ZEIT ONLINE: Herr Alavi, Sie sind der Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery. Haben Sie die Proteste für den Erhalt des Mauerstücks überrascht?

Kani Alavi: Ich war tatsächlich überrascht, mit welcher Wut, aber auch Euphorie die Menschen zu uns gekommen sind und uns ihre Solidarität bekundet haben. Gleichzeitig haben sie gezeigt, dass sie sich von der Politik nicht einfach alles gefallen lassen. So eine große Menschenmenge wird von den Bezirkspolitikern natürlich wahrgenommen.

ZEIT ONLINE: Kam die Entscheidung, dass ein Teilstück der Galerie entfernt und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden sollte, wirklich so überraschend für Sie?

Alavi: Ich habe erst vor fünf Tagen davon erfahren. Die Betreiber der umliegenden Clubs haben mitbekommen, dass irgendwas geplant ist und mich informiert. Wir sind nicht dagegen, dass ein Unternehmer auf dem Gelände Geld verdient, aber dafür darf kein historisches Dokument zerstört werden. Natürlich reagieren wir als Künstler empfindlich darauf und versuchen, deutlich zu machen, dass dieses Stück Mauer für nachfolgende Generationen erhalten bleiben muss.

ZEIT ONLINE: Ist die East Side Gallery denn wirklich ein Kunstwerk oder vielmehr eine Touristenattraktion?

Alavi: Sie ist mehr als nur eine Touristenattraktion. Wir haben die Mauer 1990 nicht bemalt, weil wir uns austoben wollten. Das hätten wir auch im Westen machen können. Es war eine richtige Kunstaktion. Zum ersten Mal wurde die Ostseite der Mauer bemalt, das war etwas ganz Besonderes. Im Westen durfte ja jeder Graffitis an die Mauer sprühen, im Osten nicht. Wir mussten dafür sogar noch eine Genehmigung der NVA einholen. Auf unseren Aufruf kamen schließlich Künstler aus Russland, den USA, Nicaragua und Indien. Bekannte Künstler wie Thierry Noir, Bodo Sperling, Thomas Klingenstein, Dmitri Wrubel und Jim Avignon haben sich an dem Projekt beteiligt. Sogar der Zeichner Oskar war dabei, den man damals bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet hatte.

ZEIT ONLINE: Welche künstlerische Aussage wollten Sie mit der East Side Gallery treffen?

Alavi: Wir wollten das Gefühl von Freiheit und Euphorie zum Ausdruck bringen, das zu dieser Zeit herrschte. Wenn die Mauer grau geblieben wäre, wäre sie doch schon längst abgerissen worden.

ZEIT ONLINE: Wäre das so schlimm gewesen?

Alavi: Natürlich wollten wir, dass die Berliner Mauer abgerissen wird, aber nicht vollständig. Es müssen Stücke erhalten bleiben, um das Bewusstsein der Menschen für die historischen Ereignisse zu schärfen. Die Bilder auf der Mauer dokumentieren die friedliche Revolution.

ZEIT ONLINE: Wenn man die East Side Gallery als Galerie im klassischen Sinne betrachtet – was spräche dagegen, die Bilder einfach an einem anderen Ort wieder aufzustellen?

Alavi: Das geht nicht. Die East Side Gallery muss an ihrem historischen Ort bleiben, für immer. Nur dann ist sie ein authentisches Dokument für nachkommende Generationen.