Am Donnerstagabend stehen drei junge Frauen vor der Edward Tyler Nahem Gallery in Manhattan auf dem Bürgersteig; fröhlich grinsend halten sie selbst gemalte Schilder in die Kameras: " We love Piss Christ! " Das umstrittene Kunstwerk ist in der Galerie ausgestellt, im Rahmen einer Retrospektive von Andres Serrano .

Es ist die Wiederholung eines Skandals: Vor 25 Jahren hatte Serrano ein Kruzifix aus Plastik in seinem eigenen Urin versenkt, es fotografiert und das Foto mit Arcylfarbe übermalt. Damals protestierten Christen, vor allem Katholiken, erst recht, da das Gemälde von dem mit Bundesmitteln unterhaltenen National Endowment for the Arts mit 15.000 Dollar bezuschusst worden war. Und auch heute sorgt Piss Christ für Ärger: Die Catholic League hat vor der Eröffnung gegen die Ausstellung demonstriert.

Nun tummeln sich in der Galerie nicht gerade unauffällige Sicherheitskräfte mit Knopf im Ohr. Und die Besucher — teils schwarz gekleidete New Yorker Schickeria, teils internationaler Kunst-Jetset — müssen sich vor dem Betreten der Ausstellung ausweisen. Während die anderen Bilder von Serrano im Hauptraum hängen — unter anderem ein Paar Hände aus einem Aids-Hospitz; America’s Burden , ein schwarzer Mann in einer Ku-Klux-Klan-Robe; ein Acrylfoto einer konvertierten Muslima und das Bild Blut und Samen —, wurde Piss Christ im rückwärtigen Teil der Galerie halb verborgen. Und es ist von einem Plexiglasrahmen geschützt.

Verteidigung der künstlerischen Freiheit

Nicht ohne Grund, denn 2011 war das Bild in einer Ausstellung im Avignon von empörten französischen Katholiken mit einem Hammer demoliert worden – die Spuren sind noch zu erkennen –, begleitet von wochenlangen Protestbriefen und -märschen. In Australien und Schweden wurden andere Versionen davon (es gibt zehn Abzüge) zerstört. Und so bereitet sich der Künstler, ein kubanischstämmiger Katholik, auf eine Neuauflage der Streits vor, insbesondere in der aufgeheizten Stimmung in Amerika nach dem Anti-Mohammed-Filmchen.

"Das Land hat sich all in diesen Jahren nicht vorwärtsbewegt", sagt Serrano. "Wir müssen die Freiheit der Kunst, der Expression immer noch verteidigen." Er hält es auch für falsch, den umstrittenen Mohammed-Film zu verbieten; jedoch, ein Kunstwerk sei dieser nicht, sondern eine Provokation, und der Produzent (der gestern verhaftet wurde), sei kein Künstler. Er hingegen sei sowohl Künstler als auch Christ. Genauso am Herzen wie die Kunst liegen ihm übrigens deren Produzenten, gerade angesichts der angespannten Lage beim National Endowment for the Arts (NEA), dessen Budget in den letzten Jahren um die Hälfte gekürzt worden sei.

Gerupfte Kunstförderung wegen "Piss Christ"

"Künstler müssen auch von etwas leben können", meint Serrano. In den dreißiger Jahren, im New Deal, habe es staatliche Kunstprogramme gegeben, wo Großartiges hervorgebracht worden sei. Beunruhigt ihn der Aufstieg der rechtspopulistischen Tea Party, die die NEA am liebsten ganz abschaffen würde? "Über die Tea Party mache ich mir erst Sorgen, wenn sie die Mehrheit bekommt", sagt Serrano. "Aber das wird niemals passieren."

Andres Serrano und seine Ehefrau in New York (Archivfoto 2009) © Andrew H. Walker/Getty Images for Earth Awards

Dass die Kunstförderung gerupft wurde, dafür gab allerdings Piss Christ den Startschuss. Nach einer Welle der öffentlichen Empörung über Serranos Bild und die ebenfalls mit NEA-Geldern geförderten Schwulenfotos des Fotografen Robert Mapplethorpe versuchte der Kongress 1989, die NEA abzuschaffen, wenngleich letztlich erfolglos. Angeführt wurde die Initiative von den republikanischen Senatoren Jesse Helms , Dick Armey und Al D'Amato – der das Bild "würdelosen Müll" genannt hat –, dem Evangelikalenführer Pat Robertson und dem Fraktionschef der Republikaner, Newt Gingrich , der gerade mit begrenztem Erfolg ein Comeback versucht und seiner dritten Frau zuliebe zum Katholizismus konvertiert ist.

Debatte heute eher gemäßigt

Ganz so dramatisch verläuft die Debatte diesmal nicht – zumal die Ausstellung ja im liberalen New York stattfindet. Aber dass Wellen hochschlagen werden, erwartet zumindest das Murdoch-eigene Boulevardblatt New York Post . Der Streit allerdings dreht sich nicht um Serrano, sondern um US-Präsident Barack Obama , bei dem Konservative ohnehin argwöhnen, er sei kein richtiger Christ, sondern ein heimlicher Moslem aus Kenia , der das Kalifat von Lissabon bis Kashmir durchsetzen will. Michael Grimm, ein katholischer Abgeordneter aus dem New Yorker Stadtteil Staten Island, forderte Obama auf, das Kunstwerk zu verurteilen, wie er ja auch das besagte Mohammed-Filmchen verurteilt habe.

Die neokonservative National Review Online schlug vor, New Yorks Atheisten sollten gemeinsam mit einem "Piss Mohammed"-Bild zu den Vereinten Nationen marschieren. Derweil versuchte New-York-Times -Kolumnist Nicholas Kristof, dem etwas Gutes abzugewinnen: Er wies darauf hin, dass konservative Christen, anders als Moslems, wegen Piss Christ keine gewalttätigen Aufstände veranstalteten. Den Vogel schoss allerdings William Donohue ab, der Vorsitzende der Catholic League . Quasi aus Rache präsentierte er auf YouTube ein Glas mit einer Wackelpuppe, die Obama darstellt — in Wasser, in dem stilisierte menschliche Exkremente herumschwimmen.