Steve McQueenDer große Sinnestäuscher

Rostflecken auf der Freiheitsstatue, gefallene Irakkriegssoldaten auf Briefmarken. Eine Schau in Basel zeigt das irritierende Werk des Videokünstlers Steve McQueen.

Steve McQueen, "Static", 2009, Videostill, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Courtesy the Artist

Steve McQueen, "Static", 2009, Videostill, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Courtesy the Artist

Wir umkreisen die Freiheitsstatue in New York. Das Bild ist verwackelt. Die Aufnahmen stammen aus einem fliegenden Helikopter. Der ist nicht zu sehen, doch das Geräusch der Rotoren ist ohrenbetäubend. Static, ein 7-minütiger 35mm-Film, eröffnet die Steve McQueen-Ausstellung im Basler Schaulager. Ein irritierender Auftakt, scheint es sich zunächst lediglich um Sightseeing-Aufnahmen zu handeln.

Doch die Kamera ist unerbittlich. Die Stadt rückt schon bald in den Hintergrund. Die Freiheitsstatue wird in Großaufnahme gezeigt, in solcher Detailschärfe, dass die Rostflecken zu erkennen sind. Amerikas Symbol Nummer 1 ist in die Jahre gekommen.

Anzeige

Static wird von zwei Seiten auf eine frei im Raum hängende Leinwand projiziert. Beim Herumgehen kann der Betrachter die Bewegung des kreisenden Helikopters nachvollziehen. Ein faszinierendes Gefühl. McQueen überlässt bei seinen Ausstellungen nichts dem Zufall. Penibel genau achtet er darauf, wie seine Filme präsentiert werden.

McQueen, 1969 in London geboren, 1999 mit dem renommierten Turner-Prize geehrt, hat als einer der wenigen den Sprung von der Kunstszene auf die große Kinoleinwand geschafft haben. Seine Spielfilme Hunger (2008) und Shame (2011) wurden mehrfach ausgezeichnet. Auch sie sind im Rahmenprogramm der Ausstellung zu sehen, ebenso wie einige fotografische Arbeiten des Künstlers. Das Herz der Schau bilden aber rund 20 Videoarbeiten und Kurzfilme. Es scheint, als brauche der britische Künstler das bewegte Bild, um seine erzählerischen Qualitäten entfalten zu können.

Ausstellung Steve McQueen
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Das Museum kokettiert damit, sich in eine "Kinostadt" verwandelt zu haben, in der ausgehend von "zentralen Plätzen" einzelne Filmkojen abgehen. Der zentrale Raum wird von drei Frühwerken McQueens beherrscht. Sie laufen parallel auf einer dreiseitigen Projektionsfläche und entfalten dadurch eine starke Präsenz.

Bear (1993) zeigt den Kampf zweier nackter Männer, eine verstörende Performance zwischen roher Gewalt und erotischer Balgerei. Five Easy Pieces (1995) besticht vor allem durch die ungewöhnlichen Blickwinkel. Der Film ist mal aus starker Untersicht aufgenommen, dann wieder aus der Vogelperspektive. McQueen ist – nicht nur in dieser Arbeit – auch selber im Bild. Am Ende des Films uriniert er auf die Kamera.

In Just Above My Head (1996) dominiert eine große Leerstelle. Ein wolkenverhangener Himmel beherrscht den Großteil des Bildes. Nur am unteren Bildrand kommt, angeschnitten und in extremer Untersicht, ein Mann ins Blickfeld. Die Kamera versucht, mit seiner Bewegung Schritt zu halten. Paradoxerweise muss man nach unten schauen, um zur Figur hochzublicken.

Je länger man hinsieht, desto mehr Gemeinsamkeiten fallen zwischen den drei Filmen auf. Alle kommen ohne Ton aus. McQueen inszeniert in vielen Videos die Stille, das Schweigen. Die Geräusche sind, falls überhaupt vorhanden, auf ein Minimum beschränkt. In Giardini, einem 30-minütigen Film, den McQueen für die Biennale in Venedig schuf und der das verlassene Biennale-Gelände im Winter zeigt, hören wir zum Beispiel nacheinander Kirchenglocken, Regentropfen und das entfernte Johlen von Fußballfans. Es sind ausgewählte, vereinzelte Geräusche.

McQueen spielt immer wieder gekonnt mit den Erwartungen des Publikums. Bei mehreren Arbeiten werden Augen und Ohren gezielt in die Irre geführt. Die Augen sehen nicht länger das, was die Ohren hören. Ein netter Effekt, den der Künstler allerdings manchmal überstrapaziert.

Leser-Kommentare
    • Bashu
    • 16.03.2013 um 13:10 Uhr

    Der irakischen oder der britischen?
    Die Handlanger in einem illegalen Angriffskrieg auch noch zu heroisieren finde ich perfide.

    Und den Künstler finde ich zu tagespolitisch.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service