Leserartikel

Massen-AktfotografieMünchner Enthüllungen

Unser Leser Harald Auer hat sich mit 1.700 anderen nackten Menschen von Spencer Tunick in München fotografieren lassen. Geschämt hat er sich dabei überhaupt nicht. von 

Freiwillige beim Kunstprojekt von Spencer Tunick auf dem Münchner Max-Joseph-Platz

Freiwillige beim Kunstprojekt von Spencer Tunick auf dem Münchner Max-Joseph-Platz  |  © dpa

Ich habe mitgemacht und mich ausgezogen. In Spencer Tunicks Fotoprojekt für die Staatsoper München war ich einer der 1.700 Teilnehmer, die, mit roter oder goldener Farbe bemalt, Szenen aus Wagners Ring des Nibelungen nachstellten und sich dabei ablichten ließen. Die Entstehung dieses Kunstwerks vor Ort mitzuerleben, war eine einmalige Erfahrung.

Faszinierend zu erleben war die Gruppendynamik während des Kunstevents. Trotz der Kälte von 13 Grad Celsius am frühen Morgen haben wir als Gruppe unser gemeinsames Ziel verfolgt und konzentriert unseren Job gemacht, damit die Bildideen des Künstlers möglichst nach seinem Willen umgesetzt werden konnten. Hätten wir das bekleidet gemacht, wäre es für uns Beteiligte nicht anders gewesen. Wir hätten nur etwas weniger gefroren und kein Pressefotograf wäre dafür um drei Uhr früh aufgestanden.

Anzeige

Bei allen Teilnehmern herrschte eine gute Stimmung und wir pflegten einen ganz normalen Umgang. Aufregend oder gar erotisch war die Situation nicht, denn Menschen sehen sich unbekleidet doch erstaunlicherweise ziemlich ähnlich, was sich in Einheitsfarben noch verstärkt. Leider gibt es, wie mancher Eintrag in Onlineforen zeigt, viele Menschen, die Nacktsein und Sex gleichsetzen und die sich vorstellten, was in so einem Ring alles passiert sein muss.

Unter so vielen unbekleideten Menschen erkennt man, dass es nicht von der Bekleidung, sondern von der Persönlichkeit und dem Charakter abhängt, ob man jemanden sympathisch findet. Da kann der Körper noch so schön sein – ein Charme-Implantat gibt es nicht. Wer sich mag, strahlt immer Schönheit aus. Wenn man sich hingegen selbst hasst, merken das die Anderen, unabhängig vom Aussehen.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Die Begegnung mit den wenigen Angezogenen am Ort des Geschehens war sehr spannend. Zum einen rückten uns einige Pressefotografen hautnah auf die Pelle. Da wir mit Stolz an einem Kunstprojekt der Oper teilnahmen, war es uns aber egal. Zum anderen waren trotz Absperrung auch einzelne Passanten unterwegs. Als Gruppe hatten wir sofort das Gefühl, hier und jetzt wäre es normal, nackt und angemalt herumzulaufen. Eine Teilnehmerin sagte später in der Printausgabe der Münchner TZ: "Ich glaube, einige Passanten haben sich ein bisserl geschämt, weil sie angezogen waren. Wir Nackten waren ja deutlich in der Überzahl, trugen die 'angesagte' Kleidung."

Am Ende war ich sehr glücklich, bei dem Projekt dabei gewesen zu sein. Der eine Künstler schichtet Steine aufeinander, Tunick macht das Gleiche mit normalen Körpern von normalen Menschen. Das finde ich legitim und nicht provokant, zumindest nicht in Mitteleuropa. Erstaunlich, dass heutzutage eine solche Aktion noch ein so lautes internationales Medienecho auslöst, weit über die Kunstszene hinaus.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Danke für den Bericht. Ich finde die Projekte dieses Künstlers auch immer spannend!!!

    • Uxmal
    • 12. Juli 2012 12:38 Uhr

    In Zeiten von perfekten Werbekörpern und Kleidungskult, ein sicherlich sehr interessantes Erlebnis. Quasi zurück zu den Ursprüngen :)

    Eine Leserempfehlung
    • 2049er
    • 12. Juli 2012 13:09 Uhr

    seht doch zu, dass kunst mal wieder etwas mit revolutionärem gedankengut zu tun hat, dass kunst mal wieder tiefer geht als der schnöde alltag.
    dass kunst freude bringt.

    und hört endlich auf mit diesem ewigen abfotogafieren von vielen nackten menschen. diese nummer langweilt nun seit vielen jahren.

    5 Leserempfehlungen
  2. 13 °C?
    Bibber!
    Aber was tut man nicht alles für die Kunst?

    Eine Leserempfehlung
  3. aber es geht mir einfach nur auf die Nerven, dass es ein Akt der Kunst und Selbstverwirklichung sein soll, seine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in der öffentlichkeit anderen Menschen aufzudrängen.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke dass das mal jm. sagt. Wenn man nackte Menschen, die das für die Kunst tuen, einfach langweilig und aufdringlich findet ist man ja gleich Kunst-, Menschen-, Sexualitäts-, Natur-, und Aufklärungshasser, natürlich auch prüde.
    Aber ich finde es gab jetz wirklich genug Nackte in der Kunst, was neues wäre mal interessant.
    Ausserdem führt so eine Aktion nicht zu internationalem Medienecho wenn man nicht unbedingt einen schlecht geschriebenen, und das Ereigbniss überbewertenden, Artikel darüber schreiben muss.

    ...eigentlich kann ich diese Art von Kunstbegriff auch selbst nicht nachvollziehen. Aber andererseits - regen Sie sich doch einfach nict drüber auf. Leben und leben lassen.

    • Calato
    • 13. Juli 2012 15:34 Uhr

    Zitat Quoth-the Raven:
    "... seine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in der öffentlichkeit anderen Menschen aufzudrängen."

    Das ist lediglich die allfällige Verkehrung des Eigentlichen:

    Drängen Sie jemandem Ihr Gesicht auf? Ihre Hände? Oder Ihren Mantel, die Hose, die Schuhe? Oder (auch gern genommen) "zeigen" oder "präsentieren" Sie sich bekleidet?
    Niemand käme auf diese absurde Idee.

    Nun ist der Mensch von Natur aus unbekleidet - oder kommt jemand anders als nackt auf die Welt?
    Seltsamerweise wird stets dieser Zustand, der die Natürlichkeit an sich beschreibt, als Aufrängen oder Präsentieren verunglimpft.

    Nein, ein natürlich nackter Mensch (ich rede nicht von Strip- oder Pornoshows) drängt sich ebensowenig auf wie ein bekleideter.
    Ach, Sie machen das, wie zitiert, an den primären und sekundären Geschleichtsmerkmalen fest? Interessant.
    Dann erklären Sie mit doch einmal, was an einem, sagen wir mal, Penis so viel aufdringlicher sein soll als z.B. einem Daumen; was eine weibliche Brust im Vergleich zu einem frisierten Haupt so entsetzlich aufdringlich macht.

    Ich finde eben das so erfrischend an dem Artikel: Die geschilderte Erfahrung, dass sogar der Bekleidete als der Außenseiter EMPFUNDEN (!) werden kann.
    Zeigt dies doch, dass die kollektive Ablehnung der Nacktheit letzlich nichts als eine tradierte Konditionierung ist.

  4. Danke dass das mal jm. sagt. Wenn man nackte Menschen, die das für die Kunst tuen, einfach langweilig und aufdringlich findet ist man ja gleich Kunst-, Menschen-, Sexualitäts-, Natur-, und Aufklärungshasser, natürlich auch prüde.
    Aber ich finde es gab jetz wirklich genug Nackte in der Kunst, was neues wäre mal interessant.
    Ausserdem führt so eine Aktion nicht zu internationalem Medienecho wenn man nicht unbedingt einen schlecht geschriebenen, und das Ereigbniss überbewertenden, Artikel darüber schreiben muss.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nennt mich prüde,"
  5. ...eigentlich kann ich diese Art von Kunstbegriff auch selbst nicht nachvollziehen. Aber andererseits - regen Sie sich doch einfach nict drüber auf. Leben und leben lassen.

    Antwort auf "Nennt mich prüde,"
  6. warum haben sich die Gestalten nicht transparent einwickeln lassen wie seinerzeit der Berliner`Kunstbau ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bekleidung | Charakter | Kunstwerk | Körper | Künstler | Oper
Service