Die Computergrafik zeigt den gemeinsamen Entwurf der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das Einheitsdenkmal. © Milla&Partner/dpa

Auf und ab, seit Jahren. Und jetzt hat sich die Berliner Choreografin Sasha Waltz vom Einheitsdenkmal verabschiedet. Zusammen mit dem Stuttgarter Architekten Johannes Milla hatte sie den Wettbewerb gewonnen, mit der Riesenwippe . Nach dem jüngsten Stand der Dinge soll Milla den Entwurf nun allein realisieren. So wurde es im Bundeskanzleramt entschieden.

Der Vorgang ist komplex, die Öffentlichkeit wird nicht unterrichtet, und man muss die Vorgeschichte kennen. Am Anfang stand die Blamage. Beim ersten Wettbewerb im April 2009 waren die Einsendungen künstlerisch derart bescheiden, dass das Verfahren abgebrochen werden musste.

Hohn und Spott ergossen sich über das Projekt, das an die unselige Genese des Schlosswiederaufbaus erinnert. Eben dort soll das 2007 vom Deutschen Bundestag beschlossene Denkmal errichtet werden: vor dem Schlossportal, auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbilds.

Die Schwierigkeiten liegen in der Natur der Sache. Wie kann man etwas in Stein meißeln oder in Bronze gießen, was in der deutschen Hauptstadt täglich gelebt, worum allerorten vital gestritten wird? Gibt es in Berlin nicht genügend Plätze und Bauwerke, die für Einheit und Demokratie stehen – die Gedenkstätte Bernauer Straße, das Reichstagsgebäude mit seiner Kuppel, Mauerpark und Tränenpalast, das Brandenburger Tor?

Ein Freiheits- und Einheitssymbol auf imperialer Basis? Die Bundesregierung hielt trotz all der Widersprüche und Pleiten daran fest und präsentierte im April 2011 ihren Siegerentwurf. Sasha Waltz und Johannes Milla wollten "bewegte Bürger" zeigen – auf einer begehbaren Skulptur in Form einer Waagschale, die sich je nach Besucherverhalten hebt und senkt. Die Idee ist nicht ohne poetisches Gefühl, man könnte das Objekt aber auch als riesige Halfpipe für Skateboarder bezeichnen; ein Abenteuerspielplatz, der erst einmal Sicherheitsfragen aufwirft.

Unüberwindbare Differenzen

Anderthalb Jahre hat man von der Einheitswippe nichts mehr gehört. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, bei dem das Projekt angesiedelt ist, pflegt eine nordkoreanische Informationspolitik. Nichts dringt heraus. Nur dann und wann die gute Nachricht, wie am vergangenen Freitag: Neumann kann seinen Etat aufstocken, diesmal um eindrucksvolle 100 Millionen Euro. Indessen sind die Vorbereitungen für das Einheitsdenkmal vorangeschritten. Der Sockel wird saniert, wovon sich jeder Spaziergänger überzeugen kann. Im nächsten Frühjahr will Bundeskanzlerin Angela Merkel den Grundstein auf der alten Schlossfreiheit legen. Mit der Fertigstellung ist frühestens 2014, eher 2015 zu rechnen. Dann könnte das Denkmal am 3. Oktober, zum 25. Jahrestag des Vollzugs der Einheit, eingeweiht werden; wipp-wipp, hurra!

Hinter den Kulissen aber hat es neue Zwietracht gegeben. Bei der Überarbeitung ihres gemeinsamen Entwurfs traten unüberbrückbare Differenzen auf. Dabei ging es nicht nur um praktische Probleme der Bauausführung, sondern auch um ästhetische Fragen. Sasha Waltz stellte sich nun eine Schale vor, flacher, eleganter als das ursprüngliche Modell. Die Choreografin wollte eine Schwerelosigkeit erreichen, ein Körperempfinden, das ihrer tänzerischen Fantasie entspringt. Milla hält an der Schaukel fest, seine Variante ist robuster, plumper. Gestritten wurde auch um die Größe der Schrift, die auf dem Riesenspielzeug verkünden soll: "Wir sind das Volk/Wir sind ein Volk." Das Büro Neumann im Kanzleramt gibt keine Details preis, nur so viel: Milla bekommt den Zuschlag. Sasha Waltz zieht sich aus dem 10-Millionen-Euro-Projekt zurück und erhält ein sechsstelliges Honorar. Die beiden Parteien haben sich außergerichtlich geeinigt und Stillschweigen vereinbart.

Aber es bleibt ein öffentliches Bauvorhaben. Und das Denkmal steht eines Tages nicht nur an einem herausgehobenen Ort, es berührt auch das Wesen dieses Staates. Es soll die bürgerliche Freiheit feiern und an den unblutigen Umsturz von 1989 erinnern. Bisher erinnert es nur an die wurstige Art und Weise, wie Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Wende die Pietà der Käthe Kollwitz vergrößern und in der Neuen Wache aufstellen ließ, am zentralen Gedenkort.

Milla & Partner verbinden (laut Webseite) "Menschen mit Menschen, Marken, Produkten und Themen". Die Firma hat für Siemens und Mercedes Benz gearbeitet und den Deutschen Pavillon für die Expo 2010 in Schanghai gebaut. Da wird ein fertiges Paket geliefert. Sasha Waltz dagegen soll im Hause Neumann als sensible, schwierige Künstlerin eingeschätzt worden sein. Davon habe man, so ist zu hören, nach der Erfahrung mit Dani Karavan und dem Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma genug gehabt.

Erschienen im Tagesspiegel