Arte bereitgestellt hat, haben mir gefallen.

  1. dann brauche ich da nicht mehr hin.

    So viel negative Stimmung war selten.
    Stimmt, da war ja was. Krise.
    Installationen und Performances... können schon ein wenig anstrengend sein und erschließen sich nicht unbedingt dem Betrachter und/oder Zuhörer.

    Wetering

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Berlin | Bewegungsmelder | Hacker | Künstler | Software | Unterhaltungselektronik
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