Fotografin Francesca WoodmannFeministin, Surrealistin, Gothic-Heldin

Francesca Woodman war eine Künstlerin mit vielen Gesichtern. 1981 setzte die Fotografin mit 22 ihrem Leben ein Ende. Annabelle Hirsch über die Wiederentdeckung ihres frühreifen Werks. von Annabelle Hirsch

Was früher in der Kunst nicht ungewöhnlich war, nämlich dass ein Künstler seinen wirklichen Durchbruch erst postum, teilweise Jahrzehnte nach seinem Tod erfuhr, ist in unserer hysterischen Zeit der Ein-Werk-Wunder selten geworden. Die amerikanische Fotografin Francesca Woodman ist noch solch ein Relikt, für sie kam der Erfolg fünf Jahre zu spät. Als sie sich 1981, im Alter von gerade einmal zweiundzwanzig Jahren das Leben nahm, hinterließ sie ein Werk von rund 800 Arbeiten sowie mehreren Künstlerbüchern und Tausenden Negativen. Allein schon durch seinen Umfang für diese überaus kurze Schaffensperiode nötigt es großen Respekt ab. Hier meinte es jemand sehr ernst und hatte doch zugleich nicht die Möglichkeit, auf die Rezeption seines Werks Einfluss zu nehmen oder sie zumindest zu kommentieren.

Im Alter von dreizehn nahm Woodman, 1958 als Tochter einer Künstlerin und eines Malers in Denver im US-Bundesstaat Colorado geboren, zum ersten Mal eine Kamera in die Hand. Und ließ sie fortan nicht mehr los. Dabei stand im Zentrum des Blickes immer sie selbst. Erstaunlich an ihren Schwarz-Weiß-Arbeiten ist vor allem ihre von Beginn an klar abgezeichnete, ganz individuelle ästhetische Sprache, etwas, das so mancher Künstler sein Leben lang erfolglos sucht: In Self-Portrait at 13, einer ihrer frühesten Arbeiten, sitzt Woodman, vom Betrachter abgewendet, auf einer Bank, den Selbstauslöserknopf in der rechten Hand. Von ihr selbst ist auf dem leicht verschwommenen Bild lediglich ihr bekleideter Körper und das offene Haar zu erkennen, wodurch sie als gesichtsloser Gegenstand, als Teil des unpersönlichen Raumes wahrgenommen wird.

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Schon hier ist deutlich die melancholische Grundstimmung ihrer Arbeiten spürbar, und man erkennt den spielerischen Umgang mit dem Genre des Selbstporträts, der nahezu sämtliche ihrer späteren Bilder auszeichnet. Durch ein stetiges Schwanken zwischen An- und Abwesenheit, das sie selbst niemals wirklich greifbar, trotzdem aber immer zum Thema macht, bricht sie mit dem klassischen Genre der Fotografie. Sie macht es zum Schauplatz unheimlicher Erscheinungen: Was man dort sieht, ist niemals ganz lebendig, aber auch nie ganz tot.

Dieses tiefe und geradezu frühreife Verständnis, das Francesca Woodman für die ambivalente Beziehung ihres Mediums zum Tod mitbringt (als hätte sie Walter Benjamin und Roland Barthes genauestens studiert), sollte sich dann während ihrer Lehrjahre an der Rhode Island School of Design in Providence zu einer ganz eigenen Ästhetik verdichten. Sie studierte dort von 1975 bis 1978 Fotografie, in dieser Zeit verbringt sie ein Jahr in Rom.

Durch ihre enge Beziehung zum Künstlerkreis rund um die Libreria Maldoror in Italien kam sie mit dem Surrealismus in Berührung. Der formale Einfluss von Künstlern wie Man Ray und insbesondere Hans Bellmer ist unschwer zu erkennen, nur dass sie deren fetischisierenden Blick auf den weiblichen Körper ins Leere laufen lässt. Francesca Woodman im Bild ist nicht Francesca Woodman. Sie ist weder Frau noch Objekt, sondern taucht nur momenthaft wie ein Geist auf und entzieht sich dann doch gleich wieder.

So faszinierend ihr komplexes Werk heutzutage auch erscheint, so wenig bekannt war es zu Woodmans Lebzeiten. Nach ihrem Studium zog die junge Fotografin nach New York, tat sich dort allerdings sehr schwer damit, Fuß zu fassen. Obwohl sie bereits Ende der Siebzigerjahre an vereinzelten Gruppenausstellungen teilnahm, blieb ihr der große Durchbruch versagt. Erst eine Ausstellung fünf Jahre nach ihrem Tod sollte dies ändern. 1986 organisierte das Wellesley Art Museum ihre erste große Einzelschau, die kurz danach im Hunter College in New York zu sehen war und die Fotografin schlagartig bekannt machte.

Allerdings war die Epoche, in der die sogenannten Gender Studies aufblühten, für Woodmans Ästhetik und ihr Themenspektrum auch ganz besonders anfällig. Man hatte eben erst die surrealistischen Fotografien Claude Cahuns wiederentdeckt und feierte Cindy Sherman mit ihren "Untitled Film Stills" als Heldin der feministischen Kunst. Cahun, deren fotografische Arbeiten hauptsächlich in den Dreißigerjahren entstanden waren, spielte in ihren Selbstporträts mit der Travestie. Sie zeigte sich mal als Mann, mal als Frau, vor allem aber niemals als sie selbst und wurde damit als Vorreiterin für Künstlerinnen wie Sherman betrachtet. Der theoretische Kontext, in dem Francesca Woodmans Arbeiten Mitte der Achtzigerjahre rezipiert wurden, ließ der Interpretation auf diese Weise nur wenig Freiraum und konditionierte den Blick auf das Werk quasi automatisch. Denn schließlich hatte sich auch Woodman selbst zum Thema gemacht und ließ eine gewisse Ambivalenz in Identitätsfragen durchscheinen.

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