Als würden wir ihn zufällig in einem Park treffen, bei einem Spaziergang. Ein unauffälliger Mann, nicht besonders groß, nicht besonders charismatisch, steht dort im Schatten. Er kommt uns entspannt entgegen, mit einer Andeutung von einem Lächeln im Gesicht. Möchte er uns zum Frühstück im Grünen einladen? Erst der zweite Blick verrät ihn. Ganz hinten, im gleißenden Sonnenlicht erahnen wir einen Palast. Unscharf. Überbelichtet. Nur am Rande erkennbar, als wären sie vergleichsweise unbedeutend, verstecken sich eine französische und eine europäische Flagge.

Das offizielle Porträt des französischen Präsidenten François Hollande fällt aus dem Rahmen, bevor es überhaupt aufgehängt wurde. In den Rathäusern und offiziellen Gebäuden von 36.000 französischen Gemeinden wird künftig kein Monarch, sondern ein ganz gewöhnlicher Mann in seinem Garten zu sehen sein. Hollande nutzt die Gelegenheit, sich von seinem Vorgänger zu distanzieren: Nicolas Sarkozy posierte, wie schon Charles de Gaulle, Georges Pompidou, François Mitterrand und viele andere Präsidenten, feierlich vor einer Bücherwand in der Bibliothek des Elysée. Zwei übermannsgroße Flaggen, Frankreich und Europa, überragen ihn, dominieren die Komposition und betonen nebenbei seine geringe Körpergröße. Sarkozy selbst wirkt verkrampft und ein wenig verloren gegenüber so viel Verantwortung.

Hollande hingegen zog es raus aus dem Palast, in den Garten des Elysée. Und er wollte als Fotografen einen Mann, der alles, nur kein Porträtfotograf ist: Raymond Depardon, der ehemalige Fotoreporter der Agenturen Gamma und Magnum, der durch seine Reportagen aus dem Vietnam, aus Afghanistan und Afrika berühmt wurde. Depardon hatte Hollande bereits vor sieben Jahren in einer Straße in dessen Wahlkreis Tulle fotografiert. Nun hat ihn Hollande für eine halbe Stunde in seinen eigenen Garten eingeladen.

Das offizielle Foto des Präsidenten ©Raymond Depardon / La Documentation Française

Zum ersten Mal wurde das offizielle Porträt nicht vom Stativ, sondern aus der Hand aufgenommen: Hollande, auf Depardon zuschreitend. Auch das Format ist ungewöhnlich. Es handelt sich nicht um das typische, die Präsidentenstatur betonende Hochformat, sondern um die annähernd quadratische Fotografie einer Rolleiflex-Mittelformatkamera aus den sechziger Jahren, eine Kamera, mit der Depardon nach eigenen Angaben bereits den General de Gaulle, Marlon Brando und Édith Piaf fotografiert hatte. Durch das Format wird der leere Raum um den Präsidenten herum wahrnehmbar, quasi begehbar. Der Präsident soll ja zugänglich und offen wirken. Ein Präsident, der zuhört. Im Gegensatz zu Jacques Chirac, der einzige Vorgänger, der bisher im Garten des Elysée fotografiert wurde, zeigt Hollande zudem seine Hände.

Raymond Depardon ist so etwas wie der Fotograf der französischen Normalität. Seine letzte große Fotoausstellung nennt sich schlicht La France. Der Weltreisende richtet seinen Blick hier auf das eigene Land, auf Orte und Nicht-Orte, die dem Objektiv für gewöhnlich entgehen. In wandfüllenden Großformatfotografien begegnen wir Ausschnitten der französischen Provinz: Fassaden von Einfamilienhäusern, Frisörsalons, Fleischereien, Cafés, Tabakläden, Drogerien, Strandkneipen, Werkstätten. Die Straßenzüge sind verwaist, Menschen sind, wenn überhaupt, nur am Rande sichtbar.

Präzise beobachtet Depardon die vermeintliche Banalität und destilliert daraus eine Art Essenz der französischen Wirklichkeit, fern von der so typischen Romantisierung ländlichen Idylls. Hier ist Frankreich Frankreich, nicht mehr und nicht weniger. Und genau das macht diese Fotografien zu Gegenbildern, die am glanzvollen Selbstbild der großen Nation kratzen. Im Raum steht die Einladung, ein anderes, vergessenes, verdrängtes Frankreichs zu begehen. Die Grande Nation als Niemandsland.