Nobelpreisträger Eric Kandel © Gian Paul Lozza/Aus dem Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis"

ZEIT ONLINE: Herr Kandel, sie sind 1938 von Wien nach New York geflohen. Fühlen Sie sich eigentlich als Österreicher?

Eric Kandel: Nicht so ganz. Gestern besuchte mich der Präsident von Österreich . Heinz Fischer übergab mir eine Auszeichnung. Mich amüsiert das: Jeder Österreicher bekommt Orden, wenn er über 80 ist. Selbst wenn er, wie ich, seit siebzig Jahren in Amerika wohnt.

ZEIT ONLINE: Ihr Buch Das Zeitalter der Erkenntnis beschreibt, was im Gehirn passiert, wenn der Mensch ein Kunstwerk betrachtet. Aber es liest sich auch wie eine Liebeserklärung an das Wien des Fin de siècle. An die jüdischen Wissenschaftler und Künstler, die damals die intellektuellen Grundlagen für die Moderne legten.

Kandel: Mir kam die Idee zum Buch, als mir die Österreicher einen anderen Preis zukommen ließen. Nachdem ich 2000 den Nobelpreis für Medizin bekommen hatte , ernannte mich die Universität von Wien zum Ehrenprofessor. Zunächst hatte ich geplant, eine bitterböse Rede zu halten, alle Österreicher zu verprellen und mich dort nie wieder blicken zu lassen. Dann entschied ich, dass dies nicht der richtige Weg sei. Ich wollte zivilisierter vorgehen und nahm mir vor, ein Buch zu schreiben über die Errungenschaften der Wiener medizinischen Fakultät, die um 1900 weltweit führend war. Sigmund Freud , Arthur Schnitzler , Carl von Rokitansky und viele mehr – gut die Hälfte der Mitarbeiter war jüdisch.

Zufällig lernte ich eine nette Dame im medizinischen Museum kennen, Sonja Horn, die mich darüber aufklärte, wie sehr Gustav Klimt , Oskar Kokoschka , Egon Schiele sich für Naturwissenschaften, für Biologie, Medizin, Psychologie interessiert hatten. In Klimts Gemälden sehen wir zum Beispiel häufig Strukturen, die wie Zellen aussehen – kein Zufall. Vor sechs oder sieben Jahren hielt ich einen Vortrag über diese drei Künstler und während der Arbeit an dem Text erkannte ich, dass dieses Feld genug hergibt für ein Buch.

ZEIT ONLINE:Was passiert im Gehirn, wenn wir ein Kunstwerk betrachten ?

Kandel: Wir können inzwischen ziemlich genau nachvollziehen, was biologisch passiert, wie die neurologischen Kreisläufe funktionieren, wie die visuelle Information vom Auge ins Sehzentrum geleitet und dort verarbeitet wird. Wir wissen auch, wie das Gehirn Gesichter erkennt. Sehr interessantes Phänomen, denn es folgt eigenen Regeln. Sie können ein Telefon oder ein Auto erkennen, egal von welcher Seite sie es betrachten, aber mit einem Gesicht haben sie Probleme, wenn es etwa auf dem Kopf steht. Gewisse Zellen im Gehirn reagieren dann einfach nicht. Womit das zusammenhängt, wissen wir noch nicht ganz genau. Aber wenn sie nun Porträts der Wiener Expressionisten betrachten, mit ihren exzessiven Farben und Formen, laufen die Zellen heiß.

ZEIT ONLINE: Wussten die Maler bereits, wie die Rezeption von Bildern funktioniert?

Kandel: Nicht bewusst.

ZEIT ONLINE: Klimt, Schiele , Kokoschka provozieren extreme Reaktionen. Ihre Darstellung von weiblicher Sexualität erzeugte damals bei vielen Betrachtern Abscheu, Porträts wie Klimts Adele Bloch-Bauer I erzielen heute astronomische Preise. Wie entsteht die emotionale Wirkung von Kunst?

Gustav Klimt "Adele Bloch-Bauer II" (1912), Abbildung aus dem Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis" © Gustav Klimt

Kandel: Manche Leute reagieren so intensiv auf Bilder, dass sie Schmerz oder Wohlgefühl empfinden. Es gibt einen Teil im Gehirn, der Gefühle steuert wie Empathie, Verständnis, Genuss. Da spielen auch unsere persönlichen Ansichten, Wünsche, Pläne eine Rolle: Erinnerungen, die unser Weltbild formen. Man nennt das die Theorie des Verstands .

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Kandel: Wiener Kunsthistoriker um Alois Riegl erkannten in den dreißiger Jahren die Bedeutung der Kognitionspsychologie für die Kunst. Wenn Sie und ich dasselbe Gemälde betrachten, sehen wir unterschiedliche Dinge, denn unser Gehirn ist ein kreatives Instrument. Wir haben gelernt, Bilder intuitiv zu interpretieren, uns einen Reim darauf zu machen, was wir sehen. In Bruchteilen von Sekunden gleichen wir neue Eindrücke mit unseren Erfahrungen ab, die wir im Gedächtnis gespeichert haben.

ZEIT ONLINE: Den meisten Künstlern ist nicht bewusst, was sie in unseren Gehirnen anrichten.

Kandel: Künstler beherrschen einige Tricks, um unsere Wahrnehmung zu täuschen. Seit der Renaissance versuchen Maler, auf einer zweidimensionalen Leinwand Dreidimensionalität vorzugaukeln – und haben sogar Erfolg damit, weil sie Mechanismen unseres Gehirns ausnutzen, das jedem Bild einen Sinn verleihen will.

ZEIT ONLINE: Wie genau kann die Wissenschaft erklären, was physiologisch im Gehirn des Kunstbetrachters passiert?

Kandel: Der zweite Teil des Buches handelt von den technischen Vorgängen. Ich habe mich bemüht, so verständlich wie möglich zu schreiben und die Angelegenheit mit Dutzenden Schaubildern zu veranschaulichen. Aber ich gebe zu: Das ist nicht ganz leicht zu verarbeiten, ich wäre Ihnen nicht böse, wenn sie das nicht alles lesen.