Der Projektentwurf "Siebzigtausend" © M+ M / Annabau

Legosteine, Flickenteppich, Tetris-Garten: Das fällt Bürgern zum Sieger-Entwurf für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal ein. Damit, dass ihr Entwurf nicht jedem gefallen würde, hatten die Architekten und Künstler gerechnet. Doch die Kritik ist harsch – besonders im Internet, wo der Entwurf zur Diskussion gestellt wurde. Muss sich Kunst wirklich der öffentlichen Meinung unterwerfen? Hier äußern sich das Münchner Künstlerduo M+M (Marc Weis und Martin De Mattia) und die Berliner Landschaftsarchitekten Annabau (Sofia Petersson und Moritz Schloten) zu ihrer Idee.

ZEIT ONLINE: Am 9. Oktober in zwei Jahren soll in Leipzig ein Freiheits- und Einheitsdenkmal eingeweiht werden. 25 Jahre wird es dann her sein, dass in Leipzig die erste große Montagsdemonstration stattgefunden hat und die friedliche Revolution, die Wende, eingeleitet wurde. Ihr Entwurf Siebzigtausend belegte beim Wettbewerb für das Denkmal den ersten Platz. Die Jury war begeistert – doch die Leipziger Bürger sind das nicht. In einem online durchgeführten Bürgerdialog wurde sogar gedroht, mit einer "Montagsdemo" gegen Ihren Entwurf zu protestieren. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das lesen?

M+M: Wir waren überrascht. Die Jury hatte ein einstimmiges Votum abgegeben. Wir dachten, unsere Idee ist angekommen und verstanden worden. Doch die Bürger sehen das wohl anders.

Annabau: Wobei man bedenken muss, wer "die" Bürger sind: An dem Bürgerdialog im Internet haben etwa 200 Menschen teilgenommen, von denen die Mehrheit gegen den Entwurf war. Viele lehnen das Freiheits- und Einheitsdenkmal generell ab. Aber Leipzig hat mehr als 500.000 Einwohner. Und das Denkmal soll über Leipzig hinaus wahrgenommen werden. Vielleicht wäre eine "Montagsdemo" also tatsächlich angemessener als diese weitgehend anonyme Kritik via Internet.

ZEIT ONLINE: Das klingt ziemlich abgeklärt. Sie haben monatelang an dem Konzept gearbeitet. Auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig soll ein Farbfeld angelegt werden; 70.000 farbige Metallkisten, die Zahl entspricht den Teilnehmern der Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig, sollen aufgebaut werden. Am Tag der Einweihung dürfen die Besucher die meisten der Podeste mitnehmen, als Symbol für die gewonnene Redefreiheit. Das ist Ihre Grundidee – doch die Bürger schimpfen: Zu bunt und nicht selbsterklärend sei Ihr Entwurf. Das kann Sie doch nicht kalt lassen?

Annabau: Es war natürlich niederschmetternd, dass die Reaktionen so emotional und hart ausfielen. Gerade weil es sich phantastisch anfühlt, einen so aufwändigen Wettbewerb zu gewinnen.

M+M: Als Künstler sind wir es gewohnt, auf Kritik oder Unverständnis zu stoßen. Zumal Kunstwerke – im Gegensatz zu Denkmälern – erst dann der Öffentlichkeit präsentiert werden, wenn sie fertig sind. Meistens geschieht das im Museum und damit in einem geschützten Raum. Die Reaktionen in Leipzig wirkten auf uns wie "warme Dusche – kalte Dusche". Das sehr emotionale Echo der Bürger ist verständlich: Das historische Ereignis für dieses Denkmal liegt nicht so weit zurück, es gibt noch viele Zeitzeugen vor Ort.

Annabau: In der Architektur ist es üblich, dass der Entwurf, mit dem man einen Wettbewerb gewinnt, erst einmal nur als Vorschlag betrachtet wird. Konstruktive Kritik erweitert den Entwurf. Der Architekt muss vielleicht auch Abstriche machen, aber am Ende kommt dann doch etwas Optimiertes heraus. In Leipzig beginnt nun auch solch ein Prozess. Aber ganz ehrlich: Wir wissen auch noch nicht, wie stark sich das weiterentwickelt.