Geschichte der FotografieEin Fest für das vergängliche Material

Ein digitales Bild lässt sich beliebig reproduzieren, doch jeder Handabzug ist einzigartig. Eine Schau in Mannheim feiert das Papier - und das älteste Foto der Welt. von Deike Diening

Kurator Claude Wang Sui steht in Mannheim in den Reiss-Engelhorn-Museen neben der ältesten Fotografie der Welt und hält eine Reproduktion des Fotos in den Händen.

Kurator Claude Wang Sui steht in Mannheim in den Reiss-Engelhorn-Museen neben der ältesten Fotografie der Welt und hält eine Reproduktion des Fotos in den Händen.   |  © Uwe Anspach dpa/lsw

Ist es lächerlich, ein Zugticket bis nach Mannheim zu lösen, um eine Fotografie zu sehen, deren Bildinhalt man mit dem Suchwort "erste Fotografie" bei Google sofort findet?

Das erste Foto der Welt, das sonst im Harry Ransom Center der Universität Austin, Texas, lagert und noch nie ausgeliehen wurde, ist nun in Deutschland zu sehen. Es gilt als Sensation. Und noch auf der Reise dorthin werden einem Risse klar, Widersprüchlichkeiten in der Diskussion um die Fotografie: Wenn es in der Fotografie keine "Originale" gibt, warum kosten dann Abzüge plötzlich so viel? Wieso werden Fotografien beschützt wie Originale? Wieso pilgern die Menschen in Scharen zu Ausstellungen, deren Exponate als "technisch reproduzierbare Fotos" gelten? Worin gründet der Boom? 

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Das Ehepaar Helmut und Alison Gernsheim hat in Jahrzehnten eine spektakuläre Fotosammlung zusammengestellt. Und bevor am Ende der Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie" das erste Bild von 1826 zu sehen ist, folgt man dem verstorbenen Ehepaar auf einem wilden Ritt durch die Fotogeschichte. Gedämpftes Licht. Die empfindlichsten Stücke hängen unter Samtvorhängen, die man selbst für einen kurzen Blick lüften darf. Wenn hier alles so wenig einmalig wäre, wie Walter Benjamin das 1935 in seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" annahm, wäre all das überflüssig: Die Schau der originalen Daguerreotypien, der Reisbilder, der fotografischen Experimente. Da gibt es Abstraktionen, neue Sachlichkeit und Fotojournalismus nebeneinander. Es ist ein Querschnitt durch mehr als 150 Jahre Fotografie, in denen das Wunder der Entwicklung diskutiert wird: Wie auf einer lichtempfindlichen Oberfläche plötzlich ein Bild entsteht. Ob das Kunst sein kann.

Aber, und das wird einem vor den alten Dokumenten klar: Wie sich im Zeitalter der Digitalisierung herausstellt, ist das wahre Wunder die Fixierung! Die eindeutige Verankerung in der Zeit.

Denn niemals werden digitale Daten endgültig fixiert, sie werden gespeichert, und jede Sammlung von Daten ist wieder eine Ausgangslage zur weiteren Bearbeitung. Jedes Speichern ist nur ein Zwischenspeichern. Der Datenstrom ist unendlich. Anders beim Film. Technisch bedingt wird ein Bild zu zwei Gelegenheiten fixiert: Bei der Entwicklung des Films und bei der Entwicklung des Abzugs. Entwickeln, fixieren, wässern. Dieser Prozess ist nicht mehr umkehrbar. Weder für den Film noch für den einzelnen Abzug. Dann ist das Bild das Bild. Diese zweifache Fixierung arretiert das Bild in seiner Zeit: nahe am Zeitpunkt seiner Entstehung, nahe am Zeitpunkt seines Abzugs.

Wenn man die endgültige Fixierung als den wesentlichen Unterschied zur digitalen Technik begreift, werden einige erstaunliche Entwicklungen der letzten Jahre verständlich: zumal die irren Preissteigerungen bei Fotografien auf dem Kunstmarkt. Gehandelt wie Antiquitäten erhalten sie ihren Wert letztlich durch ihre unmissverständliche Datierung. Durch das Bildmaterial. Nicht durch den Bildinhalt. Letzterer ist längst umsonst im Netz zu haben.

Der Bildanteil, den man beliebig reproduzieren kann und der unter dem Stichwort "erste Fotografie" in den Suchmaschinen abrufbar ist, ist nur sein geringerer Teil und geradezu wertlos. Niemand bezahlt etwas für Bildinhalte.

Nicht reproduzierbar ist jedoch das Material. Und diese Ausstellung ist eine Feier der Materialität. Gerade weil Gernsheim und seine Frau so frei gesammelt haben, sich nicht nur auf "berühmte" Fotografen und ihre bekannten Motive konzentriert haben: Da sind Albuminabzüge, Salzpapierabzüge, Fotogravüren, technische Experimente, das ganze Irrlichtern der Fotografie. Durch die Abteilungen Landschaft, Stillleben, Bildjournalismus, Porträts flanierend, erkennt man, was daran einzigartig ist. Nicht reproduzierbar, schon gar nicht auf Zeitungspapier ist zum Beispiel, wie das Silber in den Flüssigkeiten des Abzugs Glänzendes wie nass wiedergibt: Die quasi feuchte Pupille im berühmten Porträt von Max Ernst im Silbergelatineabzug von 1964. Nicht reproduzierbar: Der Effekt von Originalgrößen. Da sind Panoramabilder, in die man hineinkriechen muss, als linse man durch einen Vorhangspalt in eine andere Zeit. Nicht reproduzierbar: das stumpfe Sepia eines Albuminabzugs. Die ungeheuer flächige Schärfe, die nur große Negative erzeugen können. Die Plastizität von Gesichtern, die entsteht, wenn jemand Graustufen schätzt. Und die Wellen des nach dem Wässern schlecht getrockneten Papiers.

Auf diese Art kann eine Fotografie ein Original und die analoge Fotografie ein "Zeitalter" sein. Das erste Foto ist dann Ausgangspunkt einer Geschichte, die ihr Ende längst gefunden hat: Denn mit dem Ende der analogen Technik ist ja diese Fotografie ein abgeschlossenes Sammelgebiet geworden. Wie die Briefmarken der DDR. Hinein fällt nun technikbedingt neben den Aufnahmen anerkannter Künstler im Prinzip jedes jemals belichtete Negativ. Jedes Foto wird schlagartig Teil einer begrenzten Menge, einer Art weltweiten Gesamtauflage.

2007 wurde bei einer Auktion der Villa Grisebach in Berlin das Unikat "Rauchender Mann" des Fotografen Dieter Blum angeboten. Es zeigt den unvermeidlichen Marlboro-Mann schwarz-weiß, der sich seine Zigarette anzündet, das Gesicht beschattet von seinem Cowboyhut. Es ist ein bekanntes Motiv der Zigarettenfirma und das extreme Ende fotografischer Reproduzierbarkeit: Es ist Werbung, nicht als Kunst gedacht, allgegenwärtig auf Plakaten, in Zeitungen und Kinos. Und nun? Kunst? Eine Antiquität? Ein Zeitdokument? Bei 81.000 Euro fiel der Hammer. Es war zu dem Zeitpunkt das teuerste Foto einer deutschen Auktion jemals.

Information

Die Geburtsstunde der Fotografie – Meilensteine der Gernsheim-Collection

Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, bis 6. Januar 2013

Im letzten Raum der Ausstellung in Mannheim steht der Schrein der ersten Fotografie: Sie ist auf dieselbe Art konserviert wie die ägyptischen königlichen Mumien und die indische Verfassung: "Kontrollierte Argonatmosphäre", Sauerstoffgehalt weniger als 0,01 Prozent, zwischen 40 und 45 Prozent Luftfeuchte. Helmut und Alison Gernsheim stöberten die Platte 1952 in einem eingelagerten Überseekoffer in London auf und datierten so den Beginn der Fotografie um 13 Jahre auf 1826 vor. Es ist tatsächlich ein Original, denn die Zinnplatte ist ein Positiv. Deutlicher als das Motiv sind die drei Dellen im Blech und die Kratzer im Material zu erkennen. 1826 belichtete während acht bis zehn Stunden eines sonnigen Tages der Franzose Joseph Nicéphore Niépce die mit Asphalt beschichtete Zinnplatte mit dem Ausblick aus seinem Fenster. Asphalt härtet unter Lichteinwirkung aus. Verblasst liegt das stumpfe Rechteck mit dem hellen Scheunendach und den Gebäudeflügeln. Dass im Hintergrund ein Birnbaum steht, muss man sich sagen lassen.

Wie immer unter Menschen werden auch nach Erfindung der Fotografie Kriege ausgefochten und private Feste gefeiert, aber nun gibt es Zeugen. Sie sind um ein Vielfaches zahlreicher als die Anwesenden. Fixiert werden zwei Weltkriege, Geburtstagsfeiern, Konzentrationslager, die Mondlandung, der Tod Kennedys, Tanz, Tiere, Jubiläen, nackte Frauen, Namenstage; in Vietnam schreit ein rennendes Kind; es gibt viele Ehefrauen im Größenvergleich zu Baudenkmälern des Weltkulturerbes. Und immer wieder Weihnachten. Bis heute sind 186 Jahre Geschichte durch das Fixierbad der Fotografen gelaufen. Die Frage ist, ob es auch im digitalen Datenstrom möglich sein wird, den Lauf der Zeit so eindeutig festzuhalten.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • ManRai
    • 07. Oktober 2012 2:26 Uhr

    Die analoge Fotografie lebt weiter, wenn auch etwas ruhiger und mehr im Hintergrund. Trotz Photoshop und Kollegen hat ein analog vergroessertes Negativ auf echtem Barytpapier eine ganz andere Ausstrahlung, oft unerklaerlich. Schauen Sie sich die Fotos auf der Seite von Wolfgang Moersch an, einem Meister der Chemie und der Papiere. Oder die Lith Entwicklung, hier wird jeder Abzug neu und anders, von der Galerie bis zur Abfalltonne ist alles drin. Oder Projekte und Firmen wie HOLGA, Impossible Project sprechen auch fuer die analoge Fotografie. Nach Kodak gibt es immer noch genug Filme (Ilford, Rollei, Maco) die ihren eigenen Character haben und die chemische Entwicklung erweitert diesen noch. Frueher verwendete man einen anderen Film um z.B. mehr Empfindlichkeit zu bekommen, will ich heute den Character des Films veraendern, entweder Software oder neue digitale Kamera. Ich vermisse die Stunden im "Rotlicht" und die Freude/Ueberraschung ueber die Ergebnisse.

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