Kunst in BerlinDie Contentwolke am Pfefferberg

Seit 1988 beschäftigen sich Kulturschaffende in der ehemaligen Brauerei Pfeffer im Prenzlauer Berg mit Stadt und Mensch. Nun will das BMW Guggenheim Lab diese Themen besetzen. von 

Das neue BMW Guggenheim Lab steht seit Anfang Juni im Hof 3 des Pfefferbergs in Berlin.

Das neue BMW Guggenheim Lab steht seit Anfang Juni im Hof 3 des Pfefferbergs in Berlin.  |  © dpa/Claudia Levetzow

Der Quader des Anstoßes steht im Nordhof, abgetrennt durch einen Bauzaun, ständig bewacht durch Sicherheitspersonal, und ab und zu schaut die Polizei vorbei. Das BMW Guggenheim Lab wurde im Nordhof des Pfefferberg aufgestellt; es wirkt wie ein übergroßer Container auf Stelzen, stabil und licht zugleich. Vom 15. Juni bis 29. Juli soll in mehr als 100 Veranstaltungen über die Zukunft der Stadt debattiert werden.

Der Pfefferberg ist ein alter Brauerei-Komplex in Prenzlauer Berg in Berlin, zwischen Schönhauser Allee und Christinenstraße. Auf den ersten Blick wirkt er wie viele ehemalige Industrieanlagen: rote und gelbe Klinker, verschachtelte Innenhöfe, oben ein massiver Schornstein. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der Pfefferberg ein lebendiges Experiment ist.

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In den verschiedenen Institutionen wird seit der Wende gelebt und geforscht, wie Raum und Gesellschaft, wie Kunst und Wahrnehmung oder wie Mensch und Technologie zusammenhängen, wie das Menschsein in der Stadt gelebt werden kann. Die Künstler, Wissenschaftler, Kuratoren und Architekten des Pfefferbergs beschäftigen dabei auch immer Zukunftsfragen. Nach der Wende zog die bürgerbewegte Berliner Kulturszene ein. Seit 2000 werden die Gebäude nach und nach saniert. Längst haben sich namhafte Künstler wie Olafur Eliasson und Galerien wie Akira Ikeda aus Japan und Mikael Andersen aus Dänemark angesiedelt.

Und nun also das BMW Guggenheim Lab . In den vergangenen Monaten gab das immer wieder Anlass zu Diskussionen: Erst sollte es im Stadtteil Prenzlauer Berg errichtet werden. Dann wurde Kreuzberg anvisiert, doch bevor es aufgestellt werden konnte, wuchsen die Proteste gegen das Lab als Symbol der Gentrifizierung so stark, dass man sich für den Pfefferberg entschied. Hier soll nach Lösungen gesucht werden, wie das Leben in Städten zwischen Komfort und sozialer sowie ökologischer Verantwortung gestaltet werden kann. Das Guggenheim Lab reist sechs Jahre lang als mobiles Labor durch die Welt; das Motto des ersten Zyklus ist "Confronting Comfort : Ideen für die Großstadt".

Doch eigentlich kann das BMW Guggenheim Lab nur als Nachhut bezeichnet werden: Die Fragen, die nun laut Ankündigung dort diskutiert werden sollen, debattieren und leben die Pfefferbergler schon seit Jahren.

Der Pfefferberg vor 1989

Joseph Pfeffer aus Bayern kaufte 1841 ein Grundstück vor den Toren Berlins, um eine Brauerei zu bauen. Zehn Jahre später musste er die Immobilie verkaufen; in den Folgejahren wechselte die Brauerei Pfefferberg immer wieder den Besitzer und wurde dabei stetig vergrößert. Nach dem ersten Weltkrieg übernahm 1919 die Brauerei Schultheiss das Gelände. Die Bierproduktion wurde 1921 beendet. Auf dem Pfefferberg wurden dann Schokolade, Pralinen und Backwaren hergestellt. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte die Berliner Zivilbevölkerung die Tiefkeller als Schutz bei Bombenalarm. In der Nachkriegszeit ging das Gelände am Prenzlauer Berg in DDR-Eigentum über. Bis 1973 arbeiteten hier Angestellte der Druckerei Neues Deutschland; in einem der ehemaligen Pferdeställe wurden betriebseigene Schweine für die Kantine gemästet. Anfang 1988 gab es ein erstes Konzept für die Sanierung der ehemaligen Brauerei Pfefferberg zur „Kulturfabrik Pfefferberg“.

Der Pfefferberg heute

Nach der Wiedervereinigung gehörte die Immobilie zu gleichen Teilen der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Berlin. Ende 1990 gründete sich der Verein Pfefferwerk, um kulturelle und soziale Nutzung auf dem Gelände zu ermöglichen. In den 1990er Jahren wurde der Pfefferberg berühmt durch zahlreiche Musikveranstaltungen und Tanztage. Die BRD und Berlin schrieben den Pfefferberg Anfang 1997 zum Verkauf aus und wurde im Dezember 1999 als Stiftungskapital in die Stiftung Pfefferwerk eingebracht. Mit der Pfefferberg Entwicklungs GmbH & Co.KG, deren Geschäftsführer Klaus Krebs ist, wurde ein Erbbaurechtsvertrag abgeschlossen. Die Gebäude stehen unter Ensembleschutz und müssen denkmalgerecht saniert werden. Die Nutzung muss in den Bereichen Kultur, Soziales und Dienstleistungen erfolgen. Das Gelände gehört nach wie vor der Stiftung Pfefferwerk. In den vergangenen Jahren siedelten sich Galerien wie Akira Ikeda Gallery und Mikael Andersen an, die international bekannte Künstler vertreten. Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson hat hier seine Werkstätten und das der Universität der Künste angegliederte Institut für Raumexperimente. Das Aedes Architekturforum betreibt eine Galerie und einen Campus, das ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry bietet als eigenständiges Forschungsinstitut Stipendien und öffentliche Vorträge und Diskussionen an. Im Kunst- und Atelierhaus Meinblau arbeiten seit 1997 Bildhauer, Maler, Fotografen, Möbeldesigner, Künstlerkollektive.

"Wir sind die Contentwolke am Pfefferberg", sagt Hans-Jürgen Commerell. Der Direktor des Aedes Architekturforums sitzt mit Kristin Feireiss im grünen Hof, nebenan hört man Baumaschinen. Kristin Feireiss gründete Aedes vor 32 Jahren – als erste private Architekturgalerie weltweit. Später leitete sie das Niederländische Architekturmuseum in Rotterdam und war Kommissarin des Niederländischen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig 2001.

Die Proteste in Prenzlauer Berg gegen das Lab sehen Feireiss und Commerell gelassen: Sie kämen aus einer gut situierten Umgebung, die per se alles tut, um ihr Territorium zu verteidigen – "gegen was eigentlich?" Die Proteste gegen des Guggenheim Lab finden sie "absurd, aber nicht weniger spannend". Sie wünschen sich allerdings, dass das Lab die Ereignisse und Proteste aufgreift.

Für Feireiss und Commerell ist klar: "Veränderung gehört schon immer zur Stadtentwicklung." Davon zeugt die Geschichte des Pfefferbergs. Die Brauerei wurde 1848 von dem bayerischen Brauer Pfeffer gegründet, damals lag das Gelände noch vor den Toren Berlins . Nach zehn Jahren ging Pfeffer pleite, doch sein Name blieb. Im 20. Jahrhundert wurden hier Schokoladen, Backwaren, Zeitungen und Kataloge produziert. Im Jahr 1988 kam die Idee auf, das Gelände als Kulturfabrik zu nutzen. Durch den Einigungsvertrag ging die Immobilie in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Berlin über. In den Neunziger Jahren entwickelte sich eine Kunst-, Kultur- und Clubszene auf dem Gelände; die Häuser waren jedoch in schlechtem Zustand.

Leserkommentare
  1. Wie bitte soll das aussehen?
    Darf sich dann kein anderer mehr mit dem Thema beschäftigen?
    Interessanter als solches Feldgeschrey wäre doch die Bestandsaufnahme, worin die jahrelange Beschäftigung der Pfefferbergler bislang resultiert (außer jahrelangem geförderten Tun ohne praktische Relevanz) und wie es mit oder ohne oder in Auseinandersetzung mit anderen noch weitergehen kann.

    Ziemlich unscharf "eine andere Nutzung als die soziale und kulturelle kommt nicht in Frage." Kino ... wurde abgelehnt, ist wohl nie Kultur? Wohnen? Nicht zugelassen - wohl zu sozial?
    Irgendwie kommt einen bei der Nutzungsbeschreibung das Bild eines sich exklusiv gebärdenden Klüngels in den Sinn. Kein Wunder das man sich gegen Dritte (z.B. ein durchziehendes Lab) nicht extra abschotten muss. Etabliert und exklusiv (abgeschottet) ist man ja schon.

  2. Die BMW-Guggenheim-Imbissbude als Marketing für Möchtegern-Eliten unterscheidet sich nur graduell vom unsäglichen Selbstbespiegelungs-Trash des Unterschichtenfernsehens.

    Jeder bekommt, wonach die Seele dürstet.

    Peinlich. Sonst nix.

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  • Schlagworte Berlin | Kunst | BMW | Gentrifizierung | Architekt | Mehrgenerationenhaus
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