Alltag (Every Day), Mischtechnik auf Leinwand, 2011© Mohammed Musallam

ZEIT ONLINE: Herr Mussallam, Sie leben und arbeiten im Gazastreifen. Wie haben Sie die letzte Woche erlebt?

Musallam: Am zweiten Tag der Kampfhandlungen wurde unser Nachbarhaus getroffen. Mein 78-jähriger Nachbar wurde verschüttet, die Mauer des Hauses war auf seine Beine gestürzt. Gemeinsam mit einem Rettungsteam konnten wir ihn bergen. Sein 52-jähriger Bruder starb unter den Trümmern. Ich war in Panik und beschloss, unser Haus sofort zu verlassen, weil die Luftangriffe diesmal solche Zerstörungsmacht erreichten.

ZEIT ONLINE: Macht es einen Unterschied für Sie, dass Sie all dies als Maler und Fotograf erleben?

Musallam: Ja, natürlich erlebe ich den Konflikt auch als Künstler, die Bilder graben sich in mein Bewusstsein und mein Gedächtnis. Sie verdichten sich in meinem Gehirn zu so etwas wie chronischen Kopfschmerzen und überwältigender Angst um mein Leben und das Leben meiner Kinder.

Ich habe aber kein Interesse daran, diese Angst oder diese Erinnerungen in meinen Bildern direkt auszudrücken. Im Gegenteil, ich versuche, die Details zu vergessen, zu verdrängen. Aber die Erfahrungen brechen sich manchmal gegen meinen Willen in meinen Bildern Bahn.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie noch einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt?

Musallam: Im letzten Krieg, in den Jahren 2008 bis 2009, hat die israelische Armee meine Straße im Nordwesten von Gaza-Stadt verändert, ich konnte sie kaum mehr erkennen. Ich weiß nicht, wofür sich die Soldaten an unserer staubigen Straße gerächt haben. Und wofür an den Strommasten, dem Zaun unseres Hauses, den Bäumen unseres Viertels. Als ich unser Haus betrat, war ich bestürzt darüber, was die Soldaten alles zerstört hatten, sogar meine Bilder hatten sie mit ihren Füßen getreten und zerrissen.

Gaza im 21. Jahrhundert (Gaza in 21st Century), 2008© Mohammed Musallam

Trotzdem glaube ich fest daran, dass wir, Israelis und Palästinenser, eines Tages an einem Ort in Frieden zusammenleben werden, vielleicht sogar in einem gemeinsamen Staat. Dies ist, schlicht und einfach, wozu die Geografie hier uns zwingt. An diesem Ort, und in dieser Zeit, gibt es keine andere Lösung. Diese "Macht der Geografie" wird Gegenstand meiner nächsten Ausstellung sein.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie versuchen mit Ihrer Malerei eine politische Botschaft zu transportieren?

Musallam: Ich finde nicht, dass Kunst ein Werkzeug der Politik werden sollte; eher versuche ich meinen Empfindungen eine Form, einen Ausdruck zu geben. Nun hat aber für mich als Palästinenser vieles in meinem Leben sogleich eine politische Dimension. Wenn ich Brot kaufen gehe und es gibt keins, dann weiß ich, dass der Grund dafür in der Politik liegt; wenn es keinen Strom in meinem Haus gibt, weiß ich, dass der Grund dafür politisch ist.