Künstlerin Yin XiuzhenEine Gesellschaft, die sich immer wieder häutet

Mit Skulpturen aus Secondhandkleidung blickt die Künstlerin Yin Xiuzhen unter die Oberfläche der chinesischen Gesellschaft. Eine Schau in Düsseldorf zeigt ihr Gesamtwerk. von Sabine Weier

Tought

Der begehbare Gedanke: "Tought" aus dem Jahr 2009  |  © Yin Xiuzhen

Hunderte Hemden, Blusen und T-Shirts spannen über Drähten und formen ein gigantisches begehbares Gehirn. Wer in die Skulptur hineinkriecht, dringt in einen blau leuchtenden, intimen Raum ein. Thought heißt die Arbeit von Yin Xiuzhen, eine der bedeutendsten Künstlerinnen Chinas . Ihre erste Einzelausstellung in Europa ist nun in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen.

Für ihre Skulpturen aus getragenen Textilien, die oft die Formen von Fortschrittssymbolen wie Motoren, Flugzeuge oder Autos annehmen, wurde Yin international bekannt. Ihr Werk spiegelt die innere Zerrissenheit der Chinesen, die hin und her taumeln zwischen Tradition und Fortschritt, Abgeschiedenheit und Globalisierung, sozialistischen Theorien und kapitalistischer Realität.

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Der Kapitalismus sei längst beim Volk angekommen, sagt Yin: "Das ist wie ein Sog, der einen mitreißt: Jeder will ein Auto und ein Haus kaufen, um in der Gesellschaft weiterzukommen. Das sind geradezu Verpflichtungen."

Gebrauchte Kleider stehen wie abgestreifte Häute für Erlebtes

Die in aufwendiger Handarbeit gefertigten Skulpturen stehen im krassen Kontrast zur Massenproduktion, die den Alltag vieler Chinesen bestimmt. Unweigerlich denkt man an die Textilindustrie und die dort herrschenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Yin geht es aber um etwas anderes: Sie nutze die gebrauchten Kleider vor allem, weil sie als Erinnerungsträger fungierten, sagt sie. Sie stehen wie abgestreifte Häute für Erlebtes, für das individuelle Moment im kollektiven Sog, für die Metamorphosen, die jeder erwachsene Chinese erfahren hat.

Yin Xiuzhen

Yin Xiuzhen  |  © privat

Yin hat in ihrem Leben selbst tief greifende Veränderungen erlebt. 1960 geboren wuchs sie während der von Mao Zedong geführten Kulturrevolution auf, erlebte Mangelwirtschaft, den Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht und den damit einhergehenden ideologischen Wandel. Ebenso radikal waren die Veränderungen in der Kunst. In den 1980er Jahren, als sie anfing, Malerei zu studieren, öffnete sich das Land und die Künstler kamen mit Arbeiten internationaler Kollegen in Kontakt. Sie befreiten sich von traditionellen Zwängen, entdeckten neue Themen und Ausdrucksmöglichkeiten wie Performance, Installation oder Videokunst.

Heute zählt Yin zu den Vorzeigekünstlerinnen des Landes, 2007 bespielte sie bei der Biennale in Venedig den chinesischen Pavillon mit der Arbeit Weapon. Für die Installation an der Decke des Pavillons griff sie die Geschichte des Gebäudes, eines ehemaligen Waffenarsenals, auf. Sie umwickelte Alltagsobjekte, alte Öltrommeln und Messer mit Secondhandkleidung und formte mehrere Skulpturen, die wie altertümliche Lanzen und gleichzeitig wie Fernsehfunktürme aussahen: Medien als Waffen.

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    • Schlagworte Biennale | Mao Zedong | China | Düsseldorf | Chengdu | Europa
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