Transmediale 2013Techniken des Widerstands

Die Transmediale 2013 kombiniert Faxgerät, Rohrpostsystem und Computerkunst, um zu zeigen: Fortschritt ist vor allem eine Ideologie. von 

Das Rohrpostsystem im Foyer des Hauses der Kulturen der Welt

Das Rohrpostsystem im Foyer des Hauses der Kulturen der Welt  |  © HKW / Kuon

Wie dicke, gelbe Würste sind die pneumatischen Rohre unter dem Dach des Hauses der Kulturen der Welt aufgehängt, in großem Bogen laufen sie um die Säulen des Foyers. Gemeinsam mit den Telekommunisten hat das Transmediale-Team ein eigenes Rohrpostsystem unter die Decke des Hauses montiert und damit eine fast vergessene Technologie wiederbelebt. Das Gute an der alten Röhre: Man kann zugucken, wie die Nachrichten durchfluppen.

Als Motto hat sich die diesjährige Transmediale das Akronym: BWPWAP gewählt. Es heißt: "Back when Pluto was a Planet" und wird von der Netzgemeinde verwendet, um eine witzige Beobachtung zu umschreiben: Das Phänomen nämlich, dass viele Dinge aus der jüngsten Vergangenheit so ewig weit weg erscheinen, obwohl sie gerade erst passiert sind. So zählte 2006 Pluto noch zu den Planeten, bevor ihm dieser Status aufgrund neuer, wissenschaftlicher Erkenntnisse aberkannt wurde, Mobiltelefone waren damals noch größer als Schuhkartons, YouTube galt als ein dubioses Internet-Startup mit fragwürdiger Finanzierungspraxis, die technische Avantgarde schickte noch Faxe und selbstzufriedene, westliche Intellektuelle sprachen vom "Ende der Geschichte".

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Die Linearität aufbrechen

Ein bisschen leidet auch die vergleichsweise junge Medienkunst darunter, dass sie so schnell ein wenig alt aussieht. Dass der Transmediale-Leiter Kristoffer Gansing sie nun zu einer Rückschau anhält und zudem mit einem kürzlich degradierten Planeten verbindet, ist jedoch keinesfalls als Geste der Demut gemeint. "Es geht vielmehr darum, den gängigen Vorstellungen von Linearität zu widersprechen", sagt Gansing. Der 1976 in Schweden geborene Medienkünstler hat ein Faible für die sogenannte Medienarchäologie, also das Kramen in Vorläufern und Vorvorläufern.  

Ob Mapplethorpe zwischen flämischen Manieristen, Tintoretto in Venedig oder Jeff Koons in der Frankfurter Antikensammlung – Neues mit Altem zu kombinieren ist derzeit generell ein beliebtes Ausstellungsprinzip. Gansing aber geht es dabei keinesfalls um die Suche nach Ursprüngen, um auf dieser Grundlage dann das Neue als erfolgreiche Weiterentwicklung vorzuführen. Vielmehr hält er die Fortschrittsbehauptung selbst für ideologisch. "Es mag nützlich sein, Produkte zu verkaufen oder Anhängerschaft zu erzeugen", sagt er. "Aber was eine gute Technik ist, hängt einzig davon ab, wofür man sie verwendet."

Als Beispiel nennt er die Telekomix, die den Aktivisten im arabischen Frühling mit technischer Hilfe beiseitestanden. Und diese Hilfe bestand eben nicht in einem Mehr an Technologie, sondern in einem Weniger. Mit Faxgerät und Modem, also einem Downgrading, bauten sie eine parallele Infrastruktur auf, mit der man wieder kommunizieren konnte.

Wenn die Geräte übergriffig werden

Die Nutzer im Westen wiederrum werden zwar nicht von einer staatlichen Zensurbehörden entmündigt, aber von der Massenkreativgesellschaft. Hier werden die Geräte übergriffig, weil sie viele Entscheidungsprozesse vorwegnehmen. Dagegen hilft nur: Hacken, Vorgaben der Hersteller infrage stellen, selbst programmieren lernen und sich eigene Lehrer suchen. Vielleicht bräuchte es dafür sogar, so steht es im Programmheft der Transmediale, ein neues Schulsystem.

So hat sich das Ausstellungsprogramm den Techniken des Widerstands verschrieben. The Miseducation of Anya Major etwa nimmt den legendären Werbespot für den ersten Macintosh-Computer zum ironischen Ausgangspunkt. In dem Spot wird der Mac als ein Instrument der Befreiung dargestellt, der dafür sorgen wird, dass die düsteren Zukunftsszenarien aus George Orwells 1984 niemals eintreten. Für Gansing jedoch ist die vermeintliche Kreativität eines Apple-Nutzers, der mit immer smarterer Technik beglückt wird, ein fragwürdiger Fortschritt. Denn dem Nutzer ist nur mehr ein Operieren am absoluten Ende der Maschine erlaubt. 

Leserkommentare
  1. "Haus der Kulturen der Welt" ist Ostzonen-Jargon. Warum nennt man das Ding nicht in richtigem Deutsch "Weltkulturen-Haus"? Merke. In der Deutschen Sprache gibt es - im Gegensatz zum Russischen - zusammengesetzte Hauptwörter!

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    Warum dann nicht gleich "Weltkulturenhaus"?
    Übrigens, das HdKdW befand sich bei seiner Gründung in Westberlin, also nicht in der "Ostzone".

  2. "...um zu zeigen: Fortschritt ist vor allem eine ideologie"
    na sowas

  3. I think that is a bit degrading, or perhaps it is simply a culturally specific thing to confuse PPT, Pneumatic Pipeline Transport technology with yellow sausages...
    Thank you,
    Octavia Allende Friedman
    CEO of OCTO

  4. Warum dann nicht gleich "Weltkulturenhaus"?
    Übrigens, das HdKdW befand sich bei seiner Gründung in Westberlin, also nicht in der "Ostzone".

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