Pariser Ausstellung Der Mensch als Ausstellungsobjekt

Rassismus und Showbusiness: Der kolonialen Zurschaustellung des Fremden in Menschenzoos widmet sich eine grandiose Schau im Pariser Musée du Quai Branly.

Die Ausstellung "Exhibitions: Die Erfindung des Wilden" in Paris

Die Ausstellung "Exhibitions: Die Erfindung des Wilden" in Paris

Als der Hamburger Zoo- und Zirkusdirektor Carl Hagenbeck 1875 neben einer Rentierherde zum ersten Mal eine Gruppe von Lappländern ausstellte, die ihm beim Transport der Tiere geholfen hatte, legte er damit den Grundstein für ein florierendes Geschäft. Mit seinen Völkerschauen sollte der Circus Carl Hagenbeck in der Folgezeit richtig berühmt werden.

Statt wie bis dahin üblich nur eingesperrte Tiere zu zeigen, fing man nun an, ganze Dörfer nachzubauen, die Authentizität vorspiegelten und das vermeintlich natürliche Zusammenleben von Mensch und Tier in der Ferne nachahmten. Was sich dort mehr an der Fantasie als den realen Lebensbedingungen orientierte, sollte dem hochzivilisiert gaffenden Publikum suggerieren, dem "echten" Leben der anderen beizuwohnen, und dem Zirkusdirektor die Kasse füllen.

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Doch die Zurschaustellung von Eingeborenen und Exoten begann im Grunde schon mit der Entdeckung Amerikas. Damals verschiffte Christoph Kolumbus zum Beweis seiner Heldentat sechs amerikanische Ureinwohner nach Europa und stieß dort auf eine Mischung aus Begeisterung, Verwunderung und Anziehung. Voller Neugier näherte man sich den Fremden, die man so recht nicht einordnen konnte. Waren sie nun mehr Mensch oder Tier?

Ihren Höhepunkt erreichte die kommerzielle Ausnutzung dieser Faszination dann im Laufe des 19. Jahrhunderts. Damals verbreitete sich das Phänomen der Menschenschauen rapide, nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika und Asien. Zum einen, weil fortgeschrittene Kolonialisierung ferne Weltgegenden näherrückte, zum anderen, weil dadurch die Überlegenheit der sogenannten zivilisierten Welt gegenüber den "Wilden" nicht nur behauptet, sondern ganz real demonstriert werden konnte. So begann man, die Fremden nicht nur in Völkerschauen oder Tierparks, sondern auch im Varietétheater, im Kabarett und anlässlich der Weltausstellungen sogar vor Zigtausenden von neugierigen Besuchern wie exotische Tiere zu präsentieren. Das alles, so war die vorherrschende Meinung, selbstverständlich im Dienst der Aufklärung sowie eines evolutionstheoretischen Interesses.

Die Schlüsselrolle, die dem Tierhändler Carl Hagenbeck bei dieser Entwicklung in Deutschland zukam, kann man bei einem Besuch des Zoos in Hamburg-Stellingen noch heute erahnen: Über den Eingangstoren des Tierparks Hagenbeck sind neben in Stein gemeißelten Bären, Elefanten und Löwen auch die Silhouetten zweier Männer zu sehen. Der eine trägt einen Speer, und der andere schwingt eine Axt.

"Während unserer Recherchen haben wir vieles gesehen, aber dieses Eingangstor hat mich am meisten bewegt", berichtet Lilian Thuram, der einst in der siegreichen französischen Fußballnationalmannschaft von 1998 spielte. Jetzt sitzt der frühere Abwehrspieler in der lichtdurchfluteten Bibliothek des Musée du Quai Branly in Paris und erzählt von seinen Recherchen als Kurator der Ausstellung Exhibitions. Die Erfindung des Wilden. Sie gewann erst vor Kurzem den "Globes de Christal" als beste Ausstellung des Jahres in Frankreich und ist mit mehr als 100.000 Besuchern einer der größten Erfolge seit der Eröffnung des Ethnologiemuseums im Jahr 2006.

Erschienen in Weltkunst.

Erschienen in Weltkunst.

Für Thuram, geboren in Guadeloupe, von wo er mit neun Jahren nach Frankreich kam, ist die Beschäftigung mit der Zurschaustellung des Fremden eine Herzensangelegenheit. Er, der als Kind häufig als "dumme schwarze Kuh" gehänselt wurde, sieht "Exhibitions" als einen Versuch, die Ursprünge des Rassismus aufzudecken und zu verstehen, wie sich die damals durch populärwissenschaftliche Studien angeregten Vorurteile derart verfestigen konnten: "Unsere These ist es, dass die Völkerschauen, die Shows und Menschenzoos der Ausgangspunkt für den Rassismus und die Xenophobie waren." Zusammen mit dem Historiker Pascal Blanchard und der Kuratorin Nanette Jacomijn Snoep hat sich Lilian Thuram auf die Spuren der Menschenzoos begeben und versucht, anhand einer umfassenden Materialsammlung aus Plakaten, populärwissenschaftlichen Studien, Gemälden, Fotografien und Filmsequenzen nachzuvollziehen, wie das Bild des Fremden im 19. Jahrhundert durch dieses massenkulturelle Phänomen geprägt wurde – als das eines Kuriosums, ja Freaks.

So begegnet der Besucher in den etwas zu vollgestopften Räumen über der Dauerausstellung dem Schicksal von Saartjie Baartman, der berühmten "Venus Hottentotte", die mit ihren beeinduckenden Rundungen ab 1810 erst in London und später in Paris die Attraktion exotischer Menschenschauen war, bevor sie tragisch an Syphilis starb. Oder der kleinen "Krao", die wegen ihrer ungewöhnlichen Körperbehaarung jahrelang als der missing link, also die gesuchte Verbindung zwischen Mensch und Tier ausgestellt wurde.

Während die Grundidee der Kuratoren, nämlich dass diese Form der Präsentation einer politisch motivierten Definition des Fremden diente, sehr klar wird, kommt der kommerzielle Aspekt dieses Schaugewerbes in der Ausstellung – im Unterschied zum glänzend gemachten Katalog – ein wenig zu kurz. Denn die "Wilden" waren damals Teil eines boomenden Showbusiness, so wie heute Hartz-IV-Empfänger in den Pseudodokumentationen von RTL 2.

 
Leserkommentare
    • Ranjit
    • 01.05.2012 um 16:43 Uhr

    "Denn die "Wilden" waren damals Teil eines boomenden Showbusiness, so wie heute Hartz-IV-Empfänger in den Pseudodokumentationen von RTL 2."

    Der Vergleich drängte sich auch mir auf.

  1. Schöner kritischer Artikel zur Fotostrecke - danke dafür!

  2. 1. Carl Hagenbeck hat seine Völkerschauen nicht in seinem Zirkus sondern in seinen Tiergärten und auf Tourneen gezeigt.
    2. Was bitte sind denn "Eingeborene" und "Exoten"? [...]
    3. Menschen aus unbekannten Regionen wurden schon immer gezeigt, benutzt, versklavt und getötet - schon bei den alten Ägyptern, Römern und lange davor - und nicht erst durch Kolumbus!
    4. Hat Neugier nicht auch was mit "Wissen wollen" zu tun? Es gab noch kein Fernsehen, Kino, kaum Fotos in Zeitungen!
    5. Haben Sie schon mal im Ausland Fotos von Einheimischen gemacht? Warum wohl? Empfinden Sie das als Rassismus wenn Touristen aus der ganzen Welt bei uns "einheimische Deutsche" und ihre Kultur, von Kirche bis Oktoberfest, fotografieren?
    6. Was sollen denn die "beeindruckenden Rundungen" [...] ?
    7. .......

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie mit Ihrer Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

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    • DenisC
    • 11.06.2012 um 10:06 Uhr

    Etwas oberflächlich und unreflektiert. Bin vom Artikel etwas entäuscht.

  3. 5. [...]

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