Urheberrecht : Aus dem Museum ins Netz

Der Kunstmarkt ist von der Digitalisierung kaum betroffen, aber die Debatte um die Reform des Urheberrechts ruft auch bildende Künstler auf den Plan.


Das Museum Schloss Moyland verfügt über die weltgrößte Joseph Beuys-Sammlung – seit einem im Dezember 2011 gefallenen Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf allerdings nur noch beschränkt. Manfred Tischer hatte 1964 auf Beuys’ Wunsch Fotografien einer Kunstaktion gemacht und später die Ausstellungsrechte an Schloss Moyland übertragen. Laut Urteil dürfen sie aber nur mit Zustimmung der Witwe des Künstlers und Urheberechtserbin Eva Beuys gezeigt werden. Diese stellt sich quer. Die rechtliche Frage im Kern des Streits: Stellen die Fotografien eine Bearbeitung des Kunstwerks dar und müssen deswegen von Eva Beuys autorisiert werden, oder handelt es sich eigene Werke des Fotografen?

Schloss Moyland wird in diesem Fall von dem Urheberrechtsexperten Andreas Okonek vertreten . Gerade bei Performances und Happenings, so Okonek, sei nicht eindeutig festzustellen, was das Werk eigentlich ausmache: "Ist es ein Ganzes oder besteht es aus einer Vielzahl von Einzelszenen?" In Düsseldorf befand das Gericht, dass eine Verletzung des Urheberrechts vorliege: Die einzelne Fotografie sei eine unzulässige Bearbeitung des Gesamtwerks. "Das halten wir neben weiteren Aspekten der Urteilsbegründung für falsch", sagt der Anwalt. Er hat Revision vor dem Bundesgerichtshof eingelegt.

Wenn im Bereich der Bildenden Kunst wegen des Urheberrechts gestritten wird, geht das kaum noch ohne Experten wie Okonek. Das Thema ist extrem komplex – und es könnte, ähnlich wie in der Musikwirtschaft, in naher Zukunft vermehrt auch private Nutzer betreffen. Im Netz kursiert eine Vielzahl von Bildern in Blogs, in Flickr-Galerien oder auf Websites, die von ihren Urhebern für diese Art der Nutzung nicht freigegeben wurden. Da Bilder, hat man sie erst ins Netz gestellt, sich unendlich oft vervielfältigen lassen, ist für den Urheber auch meist gar nicht mehr nachzuvollziehen, wohin sein Bild gewandert ist. Und umgekehrt: Wer ein Bild nutzen möchte, hat oft gar keine Möglichkeit herauszufinden, von wem es ursprünglich stammt.

Die wichtigste Einnahmequelle für Künstler bleibt das originäre Werk

Die Digitalisierung hat die Marktmechanismen der Kunstwelt nicht so grundlegend verändert, wie die der Musikbranche. Für bildende Künstler wie Maler oder Bildhauer ist es nach wie vor das originäre Gemälde, ist es die von ihnen geschaffene Skulptur, für die sie bezahlt werden – doch auch diese werden fotografiert und gelangen so ins Netz. Gerade für Fotografen ist die Weitergabe ihrer Bilder ärgerlich, auch – oder erst recht – wenn diese vom Nutzer weiter bearbeitet werden. In der Regel führt diese Veränderung nämlich nicht, wie im Urheberrechtsgesetz vorgeschrieben, zum eigenen Werk: Die Hoheit bleibt beim Künstler. Und Geld fließt in den seltensten Fällen.

Die vor rund zwei Jahren von der Bundesregierung eingesetzte Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft entwickelt schleppend Handlungsempfehlungen für eine Gesetzesreform, um das Recht den neuen Gegebenheiten anzupassen. Nach einem Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Zwischenbericht protestierte der Bundesverband Bildender Künstler (BBK) . In dessen Stellungnahme heißt es, der Entwurf enthalte "Bewertungen des bisherigen Urheberrechts und Vorschläge für neue Regelungen, die – würden sie so im Bundestag beschlossen werden – gravierende Auswirkungen für die Urheberinnen und Urheber hätten."

Werner Schaub, Vorsitzender des BBK, sieht die größte Gefahr im mangelnden Bewusstsein für geistiges Eigentum: "In der Präambel steht schon, ein Werk sei immer ein Rückgriff auf schon Dagewesenes und deswegen auch kein geistiges Eigentum. Das ist völlig absurd." Doch auf die Frage, welche Handlungsempfehlungen aus Sicht der bildenden Künstler angemessen wären, muss Schaub passen: "Auch wir haben keine Musterlösung parat, dann hätten wir ja das Ei des Kolumbus. Aber wenn die Wertschätzung für Urheberrechte weiter verbreitet wäre, hätten wir sicherlich weniger Probleme."

Probleme könnten in Zukunft vor allem die Nutzer bekommen, die – sei es unwissentlich oder bewusst – Bilder verbreiten, deren Urheber sie nicht sind. Das deutsche Urhebergesetz ist da eindeutig: Derzeit macht sich fast jeder User, der zum Beispiel bei Pinterest oder Pictify Bilder ohne Erlaubnis der Urheber teilt, strafbar. Was nicht sein müsste. Initiativen wie Wikimedia Commons stellen beispielsweise lizenzierte Fotos zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung. Der – gefühlte – Bedarf der Nutzer übersteigt das Angebot jedoch um ein Weites. Und selbst eigene Fotos, auf denen Werke von bildenden Künstlern zu sehen sind, können zum Problem werden. "Ob eine private Aufnahme eines Kunstwerkes verbreitet werden darf, hängt vom Einzelfall ab. Zum Beispiel davon, ob die Fotografie mit Zustimmung des Künstlers entstand. Je bekannter ein Künstler ist, desto eher wird er Beschränkungen fordern. Im Zweifel würde ich eher von der Nutzung abraten," so Rechtsanwalt Okonek.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Gerade selbst erlebt:

Eine Rechtsanwaltskanzlei möchte für EIN JAHR Bilder (Unikate) von mir ausstellen, eigentlich ja damit die Kanzlei dekorieren. Sie sind bass erstaunt, als ich dafür eine Leihgebühr von 12 % des Kaufpreises (meine Bilder sind nicht sehr teuer!) verlange, meinen gar, in diesem Jahr sähen doch eine ganze Menge ihrer Klienten meine Bilder. (das soll wohl reichen als Entlohnung!) (Die Klienten scheinen aber erstens nicht die klassischen Bilderkäufer zu sein und zweitens haben sie sicher Anderes im Kopf, als Bilder unter Kaufinteresse anzuschauen!) Diese RAs würden wahrscheinlich keinen einzigen Brief schreiben ohne die entsprechende Gebühr zu verlangen. Nach meiner Forderung habe ich nichts mehr von ihnen gehört.
Ich finde es wirklich ärgerlich, wie Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien etc. letztlich Dienstleistungen in Anspruch nehmen ohne dafür irgendetwas zu zahlen. Aber die Künstler, die das dann auch tun zu diesen Bedingungen, sind nicht nur für sich selbst dumm, sondern sie schaden auch denen, die das endlich verändern wollen. In meinem Falle hat sich wohl wieder ein/e Dumme/r
gefunden.

Das ist naiv

Niemand wird in einem solchen Ambiente ein teures Bild kaufen. Amateurhafter kann man sich eigentlich nicht mehr präsentieren.

Wer einen besseren Rahmen haben möchte, kann sich an regionale Kunstvereine wenden und sich über Ausstellungsmöglichkeiten erkundigen. Verkauft wird dort allerdings auch kaum was :-)

Nicht unbedingt so richtig

Wenn das Ambiente der Praxis passt und alles wertig und gut aussieht, nicht viele Patienten warten etc., kann man sicherlich auch das Wartezimmer eines Arztes als Werbemaßnahme sehen. Ich habe in meinen vielen Lebensjahren schon eine solche Praxis erlebt :-)
Insgesamt, bei den normalen Ärzten, bringt es wohl keinen Werbeeffekt, es sei denn, es sind Poster, die man für'n Fünfer am Empfang kaufen kann...