ZEIT ONLINE: Frau Rheims, haben Sie sich eher feminin oder maskulin gefühlt, als Sie heute Morgen aufgestanden sind?

Bettina Rheims: Ich fühlte mich vor allem müde. ( lacht ) Mir fehlte die Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen, aber die Frage beschäftigt mich schon. Ich bin eine Frau und fühle mich wie eine Frau, aber ich bin eine Frau mit einer sehr starken Seite.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 1992 veröffentlichten Sie die Serie Modern Lovers über Androgynität und das Spiel mit sexueller Identität . Was reizte Sie an diesem Thema?

Rheims: Während eines meiner Castings betraten gleichzeitig ein Junge und ein Mädchen den Raum. Der Junge war sehr feminin, das Mädchen hatte kurze Haare und wirkte eher maskulin. Sie waren beide wunderschön und schienen doch nicht das zu sein, was sie zu sein vorgaben. Aids war damals ein großes Thema und Androgynität eine der Antworten junger Menschen auf die Krankheit: No Sex! Finde etwas Neues, mit dem Du spielen kannst.

ZEIT ONLINE: Ihre neue Serie über Transsexualität und Geschlechtsidentitäten heißt Gender Studies . Wie wählten Sie Ihre Modelle aus?

Rheims: Ich legte mir ein Facebook-Profil an und schrieb eine kleinen Aufruf. Es fühlte sich an wie Angeln: Man wirft die Schnur aus und wenn man Glück hat, beißt ein Fisch an.

ZEIT ONLINE: Und die Fische bissen an?

Rheims: Oh, ja, Fische aus der ganzen Welt. Leider konnte ich nicht alle persönlich treffen. Wir verabredeten uns zum Video-Gespräch über Skype . Natürlich hatten sich alle Interessenten für den Termin gestylt. Sie sahen toll aus. Aber mehr als ihr Äußeres faszinierten mich ihre Stimmen: Ich wollte Aussehen und Stimme abbilden, sprechende Bilder machen. Der Sounddesigner Frédéric Sanchez fand für mich eine Lösung: Er richtete in meinem Fotostudio ein Tonstudio ein.

ZEIT ONLINE: Die so entstandene Soundinstallation ist Teil Ihrer Ausstellung . Sprechen die Bilder nicht für sich?

Rheims: Doch, aber die Fotos können nicht abbilden, wie die Stimme der Modelle während einer Unterhaltung variiert. Die meisten verstellen sie. Dreht sich das Gespräch jedoch um sehr persönliche Themen, dringt die wahre Stimme durch. Es ist irritierend, so, als würde man sich mit mehreren Personen gleichzeitig unterhalten. Zusammen mit den Fotos entsteht durch die Soundinstallation das Bild eines dritten Geschlechts.

ZEIT ONLINE: Ein drittes Geschlecht?

Rheims: Ja, viele meiner Modelle wollen sich bewusst nicht entscheiden. Sie fühlen sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zugehörig. Sie wollen nicht Mann sein und nicht Frau.

ZEIT ONLINE: Androgynität spielt auch in der Modefotografie eine Rolle . Was verkörpern ihre Modelle, das ein Model nicht darstellen könnte?

Rheims: Die Zahl androgyner Models, die mit Geschlechterrollen spielen, nimmt zu. Andrej Pejic verkörpert diesen Trend, aber in ihm steckt mehr als das. Ich wollte Menschen abbilden, die ihr Anderssein bewusst erleben und bereit sind, sich für ihre Lebensweise einzusetzen. Meine Bilder zeigen auch den Schmerz, den das mit sich bringt.

ZEIT ONLINE: Unterscheiden sich diese jungen Menschen von der Generation, die sie vor zwanzig Jahren fotografiert haben?

Rheims: Sie sind nicht mehr so einsam. Früher hätten sich diese jungen Männer und Frauen vielleicht versteckt. Heute können sie dank Twitter , Facebook oder Foren ihre Seelenverwandten treffen. Das macht ihnen Mut. Facebook hilft Menschen, Verbündete zu finden. Edward ist ein gutes Beispiel dafür: Auf Facebook hat er viele Follower, seine Profilfotos zeigen ihn als starke Person, irgendwo zwischen Marilyn Monroe und Andy Warhol . Doch als ich ihn in Paris traf, war er sehr schüchtern. Mir schien, dass er sein Zimmer in Orange County nur selten verlassen hatte. Sein Leben spielte sich im Netz ab. In einer  Gemeinschaft, die nur virtuell ist, sich dafür aber über die ganze Welt erstreckt.