Künstler Tue GreenfortDer Mensch als Teil des Biotops

Das Thema des Künstlers Tue Greenforts ist unser Verhältnis zur Natur. In seiner Berliner Schau experimentiert er mit Gas und Glas und baut Eisbär Knut ein Denkmal. von Simone Reber

Tue Greenfort

Installation "Zelt" von Tue Greenfort, Berlin 2011  |  © JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Historische Straßenlaternen säumen die langgestreckte Halle der Berlinischen Galerie . Doch ihr nostalgischer Anblick trügt. Obwohl die Lampen an ein orangefarbenes Gasrohr angeschlossen sind, stammt ihr Licht von umweltfreundlicheren LED-Strahlern. Gas war gestern. Mit seiner Ausstellung Erdglas zur Verleihung des GASAG-Kunstpreises entzieht sich der dänische Künstler Tue Greenfort geschickt jeder Vereinnahmung durch das Unternehmen.

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre in Kooperation mit der Berlinischen Galerie vergeben an Künstler, die sich mit der "Verschränkung von Kunst, Technik und Wissenschaften" beschäftigen. Mit der Ehrung sind eine Ausstellung und ein Katalog sowie der Ankauf eines Werkes verbunden. Den Preisträger wählt eine unabhängige Jury aus.

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Zwar sind Nachhaltigkeit und Umgang mit Ressourcen schon lange ein Thema für Tue Greenfort, aber der Künstler meidet politisch korrekte Reflexe. Öko-Kunst findet er "faul". In seinen Arbeiten verdichtet er komplexe Zusammenhänge zu schlichten Arrangements. Sein Worldly House gehörte zu den schönsten Orten der letzten Documenta . Im ehemaligen Haus für die Schwarzschwäne konnten Besucher über dem Wasser Filme anschauen, die vom Zusammenleben zwischen Mensch und Tier handelten. Weil selbst die Spinnweben unangetastet blieben, sah das Haus noch vor Eröffnung der Documenta aus, als sei es organisch aus der Karlsaue emporgewachsen. Das Publikum wurde integriert in dieses hölzerne Heim zwischen Wasser und Luft. Für einen Moment war der Mensch Teil des Biotops.

Die globale Sicht auf die Zivilisation und ihre Folgen ist dem Künstler zu unscharf. Lieber untersucht er einen konkreten Ort. Jetzt nimmt er seine Tiefenschürfungen am Standort der Berlinischen Galerie vor. Lokal begrenzt, aber wundersam weitschweifend zettelt er dort eine Rebellion an gegen gewohnte Denkmuster und menschliche Selbstanmaßung. Vom Publikum wird lediglich erwartet, alle Sinne offen zu halten, denn die Ausstellung lässt sich nicht linear lesen.

Was verstehen wir unter Natur? Welche Wunschvorstellungen projiziert die Kultur auf die Natur? Wie erschafft der Mensch eine künstliche Natur? Diesen Fragen geht Greenfort am Beispiel von drei Materien nach, dem Gas, dem Glas und der Kunst. Bevor die Berlinische Galerie in das Gebäude einzog, war dort ein Glaslager untergebracht. Die Innung der Glaser befindet sich noch immer in unmittelbarer Nachbarschaft. In den Straßenlaternen verbinden sich Glas und Gas, das Produkt des Preisverleihers. Erdglas lässt neue Landschaften vor dem inneren Auge entstehen. Der fossile Brennstoff Gas war einmal ein Urwald, für Glas werden Quarzsande und Pottasche verschmolzen. Die Kultur verwandelt die natürlichen Elemente in Nutzstoffe – oder in Kunst.

Auf einem Tisch liegen mundgeblasene Vasen, amateurhaft geknickt. Für seine Ausstellung hat Greenfort eigens einen Glasbläserkurs besucht. Doch erst wenn der Künstler die daneben stehende Gaslaterne anzündet, beginnen die unförmigen Körper transparent zu schimmern.

Tue, der Vorname des 39-jährigen Dänen spricht sich im Deutschen aus wie die Anweisung zu handeln: Tue etwas. Ähnlich wie sein Landsmann Olafur Eliasson glaubt Greenfort an den Betrachter als aktives Subjekt. Deshalb ist der Katalog der Ausstellung so konzipiert, dass Besucher eigene Seiten hinzufügen können.

Tue Greenfort

Eine Besucherin steht im Kunstverein in Hannover zwischen Quallen aus Glas aus dem "Medusa Swarm" (Archivbild).  |  © Caroline Seidel dpa/lni

2001, während seines Studiums an der Frankfurter Städelschule, griff Greenfort unauffällig in die Stadt ein. Weil plötzlich ein Zaun den gewohnten Trampelpfad der Passanten über eine städtische Brache versperrte, baute er eine Leiter über das Hindernis. In Istanbul lenkte er eine Ameisenstraße durch seine Galerie. Und für Draebergoble (Mnemiopsis leidyi) setzte er 2008 im Kunstverein Braunschweig sogenannte Killerquallen in einem Tank aus, die zuvor massenweise an der dänischen Küste gelandet waren. Die Invasion der dominanten Quallen war von Menschen gemacht, Schiffe hatten die Tiere importiert. Der Künstler baute ihnen im Aquarium einen idealen Lebensraum.

Ganz ohne Tiere kommt auch Erdglas nicht aus. Der Eisbär im Logo der GASAG wird ebenso wie die Kunstförderung zur Imagepflege benutzt. Er soll die Umweltverträglichkeit des Brennstoffes suggerieren. Greenfort hat dem berühmtesten Eisbären Berlins eine gläserne Wand gewidmet. Mit Knut wurde Natur zum Besitz, zur Ware, zum Objekt. Die Natur diene als Verkaufsargument, kritisiert der Künstler und fragt: "Kann man auch anders leben als nur materialistisch?"

In seine Zweifel bezieht er auch seinen eigenen Status als Künstler mit ein und sucht nach Vorläufern in der Kunstgeschichte. Für Erdglas fand er in den Sammlungen der Berlinischen Galerie Bilder von den Lichtern der Großstadt. In Werner Heldts Gemälde Nächtliches Straßenbild mit Droschke aus dem Jahr 1927 beleuchtet die Laterne eine schummrige Ecke. Im künstlichen Licht wird die Straße zur städtischen Natur. Die dada-Splitter von Hannah Höch gehören zu Greenforts Materialsammlung sowie Bruno Tauts Vision einer Glasarchitektur. "Damals spielten die Künstler eine klare Außenseiterrolle", sagt Greenfort, "heute sind wir alle pros ." Als Professionelle gestalten Künstler und Unternehmen die kulturelle Landschaft, für Greenfort sind sie Teil eines "parasitären Zyklus".

An der Stirnseite des Raumes hängt ein historischer Stich, auf Glas aufgezogen – Anweisung zur wilden Baumzucht . Die einzelnen Bilder zeigen die Arbeitsgänge der Forstwirtschaft. Das Blatt ist eines der ersten Dokumente für nachhaltiges Wirtschaften. Der Finger Gottes überragt alles, der Mensch muss ihn nun ersetzen, um seine Spuren in der Wildnis zu verwischen. Eine der ersten Bedrohungen für die Wälder stellte das Glas dar. Denn zur Herstellung der Pottasche wurde Holzkohle benötigt.

So dreht sich diese Ausstellung in Spiralen immer weiter. Die Erkundung des eng begrenzten Standortes der Berlinischen Galerie fördert eine Geschichte nach der anderen zu Tage. Die Erzählung mäandert durch den Raum, bis sie ein System von ökologischen, wirtschaftlichen und philosophischen Verflechtungen gewoben hat. Greenfort verführt die Besucher dazu, die nahezu göttliche Vogelperspektive von Google Maps zu tauschen gegen Bohrungen im Ursumpf. Als Lohn können die Betrachter von der Energie dieser Ausstellung profitieren. Nicht Licht und Wärme des Gases, nicht die Wandlungsfähigkeit des Glases sind der Motor der Schau. Erdglas produziert die Reibungskraft des Widerstands.

Tue Greenfort/ GASAG Kunstpreis 2012: 2.11. bis 8. 4.2013 – Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin, täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Künstler | Google | Documenta | Ausstellung | Galerie | Glas
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