Wer von der Londoner Unibibliothek nach Covent Garden will und Schutz vor Regen sucht oder es nicht eilig hat, nimmt den Weg durchs Britische Museum . Am Nordeingang, wo meist wenig los ist, wird er von einem Wärter begrüßt, geht durch die Galerie "Leben und Sterben" in den Great Court, umrundet den alten Reading Room und spaziert auf der anderen Seite wieder hinaus. Den Schirm muss er nicht abgeben. Und erst recht keinen Eintritt zahlen. Aber wer weiß, wohin die Neugierde den Flaneur treibt, wenn er ins älteste Museum der Welt eindringt. Er könnte gleich am Eingang in die Islamgalerie schauen oder durch die der koptischen Christenheit gewidmete Galerie das Café ansteuern, ein Weg, der an Scharen aufgeregter Schulkinder vorbeiführt, denn hier geht es zur beliebten Mumienabteilung.

Welcher Kontrast auf der Berliner Museumsinsel. Ist man nach den Transaktionen an der Kasse im sakralen Flüsterraum des Bode-Museums angekommen, kann man beim Gehen das Knatschen der eigenen Schuhe hören. Man wird zurückgepfiffen, denn es ist untersagt, mit dem Mantel überm Arm zwischen den Skulpturen zu wandeln. Schon fühlt man sich wie ein Eindringling und wünscht, dass es ein bisschen wie in London wäre, wo die Museen mit Leben, Neugier, Geschäftigkeit und Freude gefüllt sind.

13 britische Nationalmuseen, neun in London, laden neben unzähligen privaten Museen wie der Saatchi Galerie , den Universitätsmuseen in Oxford und Cambridge oder den Stadtmuseen der viktorianischen Industriestädte wie Manchester und Liverpool zum kostenlosen Museumsbesuch ein – fast alle ohne den aus dem deutschen Museumsleben nicht wegzudenkenden Schließtag. Die Folge: Londoner Museen spielen im Leben der Bevölkerung eine große Rolle. Es gehen nicht nur mehr Menschen ins Museum, sie gehen öfter, gelassener, entspannter, auch nur für 20 oder 30 Minuten. "Sogar die Frauen sind eleganter", staunt der neue deutsche Direktor des Victoria-&-Albert-Museums (V&A), Martin Roth . Beim Espresso sitzt er an einem sonnigen Mittag im Innenhof seines Museums und lässt den Blick über die Menge schweifen, die sich da tummelt, und kann das Glück kaum fassen, Direktor des supercoolen Museums zu sein, das einmal mit dem Spruch warb: "Ein La Café mit nettem Museum dabei".

"Was habe ich in Dresden gekämpft, um Barrieren niedriger zu machen. Deutsche Museen fürchten um Intellektualität und Wissenschaftlichkeit, haben Angst, ihre Identität zu verlieren." Roth verdreifachte in Dresden die Besucherzahl, im Kampf gegen die Schließtage scheiterte er. Und doch, verrät er, "beneiden die deutschen Museen die englischen um ihren Stil und ihre Eleganz". Kein Wunder. Der freie Eintritt ist die Grundlage einer Museumskultur, die für Londons Rolle als globale Hauptstadt, Kunstzentrum und beliebtestes Touristenziel der Welt eine zentrale Rolle spielt. Entscheidend ist aber, was diese Museen zu Londons zivilisierter, gelassener Urbanität beisteuern. Im ältesten Museumsrestaurant der Welt, dem "Morris, Gamble and Poynter Rooms" im V&A, wo seit 1867 bewirtet wird, treffen sich die Damen zum Tee und besuchen anschließend die Renaissancegalerie. Donnerstags bei der Spätöffnung erschallt Discomusik, und man darf mit Sektglas neben Giambolognas Samson stehen. In der Nationalgalerie schauen Beamte aus Whitehall in der Mittagspause schnell bei ihrem Lieblingsbild vorbei. Und wo sich besser zu einem Rendezvous treffen als in der pulsierenden Tate Modern ? Wie viele Liebesgeschichten wurden nicht in diesen Museen geknüpft.

Museen, zugänglich wie nie, sind Teil jener öffentlichen Zwischenzone zwischen Arbeitsplatz und Privatwohnung geworden, in denen die Großstadt existiert. Wie auf dem Corso in südlichen Ländern lautet das Motto "Sehen und gesehen werden". Museen sind Teil des öffentlichen Raums, wie Kaufhäuser, Parks, öffentliche Plätze, aber sie erweitern ihn und das öffentliche Bewusstsein durch ihre Schätze, ihre Geschichten, ihren Glanz, ihre Feier der Humanität. Wie das Kaufhaus im 19. Jahrhundert den Konsum demokratisierte, so tut es das moderne Museum für das Wissen, die Bildung und die Schönheit. Für die Briten ist das heute so selbstverständlich, dass auch bei größter Haushaltsknappheit nicht darüber diskutiert wird.