Ernst Ludwig KirchnerBilder von Tanz und Bewegung

Eine Ausstellung in der Fundación Mapfre in Madrid würdigt Ernst Ludwig Kirchners Spätwerk. Gezeigt werden Bilder, die sonst kaum zu sehen sind. von Bernhard Schulz

Die Fundación Mapfre in Madrid

Die Fundación Mapfre in Madrid  |  © Jesús Antón

Die Vorliebe, die deutsche Expressionisten in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für die spanische Malerei pflegten, erwidert das spanische Publikum von heute. In Madrid jedenfalls ist der deutsche Expressionismus geradezu heimisch geworden.

Die breit angelegte Ausstellung Die Geburt des deutschen Expressionismus zum 100-Jährigen der " Künstlergemeinschaft Brücke " wurde 2005 in Madrid erarbeitet, ehe sie nach Berlin kam, wo die "Brücke"-Künstler einst ihr ganzes Können entfalteten. Eine vorzügliche "Brücke"-Kollektion hütet auch das Museo Thyssen-Bornemisza.

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Nun zeigt die Fundación Mapfre , ebenfalls an der Prachtstraße des Paseo gelegen, eine Retrospektive von Ernst Ludwig Kirchner . Dank der engen Zusammenarbeit mit dem Kirchner-Museum in Davos legt sie ihr Schwergewicht zwar auf die Schweizer Jahre Kirchners ab 1917, doch hebt sie besonders jenen "späten" Kirchner hervor, der Mitte der zwanziger Jahre erstmals wieder nach Deutschland reist und dort auch dank sorgfältig gepflegter Kontakte erneut Fuß fasst.

Innenansicht der Ausstellung

Innenansicht der Ausstellung  |  © Jesús Antón

Eine mit über 150 Arbeiten derart umfassende und das ganze Lebenswerk gleichermaßen berücksichtigende Kirchner-Ausstellung hat es außerhalb des deutschsprachigen Raumes wohl noch nicht gegeben. Gewiss, einige Hauptwerke fehlen oder könnten vermisst werden, wollte man nur die postkartenbekannten Gemälde abhaken. Tatsächlich werden in Madrid Arbeiten gezeigt, die kaum je, wenn überhaupt, zu sehen sind. So das Triptychon der Badenden , das von drei Leihgebern erbeten und zusammengefügt werden musste – übrigens eines jener zahlreichen Werke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Kirchner in den zwanziger Jahren überarbeitet und rückdatiert, um seine neueste Produktion folgerichtiger erscheinen zu lassen.

Ausstellung

Madrid, Fundación Mapfre, Paseo de Recoletos 23, bis 2. September. Eintritt frei. Katalog, 348 S., 49 €

Gerade diese Entwicklung mit ihren Brüchen und Wendungen ist in der Madrider Ausstellung so gut wie kaum zuvor zu erkennen. Die "Brücke"-Zeit war eben nicht das Hauptkapitel seines Lebens, neben dem alles andere als nebensächlich abfällt. Der flächige Spätstil der dreißiger Jahre, die Hinwendung zu Tanz und Bewegung, die Formulierung einer eigenen Version des Art déco wie in dem aus Privatbesitz geliehenen "Trabergespann" von 1930, nicht zuletzt die Begeisterung für die Weberei und die Formulierung seines "Teppichstils" – all das lässt Kirchners Ärger über die ewige Verengung auf den Expressionismus besser denn je verstehen. Programmatisch zeigt der mit vorzüglichen Farbreproduktionen glänzende Katalog als Frontispiz ein Selbstbildnis von 1925 – Kirchner als gereifter Mann, ohne den nervösen Strich der Berliner Bilder.

Erschienen im Tagesspiegel

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