Maler Kani Alavi : "Die East Side Gallery steht für Freiheit und Euphorie"

Der Maler Kani Alavi hatte die Idee zur East Side Gallery. Im Interview spricht er über die Proteste der vergangenen Tage und die Mauer als Symbol der Freiheit.
Kani Alavi (Archiv) © Alina Novopashina / dpa

ZEIT ONLINE: Herr Alavi, Sie sind der Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery. Haben Sie die Proteste für den Erhalt des Mauerstücks überrascht?

Kani Alavi: Ich war tatsächlich überrascht, mit welcher Wut, aber auch Euphorie die Menschen zu uns gekommen sind und uns ihre Solidarität bekundet haben. Gleichzeitig haben sie gezeigt, dass sie sich von der Politik nicht einfach alles gefallen lassen. So eine große Menschenmenge wird von den Bezirkspolitikern natürlich wahrgenommen.

Kani Alavi

Der Maler Kani Alavi wurde 1955 in Persien geboren. Er kam 1980 nach Deutschland und begann ein Studium der Freien Malerei an der HDK Berlin. Er ist einer von 118 Künstlern, die 1990 die East Side Gallery bemalten. Seit 1996 ist er Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery. Sein Engagement für die Entstehung und Erhaltung der East Side Gallery wurde 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Derzeit plant Alavi ein Projekt an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea und ein weiteres zwischen der Türkei und Zypern. Nach dem Vorbild der East Side Gallery sollen dort als Symbole für Freiheit und Versöhnung Mauern gebaut und von Künstlern aus 130 Ländern bemalt werden.

ZEIT ONLINE: Kam die Entscheidung, dass ein Teilstück der Galerie entfernt und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden sollte, wirklich so überraschend für Sie?

Alavi: Ich habe erst vor fünf Tagen davon erfahren. Die Betreiber der umliegenden Clubs haben mitbekommen, dass irgendwas geplant ist und mich informiert. Wir sind nicht dagegen, dass ein Unternehmer auf dem Gelände Geld verdient, aber dafür darf kein historisches Dokument zerstört werden. Natürlich reagieren wir als Künstler empfindlich darauf und versuchen, deutlich zu machen, dass dieses Stück Mauer für nachfolgende Generationen erhalten bleiben muss.

ZEIT ONLINE: Ist die East Side Gallery denn wirklich ein Kunstwerk oder vielmehr eine Touristenattraktion?

Alavi: Sie ist mehr als nur eine Touristenattraktion. Wir haben die Mauer 1990 nicht bemalt, weil wir uns austoben wollten. Das hätten wir auch im Westen machen können. Es war eine richtige Kunstaktion. Zum ersten Mal wurde die Ostseite der Mauer bemalt, das war etwas ganz Besonderes. Im Westen durfte ja jeder Graffitis an die Mauer sprühen, im Osten nicht. Wir mussten dafür sogar noch eine Genehmigung der NVA einholen. Auf unseren Aufruf kamen schließlich Künstler aus Russland, den USA, Nicaragua und Indien. Bekannte Künstler wie Thierry Noir, Bodo Sperling, Thomas Klingenstein, Dmitri Wrubel und Jim Avignon haben sich an dem Projekt beteiligt. Sogar der Zeichner Oskar war dabei, den man damals bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet hatte.

ZEIT ONLINE: Welche künstlerische Aussage wollten Sie mit der East Side Gallery treffen?

Alavi: Wir wollten das Gefühl von Freiheit und Euphorie zum Ausdruck bringen, das zu dieser Zeit herrschte. Wenn die Mauer grau geblieben wäre, wäre sie doch schon längst abgerissen worden.

ZEIT ONLINE: Wäre das so schlimm gewesen?

Alavi: Natürlich wollten wir, dass die Berliner Mauer abgerissen wird, aber nicht vollständig. Es müssen Stücke erhalten bleiben, um das Bewusstsein der Menschen für die historischen Ereignisse zu schärfen. Die Bilder auf der Mauer dokumentieren die friedliche Revolution.

ZEIT ONLINE: Wenn man die East Side Gallery als Galerie im klassischen Sinne betrachtet – was spräche dagegen, die Bilder einfach an einem anderen Ort wieder aufzustellen?

Alavi: Das geht nicht. Die East Side Gallery muss an ihrem historischen Ort bleiben, für immer. Nur dann ist sie ein authentisches Dokument für nachkommende Generationen.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Das ist kein Mahnmal

Das Mahnmal für die Mauer steht aber an der Bernauer Straße. Dort wird der Toten gedacht, dort alles erklärt - und dort sieht die Mauer auf einem Teilstück auch noch aus, wie sie eben damals aussah. Man erkennt, wie die Mauer zum Abriß von Häusern führte, wie sie Straßen durchschnitt und sogar den Friedhof abriegelte. Es gibt ein Dokumentationszentrum, Tafeln, Rundgänge - alles museumspädagogisch hervorragend gemacht.

All das erkennt man auf dem kilometerlangen, mit von völlig unbekannten Künstlern bemalten Stück Hinterlandmauer in F'hain überhaupt nicht. Das ist kein Mahnmal, das ist ein typisches Berliner Event in Architekturform.

zu 9 und 10

Bernauer Straße und East Side Gallery ergänzen sich. Auf der ESG wird der Moment der Befreiung dargestellt, während die Bernauer Straße Symbol und Zeugnis der Einschließung ist. Die ESG übt die größere Attraktivität aus, weil diese Befreiung eine der glückhaftesten Augenblicke der deutschen Geschichte war.
Ob Alavi auch ein ESG-Bild gemalt hat oder nicht, ist unerheblich. Wichtig ist, dass er sich jetzt dafür engagiert. Und darin ist er sich einig mit einer großen Zahl von Berlinern und Nicht-Berlinern.

Die East Side Gallery ist einmalig und muss bleiben

Gerade wenn man die East Side Gallery mit der "drögen" Gedenkstätte an der Bernauer Straße vergleicht, weiß man, dass sie unverzichtbar ist, und zwar an dieser Stelle.

Ich kann fast jedem Wort von Alavi zustimmen. Und was die Frage anlangt, ob es sich dabei um Kunst handelt, so erschreckt doch die undifferenzierte Abwertung. Martinez kann das ja für Mittelmaß halten, aber er/sie sollte die Wertung doch mit einem bescheidenen "ich bin der Meinung dass ..." einleiten. So apodiktisch, wie er/sie das schreibt, wirkt es nur lächerlich.

Von den wichtigen Gedenkstätten über Berlins Vergangenheit sind zwei versteckt: das kleine DDR-Museum im Souterrain an der Spree gegenüber dem Dom und das Museum in Karlshorst. Zur ESG in besserer Lage kommen viele, auch viele Touristen, die eine Ahnung davon erhalten, was der Mauerfall für Berlin und die Welt insgesamt bedeutet. Das bringen die Bilder sehr gut zum Ausdruck.