Freiwillige beim Kunstprojekt von Spencer Tunick auf dem Münchner Max-Joseph-Platz © dpa

Ich habe mitgemacht und mich ausgezogen. In Spencer Tunicks Fotoprojekt für die Staatsoper München war ich einer der 1.700 Teilnehmer, die, mit roter oder goldener Farbe bemalt, Szenen aus Wagners Ring des Nibelungen nachstellten und sich dabei ablichten ließen. Die Entstehung dieses Kunstwerks vor Ort mitzuerleben, war eine einmalige Erfahrung.

Faszinierend zu erleben war die Gruppendynamik während des Kunstevents. Trotz der Kälte von 13 Grad Celsius am frühen Morgen haben wir als Gruppe unser gemeinsames Ziel verfolgt und konzentriert unseren Job gemacht, damit die Bildideen des Künstlers möglichst nach seinem Willen umgesetzt werden konnten. Hätten wir das bekleidet gemacht, wäre es für uns Beteiligte nicht anders gewesen. Wir hätten nur etwas weniger gefroren und kein Pressefotograf wäre dafür um drei Uhr früh aufgestanden.

Bei allen Teilnehmern herrschte eine gute Stimmung und wir pflegten einen ganz normalen Umgang. Aufregend oder gar erotisch war die Situation nicht, denn Menschen sehen sich unbekleidet doch erstaunlicherweise ziemlich ähnlich, was sich in Einheitsfarben noch verstärkt. Leider gibt es, wie mancher Eintrag in Onlineforen zeigt, viele Menschen, die Nacktsein und Sex gleichsetzen und die sich vorstellten, was in so einem Ring alles passiert sein muss.

Unter so vielen unbekleideten Menschen erkennt man, dass es nicht von der Bekleidung, sondern von der Persönlichkeit und dem Charakter abhängt, ob man jemanden sympathisch findet. Da kann der Körper noch so schön sein – ein Charme-Implantat gibt es nicht. Wer sich mag, strahlt immer Schönheit aus. Wenn man sich hingegen selbst hasst, merken das die Anderen, unabhängig vom Aussehen.

Die Begegnung mit den wenigen Angezogenen am Ort des Geschehens war sehr spannend. Zum einen rückten uns einige Pressefotografen hautnah auf die Pelle. Da wir mit Stolz an einem Kunstprojekt der Oper teilnahmen, war es uns aber egal. Zum anderen waren trotz Absperrung auch einzelne Passanten unterwegs. Als Gruppe hatten wir sofort das Gefühl, hier und jetzt wäre es normal, nackt und angemalt herumzulaufen. Eine Teilnehmerin sagte später in der Printausgabe der Münchner TZ: "Ich glaube, einige Passanten haben sich ein bisserl geschämt, weil sie angezogen waren. Wir Nackten waren ja deutlich in der Überzahl, trugen die 'angesagte' Kleidung."

Am Ende war ich sehr glücklich, bei dem Projekt dabei gewesen zu sein. Der eine Künstler schichtet Steine aufeinander, Tunick macht das Gleiche mit normalen Körpern von normalen Menschen. Das finde ich legitim und nicht provokant, zumindest nicht in Mitteleuropa. Erstaunlich, dass heutzutage eine solche Aktion noch ein so lautes internationales Medienecho auslöst, weit über die Kunstszene hinaus.