Medici-AusstellungGeld, Macht und Mord

350 Jahre lang beeinflussten die Medici die Geschicke Europas. Sie waren skrupellos, kunstsinnig, erfolgreich. Forscher bringen nun Licht in den glanzvoll-düsteren Mythos von Donald Miralle

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe März 2013, www.nationalgeographic.de

Auf den ersten Blick sind die Medici schillernde Figuren, die gut 350 Jahre lang die Geschicke von Florenz bestimmten. Ihr Stammbaum glänzt mit Bankiers und Fürsten, mit sieben Kardinälen, zwei Päpsten und zwei Königinnen, mit Akteuren, die an Bill Gates, aber auch an Silvio Berlusconi, an die Kennedys wie an die englischen Royals unserer Tage erinnern. Und dennoch: Wer sich mit ihnen befasst, stößt immer wieder auf dunkle Stellen, Ungereimtheiten und ungelöste Fälle. Auf Intrigen, Verbrechen – und auf Mord und Totschlag. Seit mehr als hundert Jahren spüren nicht nur Historiker, sondern auch Mediziner den Geheimnissen der Medici nach, um die Geschichte des legendären Clans zu Ende zu schreiben.

Sonntag, 26. April 1478. Im Dom von Florenz geben sich die Gläubigen gottesfürchtig, doch unter ihnen sind Männer, die Teuflisches im Schilde führen: die Bankiers Bernardo Bandini Baroncelli und Francesco de’ Pazzi aus feinsten Florentiner Häusern. Immer wieder schielen sie zu Lorenzo de’ Medici und seinem Bruder Giuliano. Endlich beide an einem Ort! Immer wieder tasten sie an ihre Mäntel, unter denen Dolche verborgen sind.

Anzeige

Im Dom bricht Tumult aus. Baroncelli, Pazzi und ihre Komplizen stürzen sich auf ein Zeichen hin auf die Medici-Brüder und stechen mit ihren Dolchen zu. 19-mal bohren sich die Klingen in Giulianos Körper. Tödlich verletzt bricht er zusammen.
Lorenzos Gegenschlag ist ein einziger Blutrausch: fast hundert Menschen werden von Medici-Milizen gestellt und gehenkt, Attentäter wie Hintermänner, Mitläufer wie Missliebige. Tagelang hängen die Leichen zur Abschreckung in den Fenstern des Palazzo della Signoria.

Was Lorenzo nicht wusste und auch Historiker bis vor kurzem nicht geahnt hatten: Der eigentliche Drahtzieher des Attentats war Federico da Montefeltro, der Herzog von Urbino, und ein Freund Lorenzos. Bis dahin galt der Papst, damals Sixtus IV., als die treibende Kraft.

Der Text ist der aktuellen März-Ausgabe des National Geographic entnommen.

Der Text ist der aktuellen März-Ausgabe des National Geographic entnommen.  |  © National Geographic

Licht in das Verbrechen brachte 2004 der italienische Historiker Marcello Simonetta. Ihm gelang es, einen in Geheimschrift verfassten Brief zu dechiffrieren, den Montefeltro an seinen Botschafter in Rom geschickt hatte. Darin wies er ihn an, dem für den Mord gedungenen Baroncelli weiszumachen, der Papst wünsche den Tod der Medici-Brüder, und dem Attentäter sei dank päpstlicher Zertifikate ein Platz im Himmel sicher. Der Mord an Giuliano ist wohl die dramatischste Bluttat im Hause Medici. Andere Delikte waren zwar weniger inszeniert, aber nicht minder raffiniert – und hinterhältig.

17-jährig wurde Cosimo I. 1536 an die Macht gewählt, 33 Jahre später vom Papst zum Großherzog der Toskana ernannt. Die Medici hatten ihr Ziel erreicht: sie waren nicht mehr die heimlichen Strippenzieher, sondern die Fürsten von Florenz. Man sollte meinen, dass jetzt endlich Ruhe in diese Geschichte einkehren kann. Das Gegenteil war der Fall. Cosimo I. lebte und agierte exakt wie der "Fürst", den der Florentiner Diplomat und Dichter Niccolò Machiavelli 1513 in seinem provokanten Buch zum Ideal erkoren hatte: barmherzig und grausam zugleich.

Böse Gerüchte kamen 1557 auf, als Cosimos Tochter Maria im zarten Alter von 17 Jahren starb – angeblich an Malaria. Hinter vorgehaltener Hand aber hieß es, ihr Vater höchstpersönlich habe sie aus dem Leben geschafft, nachdem er erfahren hatte, dass sie sich einen Liebhaber hielt.

Fünf Jahre später fiel erneut ein schrecklicher Verdacht auf Cosimo I. Diesmal habe sein Sohn Garzia daran glauben müssen, weil der seinen Bruder Giovanni bei einem Streit tödlich verletzt hatte. Eleonora, die Mutter der beiden, sei daraufhin vor lauter Gram einem Herzinfarkt erlegen. Tatsächlich starben Giovanni, Garzia und Eleonora im abstand von nur 37 Tagen im Spätherbst 1562. Als offizielle Todesursache wurde wiederum Malaria vermerkt.

Die meisten Medici machten im Laufe ihres Lebens die Krankheit durch. Aber ob so viele an ihr gestorben sind, wie die Chroniken behaupten, bleibt fraglich. Zumindest in einem Fall ist mittlerweile bewiesen, dass der Todesbefund Malaria nur ein Vorwand war.

Auch Francesco I., der seinen Vater Cosimo als Großherzog beerbt hatte, sei der Krankheit erlegen, ließ am 19. Oktober 1587 tief erschüttert sein Bruder Ferdinando verkünden. Recht glauben mochten die Leute Ferdinandos Worten nicht. Er habe seinen Bruder und seine Schwägerin vergiftet oder vergiften lassen, hieß es schon bald. Aber es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass die Medici vor allem die Ihren zu fürchten hatten.

Vier Generationen nach Ferdinandos Brudermord erlosch der Stern der Medici.

Die Ausstellung "Die Medici. Menschen, Macht und Leidenschaft" ist bis zum 28. Juli 2013 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • TDU
    • 25. Februar 2013 10:36 Uhr

    Zit.: " Er habe seinen Bruder und seine Schwägerin vergiftet oder vergiften lassen, hieß es schon bald"

    Man verliert ja die Übersicht bei den ganzen Namen, aber wenn es die waren über die gestern Abend im ZDF berichtet wurde, hat man an Hand von Haarproben festgestellt, dass die tatsächlich mit Arsen vergiftet wurden. Und auch Isabella klug und deswegen Beraterin ihres Vaters, wurde nach dessen Tod wohl umgebracht.

    Diese Leute müssen wirklich ein mörderische und in der Kunst der Konfliktbewältigung recht phantasielose Leute gewesen sein. Immer "weg damit" als Lösung von Streitigkeiten. Und doch haben sie der Welt manch Prächtiges hinterlassen. Irgendwie eben recht widersprüchlich unsere Welt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "mörderische und in der Kunst der Konfliktbewältigung recht phantasielose Leute gewesen sein"

    Wenn es nicht verboten bzw. so leicht durch chemische Analysen aufzudecken wäre, gäbe es das heut sicher auch noch ;)

  1. "mörderische und in der Kunst der Konfliktbewältigung recht phantasielose Leute gewesen sein"

    Wenn es nicht verboten bzw. so leicht durch chemische Analysen aufzudecken wäre, gäbe es das heut sicher auch noch ;)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Übersicht"
    • cmim
    • 26. Februar 2013 10:45 Uhr

    ist der Blick auf die, eines natürlichen Todes verstorbenen Familienmitglieder vielleicht lohnend.
    Aber auch eine schöne story hätte Alessandro geboten, der
    als schwarzer und illegitimer Sohn derFamilie nicht nur gleich zwei Väter beanspruchte,sondern auch immerhin noch einen
    Statthalterposten in Florenz eroberte. Keine unansehnliche
    Karriere.
    Starb aber wie alle dann schnell und hinterhältig vor seiner Zeit.

    via ZEIT ONLINE plus App

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Malaria | Mord | Papst | Florenz | Mannheim | Rom
Service