Städel Museum : Hexenwerk an jeder Wand

Grauenvoll und grotesk statt makellos und schön: Wir zeigen Werke aus der Ausstellung "Schwarze Romantik", die im Frankfurter Städel Museum zu sehen ist.

Das Frankfurter Städel-Museum räumt mit dem Mythos von der blumigen Romantik auf: Die Ausstellung Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst, die bis zum 20. Januar 2013 geöffnet ist, feiert das Abgründige. Das Interesse für das Dunkle animierte europäische Künstler schon im 18. Jahrhundert zu ihren Werken, findet sich aber auch im 20. Jahrhundert bei Künstlern wie Salvador Dali oder oder Paul Klee. Die gezeigten Arbeiten thematisieren Albträume und Urängste, aber auch Bedrohungen wie Terror und Krieg. Der Katalog erscheint bei Hatje Cantz .

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21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Romantik ist nicht so süß wie gemalt

Der Romantiker weiß:
Das Dunkle ist da.
Immer.

Er findet seine Grenzen hoffentlich
im Vertrauen auf gültiges Recht.
Begierden sind nämlich manchmal
grenzenlos.

Auch deshalb sollten man Grenzen
nicht bedenkenlos und willkürlich überschreiten.
Man sollte die Regeln, die man bricht,
wenigstens kennen.

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Nette Bilder.
Allerdings ist wohliges Schauern
beim Betrachten von Abgründen
auch ein Merkmal von Dekadenz.

"Romantik"? Inhalt oder Epoche?

"Wenn ich dem Gemeinen einen hohen Sinn,
dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen,
dem Bekannten die Würde des Unbekannten
und dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe,
so romantisiere ich es."

Klipp und klar! Oder?
Die Novalis'sche Definition scheint mir allerdings nicht bei allen ausgestellten Werken unmittelbar erfüllt zu sein.

Dem Gewöhnlichen einen hohen Sinn

Novalis hatte versucht, die Regungen, die die Jugend in Jena und anderswo ergriffen hatte, literarisch in Worte zu fassen. Das heißt, die markante kollektive Befindlichkeit (die übrigens ähnlich in den sog. 68er Jahren auftrat!) zu beschreiben.

Die Regung, ihm deshalb Dogmatismus zu unterstellen könnte ich nur in Worte fassen, wenn ich gegen die Netiquette verstoßen würde ...

Ich glaube inzwischen, dass die Ausstellung ausreichend erläuternde Kommentare zu den Bildern, die nicht so unmittelbar ein geheimnisvolles Ansehen haben, liefert.
Schließlich ist die hehre Intention des Künstlers das eine, die Materialisierung seiner Seelenblähung oft genug was ganz anderes.

Ich hatte mich wohl unklar ausgedrückt

Den Dogmatismus unterstelle ich nicht Novalis, sondern eher Ihnen. Mit den 68ern haben Sie allerdings nicht ganz Unrecht, da sind tatsächlch mal wieder Strömungen der Romantik drin gewesen.
Aber nett mal wieder so schön Ex-Kathedra beschult zu werden ;-)
Naja, auch Hesse wird ja auch gerne "Seelenblähung" statt Romantik unterstellt, von daher nehme ich das mal nicht ganz so ernst. Schließlich befasst sich die Austellung durchaus mit einem zentralen Aspekt der Romantik: Das Ungeheure. Außerdem ist es ein wunderbares Erlebnis gewesen, Füsslis "Nachtmahr" in unmittelbarer Nachbarschaft zu Goyas "Schlaf der Vernunft" zu sehen.
Ich hab mich ja weniger mit den Kommentaren als mit den Bildern befasst, manche Werke vermisst,z.B.Waterhouses "Lady of Shalott" oder Friedrichs "Frau am Meer",dafür aber ein zentrales Thema der Romantik mal in ganz unterschiedlichen Aspekten: Den Tod.

Nicht jedes Grauen ist romantisch

Ihre beiden Beispiele sind vom Sujet her nicht unbedingt im engsten Sinn romantisch.

Die Dame, die bei Friedrich scheinbar in die Segel bläst und der symbolistische Waterhouse tangieren von unseren Sehgewohnheiten her das Romantische. Aber Sie sagen es ja selbst: es gehört eine Brise "Ungeheures" dazu, damit's romantisch ist.

Auch wenn's etwas derbe Allegorien sind wie Richters Überfahrt am Schreckenstein. Etwas gruselt da trotzdem.

Safranski hatte ein paar hundert Seiten darüber nachgedacht, was da so ganze Generationen ins Mark hinein elektrisiert.

Die Aussteller retten sich mit Formulierungen wie "Fortführung im Symbolismus und Surrealismus" , "Abgründige, Geheimnisvolle und Böse erzählen eindringlich von Einsamkeit und Melancholie, von Leidenschaft und Tod, von der Faszination des Grauens und dem Irrationalen der Träume"

Aber jedem graut es wohl heutzutage vor was anderem. Aber "romantisch" hat immer was mit dem Grauen vor dem Unendlichen zu tun. Aber nicht jedes "Grauen" ist auch gleich romantisch.

Ja, meinen Safranski habe ich auch gelesen

Und ich hatte das Glück Stockinger leibhaftig zur Epoche der Europäischen Moderne (wovon ja die Romantik ein Teil ist) sprechen zu hören.
Und mit ihrem "Rettungsgriff" offenbart der Kurator wenn auch unabsichtlich, dass die Romantik eine Strömung innerhalb der Epoche ist, die noch nicht vorbei ist (vielleicht grade endet, aber das wissen wir frühestens in 150 Jahren).
Aber ich nehme an, Sie meinen mit "Romantik" wirklich die die kurze Phase, die die Themen des "Sturm und Drang" als nächstes aufnahmen. Der Begriff ist meiner Meinung nach viel zu eng. Stockinger hat es mal wunderbar auf den Punkt gebracht: "Unter dreihundert Jahren brauchen wir nicht von Epoche zu reden."
Es ist ja immer schwierig mit unabgeschlossenen Prozessen zu hantieren. Man kommt als Zeitgenosse leicht ins Schwimmen.

Psychologie der Romantik

Die kunstgeschichtliche Diskussion über die Epoche der "Romantik" hat wahrscheinlich ebenso viele Antworten wie es akademische Elfenbeintürme gibt. Das mag jeder so halten wie er will.
Auch wenn er nach durchzechter Nacht meint festlegen zu müssen, dass eine "Epoche" 517,78 Jahre zu dauern habe.

Nach der erhabenen Klassik war den jungen Leuten in Weimar jedenfalls nach weniger Pathos zumute. Bzw. sie wollten Pathos irgendwie lockerer handhaben. Beim Deklamieren von Schiller-Balladen haben sie sich ja angeblich gekugelt vor Lachen. Aber das Erhabene sollte trotzdem nicht verloren gehen.
Novalis hat dem Treiben zugekuckt und dann in jenem Vierzeiler beschrieben, wie die Kumpels das anstellten.

Kern meiner Frage ist also immer noch, welche kollektive Befindlichkeit damals die Seelen ergriffen hatte, um derartige musikalische, literarische und darstellende Kunstwerke zu schaffen. Von da würde sich von selbst beantworten, ob z.B. Goyas Ausstellungsstücke romantisch sind. Egal ob in der Epoche entstanden oder nicht.

Der wirksame kollektive Seelenzustand ist insbesondere auch deshalb interessant überlegt zu werden, weil es offenbar immer wieder romantische Epochen gibt.
Die Ausstellungsmacher haben m.E. versäumt, Bilder aus dem romantischen Genre aufzunehmen, die zwischen 1970 und 1980 entstanden sind.

Jetzt wird es spannend

Ok,halten wir uns nicht mit akademischen Fingerübungen auf,die Defintion von"Epoche" betreffend.Wahrscheinlich ist die Sache ganz einfach,dass ich "Strömung" und Sie "Epoche" zum gleichen Phänomen sagen.Das könnten wir vielleicht mal außerhalb der Forums diskutieren.Könnte spannend werden.
In einem gebe ich Ihnen zweifelsfrei recht:Ich habe das späte 20. und frühe 21.Jh vermisst.Eine Graphik oder auch Filmstück von Tim Burton wäre ein sehr schöner Abschluss gewesen,finde ich.Welches Stück haben Sie konkret vermisst?
Mich fasziniert ja immer genau dieser Pendelschlag,den Sie beschrieben:Nach der Klassik die Romantik wie bereits auf die Aufklärung der Sturm und Drang folgte.Ofmals findet dieser Schlag innerhalb desselben Lebens statt (Goethe und Schiller sind da wunderbare Beispiele).Wieso?Oder wieso nicht?Warum benötigt die Gesellschaft das Spannungsfeld dieser Strömungen,die sie erzeugt?Wie äußert es sich jetzt grade?Ist es wirklich eine Frage von entweder-oder?Ist Aufklärung(als Strömung) ohne Romantik(als Strömung) denkbar?Ist es ein Kampf in dem einer unterliegen wird?Oder werden beide gemeinsam verschwinden?Ich freue mich auf Ihre Meinung dazu.