Ausstellung "Newtopia"Diktatoren an die Wand gemalt

"Newtopia" im belgischen Mechelen setzt sich als erste Kunstausstellung weltweit mit dem schwierigen Thema Menschenrechte auseinander. Cornelia Wolter hat sie besucht. von Cornelia Wolter

Glasskulpturen in Form von Taufkleidern von Lieve van Stappen

Glasskulpturen in Form von Taufkleidern von Lieve van Stappen  |  © Lieve van Stappen

Kann Kunst die Welt verändern? Sie verbessern? Jedenfalls hoffen das die Künstler, deren Werke aktuell in der Ausstellung Newtopia: The State of Human Rights im belgischen Mechelen gezeigt werden. Es ist die erste Kunstausstellung weltweit, die sich diesem komplexen Bereich widmet.

Kunst, die Menschrechte thematisiert – das klingt zunächst nach Werken, die vor allem Meinungsvehikel sein sollen und die mit belehrend erhobenem Zeigefinger daherkommen. Amnesty International und Human Rights Watch sind Partner der Ausstellung. Doch das Gegenteil ist bei Newtopia der Fall. Kuratorin Katerina Gregos ist das schwierige Thema klug, sehr subtil und zuweilen auch ironisch angegangen. "Durch die stereotype Darstellung in den Medien haben Menschenrechte und der Kampf für sie heute oftmals eine negative Konnotation", sagt die Griechin, die in Brüssel lebt.

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Dennoch mahnen die gezeigten Werke natürlich auch und prangern Missstände an. Die Hälfte der 70 Künstler kommt aus Ländern, in denen Menschenrechte nicht geachtet werden oder es lange nicht wurden: aus Südafrika, China, Indien, Lateinamerika und aus arabischen Ländern.

"Uns war es wichtig, eine rein westliche Sicht auf das Thema zu vermeiden", sagt Gregos. Und die Fotos, Gemälde, Filme, Installationen und Skulpturen kritisieren nicht nur – sie demonstrieren auch, was in Sachen Menschenrechte seit ihrer Deklaration im Jahr 1948 erreicht wurde. So wie die Installation des Londoners Satch Hoyt, der mit Say It Loud! auf die Redefreiheit anspielt: Rund 1.000 Bücher mit afrikanischem Bezug hat er um eine Redeplattform samt Mikrophon gestapelt. Aus Lautsprechern ist in einer Endlosschleife James Brown zu hören mit den Songzeilen: "Say It Loud", doch statt "I’m Black And Proud" ertönt "I’m ... And Proud". Es bleibt Raum für den Ausstellungsbesucher, um sich selbst zu definieren.

Der Künstler Sammy Baloji

Der Künstler Sammy Baloji  |  © Cornelia Wolter

Newtopia ist in vier Kapitel gegliedert, die an vier unterschiedlichen Ausstellungsorten in der Altstadt Mechelens gezeigt werden. Der erste Teil im Kulturzentrum befasst sich mit Grundlegendem wie den Bürgerrechten. Dort sind auch die Fotografien von Sammy Baloji zu sehen. Er hat jene Orte im Kongo besucht, die Charles Lemaire noch zu Zeiten der Gräuelherrschaft Leopold II., in einer Expedition Ende des 19. Jahrhunderts fotografiert hat. Baloji hat an den gleichen Stellen Aufnahmen gemacht und mit den Menschen gesprochen, die dort heute leben. Indem er seine Fotos diesen "ethnografischen Dokumenten" gegenüber stellt, will er die Deutungshoheit zurück erlangen: "Die Geschichtsschreibung begann nicht erst mit den Aufzeichnungen der Kolonialisten, es gab und gibt Geschichte aus Sicht der Einheimischen", sagt der 34-Jährige Kongolese.

Das letzte Kapitel von Newtopia dagegen blickt nicht zurück, sondern liefert Ausblicke, Visionen, Utopien. So wie die Pläne des deutschen Künstler Thomas Klipper, der auf der italienischen Insel Lampedusa ein Kunstzentrum und einen Leuchtturm errichten will. Das Lighthouse für Lampedusa soll den afrikanischen Flüchtlingen, die von einem bessere Leben in Europa träumen und in kleinen, überfüllten Booten überzusetzen versuchen, helfen, den Weg an Land zu finden – eine mehr als ironische Haltung, wenn man bedenkt, wie unwürdig jene Flüchtlinge dort oftmals behandelt werden.

Palästina-Briefmarke des Künstlers Khaled Jarrar

Palästina-Briefmarke des Künstlers Khaled Jarrar  |  © Khaled Jarrar

Khaled Jarrar aus Ramallah hat eine andere Vision. Er hat das Motiv The State Of Palestine entworfen, ein Emblem – blauer Vogel auf gelbem Grund – für einen Staat, den es nicht gibt. Ursprünglich war The State Of Palestine ein Stempel, mit dem er insgesamt rund 700 Pässe von Palästinensern und Ausländern markierte – nicht ohne die Teilnehmer aufzuklären, welche Unannehmlichkeiten ihnen damit bei der Einreise nach Israel oder in die USA drohen könnten. "Manche haben gar keine Restriktionen erfahren, andere wurden festgehalten und verhört", sagt er. Mittlerweile ist The State Of Palestine ein Briefmarkenmotiv.

Der Künstler Khaled Jarrar

Der Künstler Khaled Jarrar  |  © Cornelia Wolter

Immer wenn Jarrar irgendwo ausstellt, zuletzt in Berlin, nun in Belgien, demnächst in Norwegen, lässt er davon echte Postwertzeichen anfertigen. Unterstützer schicken ihm dann damit frankierte Karten nach Ramallah. "Israel kontrolliert unsere Post, aber sie können diese Sendungen nicht zurückschicken, weil sie offiziell sind", sagt der Künstler und fügt hinzu: "Und sie können die Karten nicht ignorieren, weil diese dreisprachig sind." Khaled Jarrar wünscht sich einen Staat Palästina, in dem Araber, Juden und Christen zusammenleben können.

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    • Schlagworte Ausstellung | Banksy | James Brown | Künstler | Indien | Israel
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