Auch in seinen Dokumentarfilmen rückt Depardon die versteckten Risse im Selbstverständnis der stolzen Nation ins Licht. Sie untersuchen in kommentarloser Beobachtung den Alltag eines Polizeihauptquartiers, eines Krankenhauses, eines Gerichts. Die Normalität der Institution und die menschliche Ohnmacht gegenüber der Bürokratie. Zudem schildert Depardon die auf Kinoleinwänden kaum sichtbare Realität französischer Bauern. In seiner autobiografisch angehauchten Trilogie Profils paysans gibt der Bauerssohn Depardon intime Einblicke in das Leben von Menschen aus dem tiefen Innern des Landes.

Mit einem ganz ähnlichen Blick beobachtet er Machtmenschen: Nüchtern und insistierend, in minutenlangen, stillen Einstellungen ruht sein Auge etwa auf Valéry Giscard d’Estaing in 1974, une partie de campagne. Depardon zeigt den späteren Präsidenten in verschiedenen Etappen seines Wahlkampfs, vor allem aber in einsamen, nachdenklichen Momenten. Immer wieder scheint der Mensch hinter der Fassade des Politikers hindurch. So sehr, dass der ursprüngliche Auftraggeber Giscard d’Estaing sich durchschaut fühlte, den Film als "gewalttätig" wahrnahm und schließlich verbieten ließ. Erst 2002 wurde der Film veröffentlicht.

Depardon interessiert sich für Momente des Leerlaufs, Pausen, flüchtige Augenblicke, in denen vermeintlich nichts geschieht. Mitterrand etwa fotografiert er für Le Monde während seiner Wahlkampagne in seinem Jet in passiver Pose, während er mit halb geschlossenen Augen seinem Kollegen Jospin zuhört. Nichtrepräsentative, sperrige Bilder aus dem Off der medial orchestrierten Politinszenierung. Depardons "gefundene" Fotografien und Filme sind oftmals mehr skizzenhafte Studien als inszenierte, fertige, in sich abgeschlossene, perfekt komponierte Werke. Sie erzählen in sich vom Prozess der Annäherung des Fotografen an sein Sujet, seinem Zögern, seinem Schwanken zwischen drängender Neugierde und scheuer Distanz.

Auch die offizielle Fotografie des Präsidenten erzählt die Geschichte einer solchen Annäherung. Es ist interessant, dass nun genau diese Form in einer Masse von Kommentaren im Netz beklagt wird – die mangelnde Perfektion der Ausleuchtung und der Komposition, der "amateurhafte" Charakter einer Fotografie, die einem französischen Staatspräsidenten nicht würdig sei. Wie könne man den Präsidenten in den Schatten stellen und den Elysée-Palast überbelichten? Dazu wird beklagt, dass die Trikolore nicht deutlich genug erkennbar sei, als wäre der Präsident von seinem Vaterland losgelöst. Die Enttäuschung gegenüber dem Künstler Depardon ist groß. Wie könne ein Fotograf von einem solchen Format eine derartig mittelmäßige Fotografie abliefern? Nicht "extraordinaire", sondern nur "ordinaire". Zwischen den Zeilen kommt immer wieder verletzter Nationalstolz hervor. Vielleicht ist genau das die Bestätigung, dass die Inszenierung geglückt ist. Ein normaler Präsident, ganz beiläufig fotografiert. Im Blick von Raymond Depardon ist Hollande eben Hollande. Nicht mehr und nicht weniger.