Ausstellung "Freiheit"Ai Weiwei twittert nach Erlangen

Virtuelle Unterstützung vom Dissidenten: Zum Thema Freiheit stellt Ai Weiwei in Erlangen seine Überwachungsvideos aus und kommuniziert mit den Besuchern über Twitter. von ZEIT ONLINE, dpa, raw

Was bedeutet Freiheit heute? Dieser Frage widmet sich eine Ausstellung in Erlangen anlässlich des 200. Jahrestages der entscheidenden Völkerschlacht der Freiheitskriege im Jahr 1813.

Unsere Gegenwart wird bestimmt von unterschiedlichen Freiheitskonzepten – wirtschaftlichen, politischen, persönlichen, technischen. Europäer verstehen darunter womöglich etwas anderes als Araber oder Asiaten. Deshalb hat das Kunstpalais Erlangen zwölf Künstler aus aller Welt eingeladen, die dieses Thema in ihren Werken erörtern.

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Der prominenteste unter ihnen ist zweifelsohne der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei. Vielen Chinesen gilt der 55-Jährige als soziales Gewissen, weil er gesellschaftliche Probleme, Korruption und Ungerechtigkeit im Land thematisiert. Jetzt will er mit einem Twitter-Projekt an seine ständige Überwachung durch die chinesischen Behörden erinnern. Aktuelle Tweets, in denen der in Peking lebende Künstler seine Lage umfassend kommentiert, werden auf Bildschirme in den Ausstellungsräumen projiziert. Besucher und andere Interessierte können über Tweets mit dem Hashtag #weiweicam und der Erwähnung seines Twitternamens @aiww mit dem Künstler interagieren. Hier können Zuschauer das Projekt live verfolgen. Momentan dokumentiert es auch chinesische Tweets über im Fernsehen übertragene Gerichtsverhandlungen, in denen weinende Angeklagte zu sehen sind.  
 


Zum ersten Mal wird Ai Weiwei ebenfalls in dieser Ausstellung sein Projekt WeiWeiCam zeigen. Im Jahr 2012 installierte er vier Kameras in seinem Haus und verband sie mit dem Internet. Als Reaktion auf die staatliche Videoüberwachung ließ er sich freiwillig von der ganzen Welt beobachten, musste die Aktion aber nach 24 Stunden auf Anordnung der chinesischen Regierung beenden. In dieser Zeit zählte seine Website mehr als fünf Millionen Abrufe. Die aufgezeichneten Bilder hat Ai abgespeichert. Per Livestream werden die Videos von Ai Weiweis Garten, seinem Arbeits- und seinem Schlafzimmer nun nach Erlangen übertragen.

Wie die Leiterin des Kunstpalais, Claudia Emmert, sagte, begreift Ai Weiwei sein aktuelles Twitter-Projekt als Möglichkeit, sich trotz der behördlichen Einschränkungen der Welt mitzuteilen. "Wenn ich schon nicht aus Peking herauskomme, so bin ich doch in der Lage, mit der Welt zu kommunizieren", zitierte sie den chinesischen Künstler.

In aufsehenerregender Weise setzt sich auch der in Berlin lebende norwegische Künstler Lars Ø Ramberg mit dem Thema Freiheit auseinander. Ramberg präsentiert in einem Video Big Prison (Großes Gefängnis) mehrere zu einem längeren Interview zusammengeschnittene Gespräche mit dem früheren israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu. Der gebürtige Marokkaner, der nach Veröffentlichung der israelischen Nuklearpläne zu 18 Jahren Haft verurteilt worden war, unterliegt auch nach Verbüßung seiner Strafe noch immer strengen Behördenrestriktionen. Ramberg porträtiert damit nach eigener Einschätzung einen Mann, dem bis heute ein Leben in Freiheit versagt wird.

Die Ausstellung Freiheit ist noch bis zum 30. Juni im Kunstpalais Erlangen zu sehen.

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Leserkommentare
  1. überwacht man sich eben selbst, kombiniert mit "Dissident" und "China" ist das allemal für 5 Minuten Twitter-Aufmerksamkeit gut.
    "Livestream" der gespeicherten Bilder einer Aktion vom Vorjahr? Das ist ja mal ein drolliger livestream.

    2 Leserempfehlungen
  2. .. eine wichtige Erinnerung und ein guter Name für die Freiheit des Menschen .. meinen Respekt für den Mut, lieber Ai Weiwei .. much success ..:-)

    Grüße nach Erlangen/Germany

    Amanda M. Donata

  3. Es ist schwer zu begreifen ist, inwiefern Ai ein ernst zu nehmender Regimekritiker sein soll. Mit seinem effektiven Erwirtschaften von Geld fügt er sich sehr gut in das chinesische System ein:
    http://www.nzz.ch/aktuell...

    2 Leserempfehlungen
  4. Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei ist bei den meisten Chinesen nicht als "soziales Gewissen" bekannt, "weil er gesellschaftliche Probleme, Korruption und Ungerechtigkeit im Land thematisiert."
    Da für ihn, ebenso wie bei vielen unbeliebten Chinesen aus Politik und Wirtschaft, die persönlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund stehen, gilt er in China selbst nicht einmal als "wichtiger" Dissident. Das habe ich neulich bei einem Gespräch mit einer chinesischen Journalistin aus Beiging erfahren.
    http://jetzt.sueddeutsche...
    Ich frage mich hingegen: Ist der Ai Weiwei-Boom in Europa vielleicht ein Ablenkungsmanöver von eigenen Problemen? - Was unterscheidet unsere Kulturpolitik noch von den Zuständen in Ungarn?
    http://www.3sat.de/page/?...
    Antwort: Es wurde bei uns bereits sehr diskret abgewickelt! - Seit über einer Dekade ist für sensible Beobachter offensichtlich: Fast überall wird nur noch eine staatliche Soft-Kultur verordnet. Mafias inszenieren ein meist prekäres Abbild unseres eigentlichen Potentials.
    Ich empfehle eine andere Ausstellung und das Thema "Therapie" (Behandlung, Wartung, Pflege) als Architektur von situativer Ästhetik im performativen Raum des Lebens:
    http://jetzt.sueddeutsche...

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jahrestag | Mordechai Vanunu | Strafe | Video | Videoüberwachung | Überwachung
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