Kulturpolitik: Freier Eintritt für alle Museen!
Statt über Museumsbauten zu streiten, sollte Deutschland eine Kultur des freien Eintritts einführen, fordert Matthias Thibaut. In England ist das selbstverständlich.
© Peter Macdiarmid/Getty Images

Das Tate Modern Café in London
Wer von der Londoner Unibibliothek nach Covent Garden will und Schutz vor Regen sucht oder es nicht eilig hat, nimmt den Weg durchs Britische Museum. Am Nordeingang, wo meist wenig los ist, wird er von einem Wärter begrüßt, geht durch die Galerie "Leben und Sterben" in den Great Court, umrundet den alten Reading Room und spaziert auf der anderen Seite wieder hinaus. Den Schirm muss er nicht abgeben. Und erst recht keinen Eintritt zahlen. Aber wer weiß, wohin die Neugierde den Flaneur treibt, wenn er ins älteste Museum der Welt eindringt. Er könnte gleich am Eingang in die Islamgalerie schauen oder durch die der koptischen Christenheit gewidmete Galerie das Café ansteuern, ein Weg, der an Scharen aufgeregter Schulkinder vorbeiführt, denn hier geht es zur beliebten Mumienabteilung.
Welcher Kontrast auf der Berliner Museumsinsel. Ist man nach den Transaktionen an der Kasse im sakralen Flüsterraum des Bode-Museums angekommen, kann man beim Gehen das Knatschen der eigenen Schuhe hören. Man wird zurückgepfiffen, denn es ist untersagt, mit dem Mantel überm Arm zwischen den Skulpturen zu wandeln. Schon fühlt man sich wie ein Eindringling und wünscht, dass es ein bisschen wie in London wäre, wo die Museen mit Leben, Neugier, Geschäftigkeit und Freude gefüllt sind.
13 britische Nationalmuseen, neun in London, laden neben unzähligen privaten Museen wie der Saatchi Galerie, den Universitätsmuseen in Oxford und Cambridge oder den Stadtmuseen der viktorianischen Industriestädte wie Manchester und Liverpool zum kostenlosen Museumsbesuch ein – fast alle ohne den aus dem deutschen Museumsleben nicht wegzudenkenden Schließtag. Die Folge: Londoner Museen spielen im Leben der Bevölkerung eine große Rolle. Es gehen nicht nur mehr Menschen ins Museum, sie gehen öfter, gelassener, entspannter, auch nur für 20 oder 30 Minuten. "Sogar die Frauen sind eleganter", staunt der neue deutsche Direktor des Victoria-&-Albert-Museums (V&A), Martin Roth. Beim Espresso sitzt er an einem sonnigen Mittag im Innenhof seines Museums und lässt den Blick über die Menge schweifen, die sich da tummelt, und kann das Glück kaum fassen, Direktor des supercoolen Museums zu sein, das einmal mit dem Spruch warb: "Ein La Café mit nettem Museum dabei".
"Was habe ich in Dresden gekämpft, um Barrieren niedriger zu machen. Deutsche Museen fürchten um Intellektualität und Wissenschaftlichkeit, haben Angst, ihre Identität zu verlieren." Roth verdreifachte in Dresden die Besucherzahl, im Kampf gegen die Schließtage scheiterte er. Und doch, verrät er, "beneiden die deutschen Museen die englischen um ihren Stil und ihre Eleganz". Kein Wunder. Der freie Eintritt ist die Grundlage einer Museumskultur, die für Londons Rolle als globale Hauptstadt, Kunstzentrum und beliebtestes Touristenziel der Welt eine zentrale Rolle spielt. Entscheidend ist aber, was diese Museen zu Londons zivilisierter, gelassener Urbanität beisteuern. Im ältesten Museumsrestaurant der Welt, dem "Morris, Gamble and Poynter Rooms" im V&A, wo seit 1867 bewirtet wird, treffen sich die Damen zum Tee und besuchen anschließend die Renaissancegalerie. Donnerstags bei der Spätöffnung erschallt Discomusik, und man darf mit Sektglas neben Giambolognas Samson stehen. In der Nationalgalerie schauen Beamte aus Whitehall in der Mittagspause schnell bei ihrem Lieblingsbild vorbei. Und wo sich besser zu einem Rendezvous treffen als in der pulsierenden Tate Modern? Wie viele Liebesgeschichten wurden nicht in diesen Museen geknüpft.
Museen, zugänglich wie nie, sind Teil jener öffentlichen Zwischenzone zwischen Arbeitsplatz und Privatwohnung geworden, in denen die Großstadt existiert. Wie auf dem Corso in südlichen Ländern lautet das Motto "Sehen und gesehen werden". Museen sind Teil des öffentlichen Raums, wie Kaufhäuser, Parks, öffentliche Plätze, aber sie erweitern ihn und das öffentliche Bewusstsein durch ihre Schätze, ihre Geschichten, ihren Glanz, ihre Feier der Humanität. Wie das Kaufhaus im 19. Jahrhundert den Konsum demokratisierte, so tut es das moderne Museum für das Wissen, die Bildung und die Schönheit. Für die Briten ist das heute so selbstverständlich, dass auch bei größter Haushaltsknappheit nicht darüber diskutiert wird.






Was für ein schöner Artikel mit einem so wichtigen Thema!
Ich bin sicher, das kulturelle Leben würde sich für sehr viele Menschen ändern, wenn man umsonst in die Museen käme, statt die wirklich hohen Eintrittspreise zahlen zu müssen.
In unserem Heimatmuseum haben sie meinen Sohn, als er zwischen neun und 12 Jahre alt war, immer einfach so reingelassen - er kennt es in- und auswendig!
Endlich mal alltägliche Spaziergänge durchs Museum. Ja!
Die Museumskultur gerade in London ist einfach klasse. Sowieso ist die Stadt eine große Faszination und ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der vielen kostenlosen Museen.
Auch der öffentliche Nahverkehr ist dort günstiger und m.E. deutlich besser organisiert, als hierzulande. Kommt man aus dem Londoner Umland , d.h. wohnt man bis zu einer Stunde stadtauswärts, zahlt man zwischen 8 und 20€ für eine Tageskarte, die neben Hin- und Rückfahrt nach London alle Transportmittel in der Stadt (Tube, Bus, Züge) inkludiert.
Tatsächlich eine hervorragende Idee. Bei meinen Besuchen in London haben wir auch immer diverse Museen besucht, wenn wir gerade in der Nähe waren - In Deutschland stammen meine Museumserfahrungen nur aus Schulaktivitäten; eigentlich traurig, so betrachtet, wenn man bedenkt, wieviel Spaß die Besuche in Londoner Museen doch immer wieder bringen.
Wobei der kostenlose Eintritt natürlich nicht alles plötzlich gut macht - es braucht hierzulande einen komplett anderen Umgang mit dem Thema Museum, damit es ähnlich interessant wird wie in beispielsweise London.
... anschauen, wie krass sich das trotz verzweifelter Modernisierungsversuche dröge Guckkasten-Verkehrsmuseum in Nürnberg negativ vom seit Jahrzehnten begeisternden und sich immer wieder selbst und faszinierender erfindenden National Rail Museum in York nach unten abhebt. Und das für hier fünf Euro und dort null Pfund Sterling ...
... anschauen, wie krass sich das trotz verzweifelter Modernisierungsversuche dröge Guckkasten-Verkehrsmuseum in Nürnberg negativ vom seit Jahrzehnten begeisternden und sich immer wieder selbst und faszinierender erfindenden National Rail Museum in York nach unten abhebt. Und das für hier fünf Euro und dort null Pfund Sterling ...
... anschauen, wie krass sich das trotz verzweifelter Modernisierungsversuche dröge Guckkasten-Verkehrsmuseum in Nürnberg negativ vom seit Jahrzehnten begeisternden und sich immer wieder selbst und faszinierender erfindenden National Rail Museum in York nach unten abhebt. Und das für hier fünf Euro und dort null Pfund Sterling ...
Oh wie wahr. Wie gerne würde ich nach München fahren und mit Skizzenheft und Fotoapparat dokumentieren, was ich an meinem Modell der wohl ältesten Großdiesellok der Welt (der V140 001) noch verbessern könnte. Alleine: Mehr als Angucken und Fotos kaufen darf man nicht. Also durchsuche ich halt das Internet.
Oh wie wahr. Wie gerne würde ich nach München fahren und mit Skizzenheft und Fotoapparat dokumentieren, was ich an meinem Modell der wohl ältesten Großdiesellok der Welt (der V140 001) noch verbessern könnte. Alleine: Mehr als Angucken und Fotos kaufen darf man nicht. Also durchsuche ich halt das Internet.
sehr gute idee!!!
wobei sie in köln-wenn sie finanziell schlecht gestellt sind, mit dem sog. "kölnpass" in alle städtischen museen umsonst rein kommen.
aus eigener Erfahrung weiss ich, nach der Mittagspause noch kurz einen Rundgang durchs Museum für 10-15 Minuten sind durchaus üblich und wären in D nicht denkbar.
Die idee das Kultur dem Volk gehoert, ist ja nicht neu,und von daher auch wichtig das sie dem Volk zugaenglich gemacht wird. Ich gehe selbst auch nur in museen wenn ich muß, oder halt umsonst besuchen kann. Was mich mit meinem geschichts und Archaeologiestudium eh in den meisten faellen nichts kostet, jedoch sind wir die unterzahl, wenn man wie in England die Museen Eintrittsfrei gestaltet dazu noch ein Cafe oder restaurant anschließt, welches vom Museum gettragen wird, dann gehen dort auch die Umsaetze nach oben, weil man ja nicht gezwungen ist dort zu bleiben, so hat man mehr Zeit und kann nebenbei noch schnell mal einen kaffee trinken, kuchen essen etc, um dann weiter zu schauen.
Es ist schade, daß sich vieles in Deutschland so steif entwickelt hat was Behoerden angeht...
habe ich immer in der Mittagspause besucht. Das lohnt sich wirklich. Am Ausgang stand zu meiner Zeit ein großer Glaskasten als Geldsammler.
Auch die Galerien, zu jeder Zeit mal kurz oder lang reinschauen. Das hatte schon was.
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