KunstbetriebGleichstellung in der Kunstwelt?

Die Zahl der Museumsdirektorinnen wächst. Einflussreiche Galeristinnen gestalten Karrieren und Preise. Haben Frauen die Macht im Kunstbetrieb übernommen? von Simone Reber

Sibylle Zeh: Künstlerinnenlexikon 2000-2006, Buchobjekt übermalt, 22,2 x 16 x 9 cm

Sibylle Zeh: Künstlerinnenlexikon 2000-2006, Buchobjekt übermalt, 22,2 x 16 x 9 cm  |  © Ralf Hoedt

Leere Blätter seitenweise. Die Malerin Sibylle Zeh nahm sich Reclams Künstlerlexikon zur Hand und übertünchte alle Männernamen mit weißer Farbe. Übrig blieben 169 Künstlerinnen.

Dabei sind Frauen in der Kunstszene einflussreich wie nie. Mächtige Künstlerinnen wie die Performerin Marina Abramović, die Malerin Marlene Dumas oder die Videokünstlerin Pipilotti Rist gehören zu den Stars in Museen und privaten Sammlungen. Einflussreiche Galeristinnen gestalten Karrieren und Preise. In den Museen übernehmen zunehmend Frauen die Leitung. Die documenta wurde schon zum zweiten Mal in ihrer fast 60-jährigen Geschichte von einer Frau kuratiert. Gibt es etwa sogar einen Frauenbonus im Kunstbetrieb? Müssen Männer nervös werden, weil ihnen eine Karriere versagt bleibt?

Die nüchternen Zahlen stützen diese Annahme nicht. Die detailreichste Studie zur Situation von Frauen in Kunst und Kultur hat der Deutsche Kulturrat 2004 auf Bitten der Kultusministerkonferenz erstellt. Sie bezieht sich auf Erhebungen aus den Jahren 1995 bis 2000. Danach sind die Studentinnen an den Kunsthochschulen mit etwa 60 Prozent klar in der Überzahl. Bei Preisen und Stipendien liegen junge Künstlerinnen und Künstler noch gleichauf. Dann öffnet sich die Schere, ein Teil der Künstlerinnen wird unsichtbar. Während Männer ihren Verdienst steigern, stagniert das Einkommen ihrer Kolleginnen.

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An den Universitäten haben die Gleichstellungsgesetze inzwischen erste Wirkung gezeigt. Noch vor zehn Jahren war nur jede fünfte Professur mit einer Frau besetzt. Heute ist an der Berliner Universität der Künste zum Beispiel ein Drittel der Professorenschaft weiblich. Allerdings werden nur drei von bundesweit 19 Kunsthochschulen von einer Rektorin geleitet.

"Wenn Renommee im Spiel ist", sagt Leonie Baumann, Rektorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, "besetzen immer noch Männer den Job". Sie vermutet, dass viele ihrer Studentinnen nach dem Abschluss im Familienknick hängen bleiben. Der globalisierte Kunstbetrieb erfordert ein hohes Maß an Mobilität. Während Spitzenverdiener wie Damian Hirst oder Jeff Koons mit der ganzen Familie reisen, bleibt die Berufseinsteigerin eher in der Nähe ihrer Kinder. Bevor Baumann an die Hochschule wechselte, war sie Geschäftsführerin der basisdemokratischen Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Sie erinnert sich, wie ihr für eine große Ausstellung der österreichischen Medienkünstlerin Valie Export lediglich das Treppenhaus angeboten wurde. Lange her? Das war 2002.

Am deutlichsten ist die Veränderung in den Museen zu spüren, auch wenn die ganz großen Tanker von Männern gelenkt werden. Von den 18 führenden Kunstmuseen, die sich einmal zum Leipziger Kreis zusammen geschlossen haben, werden heute drei, bald vier von einer Frau geleitet: in Chemnitz , Karlsruhe, Düsseldorf und demnächst Stuttgart . Zählt man die Kunsthallen und Kunsthäuser dazu, steigt die Zahl auf elf Direktorinnen. Nach dem Bericht des Deutschen Kulturrates ist insgesamt ein Viertel der Direktoren weiblich. In den großen Museumsverbänden führen Frauen einzelne Häuser, übernehmen die Stellvertreterposition oder sind als Kuratorinnen tätig.

Christiane Lange ist überzeugt, dass die Veränderungen im Kunstbetrieb nachhaltig sind. Die Kunsthistorikerin wechselt zum Januar als Direktorin von der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung an die Staatsgalerie Stuttgart. "Wir haben als Direktorinnen Vorbildcharakter. Die jungen Frauen sind tough, die wollen berufstätig werden." Auch für Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt und Kuratorin des deutschen Pavillons in Venedig , ist Gleichstellung kein Thema. Im MMK herrsche ein völlig ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das reiche bis hin zu den Erwerbungen.

Auf dem Kunstmarkt wird mit härteren Bandagen gekämpft als im öffentlichen Dienst. Nach der Studie des Deutschen Kulturrates stammt jedes dritte Kunstwerk, das die Museen erwerben, von einer Frau. Während ein Künstler 10.000 Euro verdient, erhält eine Künstlerin im Schnitt nur 6.400 Euro.

Als Monika Sprüth vor fast 30 Jahren in Köln ihre Galerie eröffnete, lenkte sie die Aufmerksamkeit auf Namen wie Jenny Holzer, Cindy Sherman oder Rosemarie Trockel. Heute gehören die Künstlerinnen der Galerie Sprüth Magers zu den Topverdienerinnen in der Kunstwelt. Aber das ganz große Spiel um die Millionen werde weiterhin von Männern gestaltet, sagt Sprüth. "Ein Bild von Cindy Sherman wurde für über zwei Millionen Dollar verkauft, ihre neuen Arbeiten liegen aber bei 500.000 Dollar. Da fängt Jeff Koons erst an. Ist Jeff Koons bedeutender als Cindy Sherman?" Die Lust an der Macht des Geldes konnte die Galeristin weder bei Sammlerinnen, noch bei Künstlerinnen oder ihren Kolleginnen im gleichen Maß beobachten. Als Beispiel führt sie Damian Hirst an, der am ersten Tag der Finanzkrise fast 300 Werke bei Sotheby’s in die Auktion gab, ohne seinen Galeristen einzuschalten. "Das Spiel, dass der Preis des Werkes die Bedeutung des Künstlers manifestiert, spielen männliche Künstler gerne mit." In diesem Wettbewerb setzt sich nur durch, wer entschlossen genug ist. "Man muss diese Macht wollen", sagt Sprüth, "man muss diese Machtspiele auch in der Konkurrenz mitspielen wollen".

Besonders hart ist dieser Kampf für freie Kuratorinnen, denn die Ausstellungsbudgets schrumpfen. Ellen Blumenstein, die zum Jahreswechsel die Leitung der Berliner Kunstwerke KW Institute for Contemporary Art übernimmt, hat sich in den letzten Jahren mit fünf bis sechs Geldprojekten über Wasser gehalten, darunter so renommierte Aufträge wie die Gestaltung des isländischen Pavillons in Venedig. "Ich habe in Rotterdam unterrichtet und in Schottland eine Studie begleitet. Ich bin im letzten Jahr regelmäßig zwischen sechs verschiedenen Orten gependelt. Das kann man aber nicht ein Leben lang durchhalten." Als ihre wichtigste Eigenschaft nennt sie Zähigkeit und die Bereitschaft, doppelt so hart zu arbeiten. Wahrnehmung ist die Währung im Kunstbetrieb, das gilt für Kuratorinnen wie für Künstlerinnen. "Es gibt bestimmte Regeln und Konventionen, mit denen Sichtbarkeit hergestellt wird, dazu gehören Kampfgeist und der Wille zur Präsenz. Ganz junge Frauen", glaubt Blumenstein, "haben das inzwischen, sie besitzen die Entschlossenheit, sich durchzusetzen und ihre eigenen Interessen zu verfolgen."

"Ich habe einfach sehr viel gearbeitet", sagt auch die Künstlerin Karin Sander , die heute Architektur und Kunst an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich lehrt. Mit ihrem letzten Projekt Zeigen bot sie Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, ein Werk als Hörstück zu realisieren. Eine andere Form des Künstlerlexikons. Karin Sander durchkämmte die Karteien der Stipendiengeber, fand viele Künstlerinnen, auf die Hälfte kam sie nicht. Sie selbst habe das Glück gehabt, all das machen zu können, was sie sich vorgenommen hatte. "Frauen müssen einen viel größeren Aufwand leisten, um in gleicher Weise wahrgenommen zu werden", sagt Karin Sander. Dabei entwickeln Künstlerinnen eine enorme Energie. Aber richtig rund wird es für sie erst laufen, wenn sie ihre gesamte Kraft ins Werk stecken können. 

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Leserkommentare
  1. dass Männer (im statistischen Mittel) die besseren Künstler sind und der (in dem Punkt recht unbestechliche) Markt das über höhere Preise widerspiegelt? Mühe allein genügt halt nicht immer :-)

  2. der hiesigen Kunsthochschulabsolventen können von ihrer Arbeit leben, hat man uns zu Beginn des Studiums mitgeteilt. Selbstvermarktung wurde nicht unterrichtet. Da viele Künstler introvertierte Menschen sind, die Kunst als Kommunikationsmittel nutzen, eine sträfliche Unterlassung. Und von Introvertiertheit sind Menschen beiderlei Geschlechts gleichermaßen betroffen. Oder wollen wir wieder nur biologisieren wenn es in den ideologischen Kram passt?

    Viele meiner Kommilitoninnen wurden zu Ende des Studiums wie auf Bestellung schwanger, verdienen heute hin und wieder mit ein paar Verkäufen und betreuen ansonsten die Kinder, während ihre Männer arbeiten.
    Auch ich habe meine Künstlerkarriere aufgegeben als ein Kind unterwegs war – einfach um das nötige Kleingeld zu verdienen und zwar im wenig sinnlichen IT-Bereich. Für einen Künstler die wahre Hölle.

    Ein Mann.

  3. Ob unter den Museumsdirektoren auch eine Person türkischer Abstammung ist. Haben wir denn auch genug behinderte Künstler. Wie wird sichergrestellt, dass Rechtshänder*innen hier nicht systematisch benachteiligt werden? Wie sieht es mit dem Alter aus? Ist anscheinend alles egal: Frau sein ist ja, wenn man die wöchentlichen Artikel dazu liest, bei der Gleichstellung das Einzige, was zählt.

    • Mari o
    • 11. Oktober 2012 9:44 Uhr

    Genußreich ist der Nachmittag,
    Den ich inmitten schöner Dinge
    Im lieben Kunstverein verbringe;
    Natürlich meistensteils mit Damen.
    ach bitte sehn sie nur Komteß
    und die Komteß sich unterdes
    Im duftigen Batiste schneuzend
    erwidert schwärmerisch:"oh wie reuzend"

    na dann,werft euch auf die Kunst,vielleicht verdient ihr was dabei

  4. Welche Künstlerinnen haben Monika Sprüth, Susanne Gaensheimer, Christiane Lange, Ellen Blumenstein entdeckt?

    • schana
    • 11. Oktober 2012 22:03 Uhr

    „ ... dass Männer die besseren Künstler sind und der (in dem Punkt recht unbestechliche) Markt das über höhere Preise widerspiegelt? Mühe allein genügt halt nicht immer :-)“

    Sehr geehrter Herr Fuchs,
    soll das ein ironischer Kommentar sein? wenn ja habe ich das nicht bemerkt, wenn nein, dann finde ich Ihren Beitrag unaussprechlich unreflektiert und dumm.

    Mühe: Männer brauchen Ihrer Meinung nach gar keine Mühe aufbringen, das funktioniert sowieso weil eben Mann! und Frauen brauchen zusätzlich zur Mühe noch Kompetenz die Sie Ihnen absprechen. Männer haben eine gewisse Kompetenz Gott-gegeben oder wie?!

    Unbestechlicher Markt in der Kunst: der Markt folgt den Gesetzen derer die sie machen und vor allem im Kunstmarkt ist die Einflussnahme von bestimmten Personen sehr relevant für die Präsenz der Künstler. Sie werden (groß) gemacht und die Qualität der Arbeit spielt dabei- auf einem gewissen gleichgestellten Niveau - keine große Rolle.

    Was aber eine entscheidende Rolle spielt ist der Wille zur Macht. Da sind ohne Zweifel Männer immer noch mehr interessiert daran, bzw. wollen diese unbedingt haben. Dies auf eine Frage der Qualität herunter zu spielen ist vollkommen idiotisch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Denken Sie mal über weibliche Anerkennung männlichen Tuns anhand unserer Kulturgeschichte nach. Männerverhalten ist in Beziehung zur Frau und ihrem Anspruch zu setzen. Ein Habenichts blieb einer. Erst seine erwiesenen Versorger- und Beschützerqualitäten erlaubten ihm Familienpläne. Deshalb gibt es immer noch Statussymbole mit durchschlagendem Erfolg beim weiblichen Geschlecht.

    http://www.aachener-zeitu...

    Unser gesamter urbaner Raum ist gewaltiges Zeugnis dieser Art Nestbauwettbewerb unzähliger, männlicher Anwärter.
    Und letzten Endes hatte immer eine Frau Macht über den (heterosex.) Mann – da kann er noch so mächtig sein.

  5. 7. shana

    Denken Sie mal über weibliche Anerkennung männlichen Tuns anhand unserer Kulturgeschichte nach. Männerverhalten ist in Beziehung zur Frau und ihrem Anspruch zu setzen. Ein Habenichts blieb einer. Erst seine erwiesenen Versorger- und Beschützerqualitäten erlaubten ihm Familienpläne. Deshalb gibt es immer noch Statussymbole mit durchschlagendem Erfolg beim weiblichen Geschlecht.

    http://www.aachener-zeitu...

    Unser gesamter urbaner Raum ist gewaltiges Zeugnis dieser Art Nestbauwettbewerb unzähliger, männlicher Anwärter.
    Und letzten Endes hatte immer eine Frau Macht über den (heterosex.) Mann – da kann er noch so mächtig sein.

    Eine Leserempfehlung
  6. Geht man einmal auf den Ursprung zurück, ich denke da an die Höhlenmalerei oder so manches Knochenschnitzwerk, waren es wohl die Jäger, Männer, die ihre Taten für die Nachwelt festgehalten haben.
    Etwas bleibendes zu schaffen, dürfte auch heute noch einer der Hauptimpulse sein, um gestalterisch tätig zu werden. Ich denke die "Kunst" ist nicht von ungefähr eine Männerdomäne – Rücksichtsoligkeit gegen sich selbst und andere, Leidenschaft, Fanatismus, Perfektionismus, Agressivität, Selbstmitleid – alles keine Eigenschaften die man sich von der Mutter seiner Kinder wünscht. In unserem subventionierten Kunstbetrieb spielt das natürlich keine große Rolle. Da sind die Künstler auch keine Jäger mehr und in 100 Jahren wird sich über die meisten unserer zeitgenößischen Künstler sowieso keiner mehr Gedanken machen. Und übrig bleiben wird da auch nicht viel. Um "Kunst" zu machen muss man aushalten können, Würde und Stehvermögen besitzen – wer will schon ein Bild von einem verzärtelten, akademischen Waschlappen/Waschläppin an der Wand hängen haben, der nicht dafür gemacht ist, diesen Weg ohne das Scheckbuch von Papi und, oder Stipendium zu gehen. Mir ist das völlig egal, ob Frauen den sogenannten Kunstbetrieb übernehmen oder nicht, besser wirds dadurch nicht. Streitbare Thesen, aber ich weiß warum ich seid 30 Jahren von meinen Werken Leben kann.

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  • Schlagworte Cindy Sherman | Jeff Koons | Gleichstellung | Künstler | Museum | Chemnitz
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