Bauhaus : Für Frauen blieb die Weberei

Eine Reihe im Berliner Bauhaus-Archiv arbeitet die Geschichte der Bauhaus-Künstlerinnen auf. Die Genderpolitik der gefeierten Schule war wenig avantgardistisch.
Oskar Schlemmer (ganz rechts) und andere Bauhausmeister auf dem Dach des Bauhauses in Dessau © Bauhaus‐Archiv Berlin/Musée National d'Art Moderne/Société Kandinsky

Benita Koch-Ottes Haare sind kurz, streng gescheitelt und gekämmt, ihr Gesicht ungeschminkt, der Blick energisch. Die Porträt-Fotografie von 1930 zeigt ein Extrem des Typus der "Neuen Frau", die ihr Leben selbst in die Hand nahm und für ihre Rechte kämpfte. Hinter Koch-Ottes gerunzelter Stirn scheint sich die Wut zu ballen. Wütend wird sie in ihrem Leben noch oft sein, etwa 1933, wenn die ehemalige Bauhäuslerin nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ihre Anstellung an der renommierten Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle verliert, oder 1968, wenn sie im Katalog zur 50 Jahre Bauhaus–Ausstellung in Stuttgart nicht erwähnt wird.

Dass sie in ihren fünf Jahren in Weimar ein bedeutendes Werk hinterlassen hat, zeigt derzeit eine Einzelausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv , die erste seit 40 Jahren. Progressive Gobelins und Bodenteppiche, mit Aquarell, Gouache und Kreide gezeichnete Form- und Farbstudien zeugen von ihrem enormen kreativen Potenzial. Deutlich ist die ästhetische Nähe zu den Arbeiten ihrer Lehrer und Kollegen Paul Klee , Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky – Namen, die man kennt, etwa Kandinsky als Vater der abstrakten Kunst. 2011 erst wurden abstrakte Skizzen der schwedischen Malerin Hilma af Klint entdeckt , die Jahre vor Kandinskys ersten abstrakten Gemälden entstanden sind. Derzeit bereitet das Moderna Museet in Stockholm für 2013 eine große Schau zum Werk der bis dato kaum bekannten Künstlerin vor, ein Kapitel Kunstgeschichte muss dann neu geschrieben werden.

Auch die Geschichte des Bauhauses ist eine der männlichen Helden. Von den Frauen der Schule, die Kunst und Technik zusammenführte und Maßstäbe für Architektur, Design und Kunst setzte, erzählt im Bauhaus-Archiv jetzt eine ganze Reihe : Auf die Ausstellung zu Koch-Ottes Werk folgen Schauen zur Malerin, Illustratorin und Typografin Lou Scheper-Berkenkamp und zur Textilgestalterin und Fotografin Gertrud Arndt.

Die Bauhaus-Künstlerin Benita Koch-Otte © Privatbesitz/Foto: Heinrich Koch

Vorträge erinnern an weitere Bauhäuslerinnen, darunter Irene Bayer und Lucia Moholy – Namen, die nur Kennern geläufig sind. Man wolle endlich die vergessenen Bauhäuslerinnen ins Rampenlicht rücken und der Frage nachgehen, warum man eigentlich nur über die Kunst der Männer spreche, sagt Kunsthistorikerin Anja Guttenberger bei der Auftaktveranstaltung, einem Vortrag zu Leben und Werk Koch-Ottes, den vor allem Frauen besuchen.

Eine Antwort findet sich in der aktiv von der Bauhaus-Führungsriege betriebenen Genderpolitik. Dabei schien die Zeit bereit für neue Modelle: Die Gründung 1919 fiel mit dem Beginn der Weimarer Republik zusammen, mit der ersten Wahl, bei der Frauen ihre Stimme abgeben durften. Auch Architekt Walter Gropius , Gründer und Direktor der Schule, stimmte lauthals in die Fortschrittsgesänge ein, Frauen sollten unbedingt am Bauhaus mitwirken. Eine strahlende Institution der Moderne sollte das Bauhaus werden, seiner Zeit in jeder Hinsicht voraus. So feiert man das deutsche Vorzeigeprojekt auch heute noch, gerade bei der großen Schau Art as Life im Londoner Barbican Centre.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Anachronistische Beurteilung

Aus der Unterüberschrift: "Die Genderpolitik der gefeierten Schule war wenig avantgardistisch."

Tja, nicht mal das Wort "Genderpolitik" (wie spricht man das eigentlich aus: Ghender- oder Dschjänder-?) gab es damals. Wie unglaublich rückständig die vor etwa 100 Jahren doch waren!

Zum Glück sind wir ja jetzt in der wirklich modernen Moderne angelangt und leben nicht mehr in der zurückgebliebenen klassischen Moderne, so dass wir jetzt alles besser machen. Oder vielleicht machen wir nicht immer alles besser, aber wir haben jedenfalls immer fortgeschrittene Meinungen.

Den Frauen blieb nur die Weberei? Das ist doch Unsinn.

Wer bitteschön hat denn den Frauen verboten
alles möglich außerhalb der Weberei zu machen?
Keramik, Gebrauchsgegenstände, Möbel ?
Das Bauhaus hat einige Schranken gebrochen und die Frauen beklagen die Schranken im Bauhaus?
Da hat wohl jemand das mit der Entwicklung falsch verstanden und gehofft dass man etwas für ihn tun werde, statt selbst zu tun? Erinnert mich an die gender-Kiste heutzutage - warum etwas erkämpfen, wenn man auch nach Quote rufen kann?

Und ungeachtet dieser seltsamen Behauptung schreibt Frau Weier dann selbst munter, wo Frauen überall tätig waren. Nix da also mit nur Weberei.