Oliver Kern : Kleine Symbole statt großer Wahrzeichen

Autos, Asphalt und Brückenbau: Der Fotograf Oliver Kern zeigt in Alltagsszenen, wie sehr sich Deutschland geändert hat – und fragt zugleich, wie wir eigentlich leben.

Der Fotograf Oliver Kern hat Deutschland zehn Jahre lang porträtiert, sein Bildband Die deutsche Aussicht (Hatje Cantz) zeigt dem Alltag abgetrotzte Aufnahmen. Oft wirken die Menschen so in sich gekehrt und spröde wie die Landschaft. Diese ist industriell geprägt, was man oft erst auf den zweiten Blick erfasst – so gewöhnt ist man an Asphalt, Beton, Strommasten und Kraftwerk. Zugleich liegt etwas Friedliches in Kerns Bildern, die Gegenwart wird so akzeptiert, wie sie ist. Die Stiftung Zollverein Essen zeigt Kerns Fotos bis zum 13. Januar 2013.

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Die Bilder zeigen sehr gut den Deutschen glattgeputzten

Tiefschlaf und eine Behäbigkeit die sich gerne mit altkaiserlicher Ruhe und Ordnung verbindet. Selbst die Moderne kommt rückwärtsgewandt daher. Wer einmal in Spanien, Portugal, Frankreich oder sogar in der Türkei war und sich dort jüngere Gebäude angesehen hat wird wohl über die deutsche Mutlosigkeit schmunzeln.

Die deutsche Aussicht

Auf der Suche nach der deutschen Identität reiste der 1965 in Saarbrücken geborene Fotograf Oliver Kern durch mehrere Bundesländer der Republik. Was er dabei an symbolträchtigen und stimmungsvollen Augenblicken in seinen Bildern festgehalten hat, entspricht nicht den üblichen Klischees von z.B. schwarz-rot-goldenen Fähnchen schwenkenden Fußballfans oder weiß-blauer Trachtenidylle aus dem Voralpenland. Oliver Kern geht mit seinen Aufnahmen viel weiter und zeigt Landschaft und urbanen Raum so ungeschönt, wie ihn die meisten Menschen vorfinden, fernab von touristischen Postkartenklischees. Auch wenn er Landschaften aus Asphalt, Beton und Strommasten präsentiert, liegen diesen Bildern stets Authentizität zu Grunde und die Aufnahmen, sowie die darin abgebildeten Menschen, strahlen dennoch Würde und Gelassenheit aus. Waren in der Vergangenheit Begriffe wie Deutschland, Nation und Heimat eher negativ besetzt, ist es unter anderem auch ein Verdienst engagierter Fotografen wie Oliver Kern mit althergebrachten Traditionen zu brechen und Deutschland nunmehr realistisch zu präsentieren. Der Bildband mit dem Titel "Die deutsche Aussicht" ist hierfür ein sehr gelungenes Beispiel. Die Bilder von Oliver Kern werden noch bis einschließlich 13. Januar 2013 in der gleichnamigen Ausstellung "Die deutsche Aussicht" im Zollverein in Essen gezeigt. Der vorliegende und 2012 erschienene Bildband wird komplettiert durch kompetenten und einfühlsamen Begleittexte verschiedener Autoren.