50 Jahre Fluxus : Kaputt gemacht, kaputt gelacht

Wenn am Ende eines Konzerts das Klavier in Trümmern liegt, waren keine Hooligans am Werk, sondern Künstler: Die Kunstrichtung Fluxus wird 50.
Yoko Ono sitzt 1968 in ihrer Installation "Half-a-Room" © Roger Jones/Keystone Features/Getty Images

In der beschaulichen Kurstadt Wiesbaden scheppert es im September 1962 gewaltig: Die "Fluxus Internationalen Festspiele Neuester Musik" erschüttern das Publikum. An vier Wochenenden strapazieren Künstler im städtischen Museum den Musik-Begriff der hessischen Bürger. Auf das Plakat ritzt einer: "Die Irren sind los."

Zum Inbegriff der Festspiele wird die spektakuläre Aufführung von Piano Activities von Philip Corner . Das Stück ist inspiriert von den Werken des Komponisten John Cage , der auch mal einen Pianisten vier Minuten und 33 Sekunden lang am Flügel sitzen und nichts spielen lässt. Corners Komposition schreibt vor, dass mehrere Spieler einen Flügel zum Klingen bringen, ohne die Tastatur zu benutzen.

Die Wiesbadener Interpretation setzt das Konzept besonders radikal um: Die Künstlergruppe um George Maciunas kann sich den Abtransport des billig erworbenen Instruments nicht leisten und bearbeitet den Flügel deshalb so lange mit Hämmern, Sägen und Brechstangen, bis nur noch Trümmer übrig sind . Das Publikum schaut entsetzt, fasziniert, verängstigt zu. Die Aufführung macht das Stück berühmt und eine neue Kunstrichtung berüchtigt: Fluxus ist geboren.

Was ist Fluxus ? "Wenn Du es definieren kannst, ist es kein Fluxus", sagt der Fluxus-Dichter Emmett Williams. Aber der Versuch ist straffrei. Zum Beispiel dieser: Fluxus ist die Wiederentdeckung von Dada mit moderneren Mitteln.

Wie die Dadaisten aggressiv und allergisch auf die -ismen ihrer Zeit reagieren, so antwortet Fluxus auf den saturierten Kunst- und Politikbetrieb nach dem Zweiten Weltkrieg. Was im Dada die Objets trouvés , die gefunden Objekte für Collagen und Assemblagen sind, das erweitert Fluxus auf gefundene Töne, Ereignisse, Alltagshandlungen, Gesten: événements trouvés .

Etymologisch ließe sich im von Fluxisten durchaus goutierten drastischen Vokabular sagen: Fluxus ist Dünnschiss. Als der Litauer George Maciunas den Begriff prägt, ist er sich der medizinischen Bedeutung der fließenden Darmentleerung bewusst.

Maciunas ist mit seinen Eltern vor der Sowjetarmee zunächst nach Deutschland geflohen und studiert dann in den USA Kunst. Seiner Kommilitonin Yoko Ono nennt er den Begriff Fluxus 1961 als Titel für ein geplantes – und nie erschienenes – Kunstmagazin für New Yorker Exil-Litauer. Vielleicht denkt er auch an Hans Arp, für den dadaistische Antikunst "unmittelbar den Gedärmen des Dichters" entspringt.

Noch ein Definitionsversuch: Im Kern von Fluxus steht die Überführung der Kunst in den Alltag und umgekehrt. Fluxus-Events sind Happenings, bei denen die Schranke zwischen Künstler und Publikum fällt. "Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben", sagt  Williams; "Leben ist Kunst", sagt der deutsche Bildhauer und Maler Wolf Vostell . Heute abgedroschen, in den sechziger Jahren noch Provokation.


Maciunas kommt 1961 als Grafiker für die US Air Force nach Deutschland. Er lernt den Dichter Emmett Williams kennen, der in Darmstadt für eine Armeezeitung arbeitet, den Künstler Wolf Vostell, den Komponisten Karlheinz Stockhausen und dessen Schüler Nam June Paik . In Düsseldorf veranstalten sie erste Action-Music-Abende, in Wiesbaden haben sie vor 50 Jahren ihren Durchbruch.

Das "Festum Fluxorum Fluxus" in der Kunstakademie Düsseldorf Anfang 1963 ist das nächste große Ereignis für die junge Kunstrichtung, die jetzt schon im Untertitel andeutet, dass es um mehr geht als Musik: "Musik und Antimusik. Das instrumentale Theater". Ben Vautier trägt die Fackel nach Frankreich und erweitert den Begriff noch mehr mit dem "Fluxus Festival of Total Art" in Nizza im Sommer 1963. Auch in Paris und Kopenhagen finden Konzerte statt.

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