Raffael im PradoNeue Ideen für einen alten Meister

Und die Werkstatt ist immer dabei: Der Madrider Prado untersucht das Spätwerk Raffaels unter dem Einfluss seiner Assistenten Giulio Romano und Gianfrancesco Penni. von Bernhard Schulz

Ein Besucher steht vor einem Marien-Gemälde

Ein Besucher steht vor einem Marien-Gemälde   |  © DOMINIQUE FAGET/AFP/GettyImages

Während die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin daran denkt, die Gemäldegalerie kurzerhand der Kunst des 20. Jahrhunderts zu widmen und die Alten Meister in ein langjähriges Dauerprovisorium zu schicken, nimmt das Interesse an der Kunst des 15. bis 18. Jahrhunderts erkennbar zu. Zumindest hat es eine solche Dichte herausragender Veranstaltungen zur Kunst Alter Meister, wenn überhaupt, lange nicht gegeben. Nach Leonardo in zwei einander ergänzenden Übersichten in London und Paris ist jüngst Der junge Dürer in Nürnberg eröffnet worden, und nun ist es der Prado in Madrid, der Raffael, dieser Verkörperung der Hochrenaissance schlechthin, eine atemberaubende Ausstellung widmet.

Der späte Raffael, so ihr Titel, meint das reife malerische Werk des 1520 an seinem 37. Geburtstag verstorbenen Künstlers, den Kern und Höhepunkt des Lebenswerks. Das geht weit über die Tafelmalerei hinaus. Hinzu kommt der Wandmaler im Vatikan und sogar der kurzzeitige Architekt der Dauerbaustelle Petersdom, doch bleiben diese zweifellos zeitintensiven Seiten in Madrid außen vor.

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Denn das Anliegen der Ausstellung ist weniger eine Darstellung von Raffaels Arbeit ab seinem 30. Lebensjahr, als mit dem neuen, 1513 gewählten Medici-Papst Leo X. ein neuer Auftraggeber den Mittelpunkt des künstlerischen Geschehens in Rom einnimmt. Vielmehr geht es der von den beiden Experten Tom Henry und Paul Joannides bearbeiteten Übersicht vorrangig um die Feinjustierung der Werkstattarbeit und die Anteile, die Raffaels wichtigste Assistenten Giulio Romano (1499–1546) und Gianfrancesco Penni (um 1496–1528) am unablässigen Strom der Gemälde hatten.

Das klingt sehr nach einer hochspezialisierten Arbeit. Doch die spielt sich im voluminösen Katalog ab. Der brilliert in klassischer Kunstwissenschaft, erwägt alle Thesen zur Autorschaft der zumeist in der bis zu 50 Mitarbeiter (!) umfassenden Raffael-Werkstatt entstandenen Gemälde, sieht Einflüsse hier und Vorbilder dort und zeigt dann anhand von Raffael- Zeichnungen auf, wie stark jeweils der Meister selbst involviert war.

In der Ausstellung ist diese Feinjustierung nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wohl aber erschließt sich durch die atemberaubende, 44 Gemälde und 28 der empfindlichen Zeichnungen umfassende Ausstellung, wie sich gegen Ende von Raffaels Leben eine neue künstlerische Sprache herausbildet. An deren Formulierung ist vor allem Giulio Romano beteiligt. Man kann es geradezu als Frucht dieser kaum je wiederholbaren Konzentration auf die sieben letzten Jahre Raffaels bezeichnen, dass Romano als dessen Erbe klar hervortritt. Bekannt ist er durch sein gesamtkünstlerisches Meisterwerk des Palazzo del Te bei Mantua, nicht jedoch als der bevorzugte Schüler des genialen Raffael.

Dazu hat der Ältere selbst den entscheidenden Hinweis gegeben: Mit dem Doppelbildnis von 1519, in dem er sich selbst und seinen besten Schüler vereint. Das Gemälde beschließt die Ausstellung. Es ist Raffaels Vermächtnis, der hier, als reifer und erkennbar von der Last seiner Aufgaben gedrückter Mann dem gerade einmal 20-jährigen, voll erblühten Giulio väterlich die Hand auf die Schulter legt. Der Jüngere weist mit der rechten Hand nach vorn, in Richtung des Betrachters, als wolle er den künftigen Weg der Kunst weisen, von dem der Ältere beinahe eher noch weiß denn ahnt, dass er ihn nicht mehr wird mitgehen können.

Mit einer solchen Interpretation ist Raffaels Leistung in der Porträtmalerei angedeutet. Er hat sie auf eine neue Ebene der psychologischen Durchdringung gehoben, wie an dem wunderbaren Bildnis des provozierend lässigen Jung-Bankers Bindo Altoviti (um 1516/18) deutlich wird oder dem des verschlagenen Machtmenschen Lorenzo de’Medici, der mit Hilfe seines päpstlichen Onkels den Herzogtitel von Urbino an sich gerissen hatte, bis er 1519, bald nach seinem Konterfei, überraschend verstarb.

Grandioser Höhepunkt ist das in braun-schwarzer Palette ganz untypisch verhaltene Bildnis des Humanisten Baldassare Castiglione (1519), der sich in einer gemeinsam mit dem eng befreundeten Raffael verfassten Denkschrift für die Erhaltung der römischen Altertümer stark machte. Die Porträts stehen am Ende des Ausstellungsrundgangs, sind sie doch überwiegend privater Natur und kamen in diesen Fällen erst dann auf die Staffelei, wenn die großen Kirchenaufträge bearbeitet waren.

Ihre Hauptarbeit leistete die Riesenwerkstatt mit den Bestellungen biblischer Geschichten in Gestalt von Altar- und Andachtsbildern. Darin war Raffael gleichermaßen erfinderisch wie vollendet. Nicht Raffael allein, aber er in einem zuvor nicht gekannten Maße belebt und dramatisiert das Geschehen, das die Bibel berichtet. Er formt aus der Überlieferung handfeste Geschehnisse.

Leserkommentare
  1. ist mehr als die Putten der Sixtina: http://www.raffael-projek...

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