Ausstellung "Macht Kunst"Bankrun der Künstler

Die Aktion "Macht Kunst" wollte Amateuren die Chance geben, ihre Werke auszustellen. Doch die Schau der Deutsche Bank Kunsthalle ist ein Armutszeugnis des Kulturbetriebs. von Felix Stephan

Die privaten Kulturstiftungen internationaler Finanzkonzerne ermöglichen unbekannten Künstlern manchmal Weltkarrieren. Andererseits besteht immer der Anfangsverdacht der unlauteren Image-Politur, wenn Finanzunternehmen ganze Nationen an den Rand der Pleite treiben und gleichzeitig idealistische Ausstellungshallen in europäischen Metropolen unterhalten.

Um ihre neue Berliner Kunsthalle am Regierungsboulevard Unter den Linden zu bewerben, hat die Kunstabteilung der Deutschen Bank nun einen bemerkenswerten Einfall gehabt: Sie rief Laienkünstler dazu auf, ihre Arbeiten einzureichen. Die Werke würden dann für 24 Stunden in der Nachfolge-Institution der im vergangenen Jahr geschlossenen Deutschen Guggenheim zu sehen sein.

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Nach dem Aufruf "Macht Kunst" fielen die Diskussionen innerhalb der unabhängigen Berliner Kunstszene grundsätzlich aus: Kein Künstler, der auch nur über einen Hauch Selbstachtung verfüge, dürfe sich zum Erfüllungsgehilfen dieses durchschaubaren PR-Stunts degradieren, sagten die einen. Die anderen erkannten in der Aktion die vielleicht einzige Chance, die internationale Kunstwelt auf sich aufmerksam zu machen. Alle Teilnehmer haben laut Ausschreibung die Aussicht auf "3 x eine 2-wöchige Einzelausstellung im Studio der Neuen KunstHalle". Der Gewinner des Publikumspreises erhält zudem ein einjähriges Stipendium, das mit 500 Euro monatlich dotiert ist.

Als am Freitagmorgen die Kunsthalle für die Bewerber öffnete, warteten einige Künstler bereits seit sieben Stunden darauf, ihre Arbeiten einreichen zu dürfen. Während des ersten Tages wuchs die Schlange auf etwa drei Kilometer. So viele Menschen hat in Berlin seit der MoMa-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie vor fast zehn Jahren kein Kunstereignis mehr auf die Straße getrieben. Nach drei Tagen waren insgesamt 2.146 Werke zusammengekommen, die der Kurator René Block quasi über Nacht möglichst platzsparend arrangieren musste, denn bereits am Montagmittag eröffnete die 24-Stunden-Marathon-Ausstellung.

Da naturgemäß nicht alle Werke in den Räumen der neuen Kunsthalle gezeigt werden können, wird es Ende April noch eine weitere Ausstellung geben. Bei der Eröffnung bot sich das gleiche Bild wie zuvor in der Abgabe-Phase: Lange Schlangen, allein in den ersten vier Stunden zählte die Galerie über 2.000 Besucher.

Amateure waren aufgerufen, es kamen die Profis

Dabei war die Ausstellung selbst nicht der Rede wert. Die Wände waren schlicht im Fliesenleger-Stil bis zur Decke mit Malerei und Fotografie gepflastert, "Petersburger Hängung" heißt diese Form. Wenn man bei der Google Bildersuche "Zeitgenössische Malerei" eingibt, bekommt man einen recht präzisen Eindruck, wie es dort aussieht. Es gab abstrakten Im- und Expressionismus, figürliche Malerei genauso wie sozialistisch-realistische, es gab Fotografien, Zeichnungen, Ready-Mades, manches heillos kitschig, durchaus aber auch präzise, durchdachte Arbeiten. Allen Werken gemein war ihre relative Harmlosigkeit: Ein wenig Kapitalismuskritik bei Christopher Opiallas großformatiger Schweizer Flagge auf 20-Franken-Scheinen, ein wenig Alien-Porno-Trash, nichts wirklich Beunruhigendes. Kunst, die nicht stören möchte.

Die PR-Aktion richtete sich in erster Linie an Amateure, doch die Mehrzahl der Arbeiten stammte von Profis: Matthias Gálvez zeigte einen melancholischen Dichter mit Smartphone, Tor Seidel eine abgewandte Frau in einer traumartig unmöblierten Zimmerecke, Katharina Schnitzler ein blaues Pentimento mit einem flüchtig hingepinselten Barcode. All diese Künstler haben bereits international ausgestellt.

Leserkommentare
    • altex
    • 09. April 2013 8:14 Uhr

    ...Regierungsboulevard unter den Linden... (??)
    so einen Quatsch hab ich lange nicht mehr gehört. Genau so fundiert ist dieser Artikel.
    Aua.

    Ach...und Renzo Martens ist sooooo selbstlos, dass das ganze natürlich mit Neonbuchstaben gefilmt und weltweit verbreitet wird.

  1. Die Deutsche Bank will euch erquicken.

    Kleine Anmerkung: Wer von der Deutschen Bank etwas erwartet, was dem kleinen Maler nützt und nicht diesem Monster selbst hat das Zynische an dieser Aktion nicht verstanden. Es steht der Deutschen Bank frei, eine Galerie zu mieten, in der PERMANENT Bilder von unbekannten Künstlern gezeigt werden und nicht nur in einer 24-Stunden Aktion, über die alle Medien berichten. Der Lockruf des Goldes lässt die Massen strömen, egal wer hinten an der Angel sitzt.

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  2. Es hat sich in der Wahrnehmung des Künstlers seitens der Intellektuellen im deutschsprachigen Raum nichts geändert:Nur ein Künstler,der am Hungertuch nagt,ist ein guter Künstler.

    Die raue Wirklichkeit sieht anders aus wenn man wirklich gute Künstler kennt,die auf biegen und brechen nur von ihrem Kunst leben wollen:Sie versinken früher oder später in materiellen Verhältnissen,die schlimmer sind als in Griechenland oder Spanien.Dazu kommt die Frustration,die Enttäuschung und die Verzweiflung.Nix da von "Arm aber sexy",eher "arm und abgefucked".

    Armut ist nicht geil,armut kotzt an.

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    Man lese dazu auch über den Einkommensdurchschnitt von Künstlern in D bei der Künstlersozialkasse nach. Und realisiere, daß die Hauptstadt sich zwar das Milliardengrab BER und demnächst auch eine potemkinsche Schloßfassade mit neofaschistischem Anbau gönnt, nicht aber eine Kunsthalle für noch lebende Künstler.

    Während das Berliner Stadtmarketing, Hotels, Gastronomie et al ohne Ende von Künstlern profitieren. Ohne, daß die etwas davon hätten, im Gegenteil, sie werden durch die absurden Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt zunehmend aus der Innenstadt an den Stadtrand gedrängt - nachdem u.a. sie Viertel wie z.B. Kreuzberg erst zu lebenswerten Orten gemacht haben.

    'Freie Künstler' sind (falls sie überhaupt das 'Glück' haben, einen zu finden) in Leibeigenschaft zu ihren Galeristen, die sich für verkaufte Arbeiten mittlerweile bis zu 80% des Umsatzes genehmigen, ohne sich i.d.R. noch die Mühe zu machen, einen Gegenwert dafür zu bieten: den Aufbau hochbegabter fleißiger Künstler.

    Und in den Köpfen der Mehrheit geistert Spitzwegs 'armer Poet' als Idealvoraussetzung zu guter Arbeit. Entgegen landläufiger Meinung: auch Künstler haben so exotische Hobbies wie Mietebezahlen und Essen. Auch Künstler arbeiten besser, wenn sie nicht in permanenter Geldnot leben müssen.

    Es gäbe also reichlich Betätigungsfelder, meinetwegen auch für die Deutsche Bank. 'Mach Kunst' ist bloß die überaus zynische Verlosung eines extrem schlecht bezahlten Arbeitsplatzes für ein Jahr.

    • Mari o
    • 09. April 2013 9:08 Uhr

    Jeder Mensch ist ein Künstler(und einige sind Profis)
    und wenn ich Niveauvolles sehen will,gehe ich dann noch in eine gallery?
    treffe ich da etwa noch auf niveauvolles Publikum,das einen Kunstgeschmack hat?
    jedenfalls
    Du darfst ganz oben oder ganz unten sein, aber nie in der Mitte, die Mitte ist tödlich für die Kreativität.ZEITmagazin 13/15
    und in Berlin bei der Deutsche Bank sind wir nun ganz unten angekommen.

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  3. Ein arroganter und selbstgefälliger Artikel. "Nachmittagsmaler" trifft es besonders höhnisch. Ein Blick in die Kunstgeschichte hätte gut getan. In Teilen mag der Artikel mit seiner Kritik recht haben, generell einen kritischen Blick auf diese PR-Aktion zu werfen ist sicherlich gut. Aber die beteiligten Künstler haben diesen Spott nicht verdient.

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  4. Ich verstehe nicht ganz, wo das Problem liegt. Ohne diese Chance wären die meisten dieser Werke niemald irgendwo öffentlich ausgestellt.
    Naürlich nutzt es der Bank. Aber es nutzt auch den Künstlern. Warum sollte es schlecht sein, wenn jemand etwas Gutes tut, dass ihm auch nutzt? Wird es nur dann auf das Karmakonto gebucht, wenn es vollkommen unütz für sich selber war?

    Das auch ein "gut ausgebildeter" Künstler "gewzungen" ist, bei solchen "Aktionen" mitzumachen, ist meiner Meinung nach nichts Schlechtes.
    Jeder Mensch muss sich selber in die Produktion im weitesten Sinne eingliedern. Wenn ich Kunst mache, die kein Mensch sehen will, tja dann mache ich etwas falsch. Künstler ist meiner Meinung nach nicht derjenige, der eine Ausbildung dazu hat, sondern derjenige, der als Künstler angesehen wird. (Und dabei kann so eine Plattform helfen).
    Von daher kann man nicht erwarten, "Kunst" zu lernen und dann ein Recht auf einen Arbeitsplatz zu haben, ohne sich mit dem normalen Leben die Hände schmutzig machen zu müssen.

    Ich glaube, hier und da trifft man noch auf ein Selbstverständnis in der Kunst, dass die Nase ziemlich hoch trägt. Das hat wenig mit Einkommen zu tun.

    Und zu guter Letzt: Ziel der Aktion waren Amateurkünstler. Das sollte man im Auge behalten. Wenn ein "Profi" da mit macht, dann zeigt es meiner Meinung nach, dass dier "Profi" keiner ist. (Im Wortsinne sowieso^^)

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    'Wenn ich Kunst mache, die kein Mensch sehen will, tja dann mache ich etwas falsch.'

    Würden Sie mal einen Blick in die Kunstgeschichte werfen, wäre Ihnen - um nur ein prominentes, mutmaßlich auch Ihnen bekanntes Beispiel zu nennen - womöglich Vincent van Gogh aufgefallen. Den wollte zu Lebzeiten auch 'kein Mensch' sehen, heute werden seine Bilder für unschätzbar gehalten.

    Gute Künstler pflegen ihrer Zeit einzwei Schritte voraus zu sein, sie bilden ab, was da ist - auf eine noch nie gesehene Weise. Künstler waren immer schon von Gönnern abhängig. Mit dem Unterschied zu früheren Zeiten, daß die Gönner von heute weit weniger mutig und spendabel sind als in verschiedenen Epochen der Vergangenheit. Sondern i.d.R. ebenso wie Sie Kunst und Kunstmarkt verwechseln und 'Profi' mit Vermarktungs-Profi gleichsetzen.

    Daß bei 'Mach Kunst' auch reichlich professionelle Künstler mitmachen, zeigt in allererster Linie, wie schlecht es professionellen Künstlern auch in Sachen Öffentlichkeit geht. Ich möchte dabei keineswegs die Arbeiten von Dilettanten (im besten Sinn des Wortes) kleinreden - Kunst ist bestimmt ein sehr schönes Hobby und führt nicht selten auch zu bemerkenswerten Ergebnissen. Die Vorraussetzung dafür: Hingabe, Fleiß, Talent (in genau dieser Reihenfolge).

    Verglichen auch mit der Arbeitsauffassung sehr vieler Menschen: man könnte von Künstlern sehr viel lernen. Wenn man denn seinen Blick mal schulen und Kunst nicht erst 100 Jahre später begreifen und wertschätzen würde.

  5. Diese Aktion war für Profis sowohl als auch für Nichtprofis, das kann jeder auf der Homepage der Kunsthalle Deutsche Bank nachlesen. Peinlich für Sie, und für die Zeit online.

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    • abtz
    • 09. April 2013 10:10 Uhr

    knicht feststellen kann, wer dieser Felix Stephan ist.

    "Die PR-Aktion richtete sich in erster Linie an Amateure"

    da steht doch in ERSTER Linie ... also

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  • Schlagworte Ausstellung | Künstler | Google | Fotografie | Festival | Linde
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