ZEIT ONLINE: Frau Weinhart, sind wir heute voyeuristischer als noch vor 100 Jahren?

Martina Weinhart: Voyeurismus hat es wahrscheinlich immer gegeben. Die Frage ist, welche Mittel uns dafür zur Verfügung stehen. In der Kunst hat sich die Frage der Privatheit im Grunde genommen mit der Erfindung der Fotografie zugespitzt. Dadurch konnte das tägliche Leben von Amateuren festgehalten, reproduziert, aber auch verbreitet werden.

Mit der Erfindung der Fotografie hat der Einbruch des Privaten in den öffentlichen Raum stattgefunden, wobei diese Bilder zunächst nur für das direkte Umfeld gedacht waren. Private Fotoalben, Diaabende, Super-8-Filme waren die Medien dazu. Jemand hat einmal geschrieben, die Fotografie sei die Feindin der Privatheit.

ZEIT ONLINE: Hat sich diese Frage mit Erfindung der Handykameras weiter zugespitzt?

Weinhart: Absolut. Der private und der öffentliche Raum haben sich im 20. Jahrhundert dramatisch verändert. Während früher die eigenen vier Wände als Ort der Privatheit galten, ist sie heute in den öffentlichen Raum getragen worden. Ich kann jederzeit alles mit der Kamera festhalten. Ich habe sie ständig in meinem Handy bei mir. Jede Situation ist jederzeit abbildbar. Wir leben in einer Epoche der Bilderfänger.

ZEIT ONLINE: Wer hat das Private in der Fotografie künstlerisch neu definiert?

Weinhart: Den größten Ruck hat es sicher in den 1960er Jahren gegeben: Unter der Parole "Das Private ist politisch" haben unzählige plakative Ausbrüche stattgefunden. Etwas später, in den achtziger Jahren, hat Nan Goldin wie kaum jemand anderes in der Fotografie das eigene Umfeld der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Man ist als Zuschauer Teil der family of Nan, wie sie es nennt. Sie zeigt ihre Freundin Cookie bei ihrer Hochzeit, mit ihren Kindern und schließlich in ihrem Sarg. Die Fotos wirken auf den ersten Blick so beiläufig, dass man sie fast für Schnappschüsse halten könnte.

ZEIT ONLINE: Das 68er-Motto "Das Private ist politisch" galt also auch für die Fotografie?

Weinhart: Unbedingt, die sechziger Jahre waren auch in der Fotografie eine Ära des Auf- und Umbruchs. Viele Künstler haben sich ganz stark an der konventionellen Vorstellung von Familie und der damit verbundenen Privatheit gerieben, vor allem die Frauen. Die berühmte Kampagne "Ich habe abgetrieben" ist ein Beispiel, wie gesamtgesellschaftliche Forderungen an der eigenen Person formuliert wurden.

Wir sprechen übrigens immer über die Privatheit, doch es gibt große geografische Unterschiede, die mit der Kulturgeschichte der einzelnen Länder und Gesellschaften zu tun haben. So gibt es in den USA und in Japan unglaublich viele Künstler, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. So wie wir bei uns in Deutschland die engsten Datenschutzregeln haben, sind wir auch in der Kunst sehr dafür sensibilisiert. Während in einer streng puritanischen Gesellschaft wie in den USA oder in einer sehr reglementierten Gesellschaft wie der japanischen die radikalsten Ausbrüche von Exhibitionismus oder Voyeurismus zu beobachten sind. Leigh Ledare, ein amerikanischer Künstler, fotografiert seine Mutter beim Sex mit jungen Männern. Kohei Yoshiyuki hat in den siebziger Jahren mit der Infrarotkamera Liebespaare im Park aufgenommen.

ZEIT ONLINE: Kann die Überwindung der Privatheit immer noch eine politische Waffe sein?

Weinhart: Ein Künstler wie Ai Weiwei ist das beste Beispiel dafür. Für ihn ist die Öffentlichmachung des Privaten ein Schutz. Wir hatten in unserer Ausstellung auf mehreren Screens Endlosschlaufen von insgesamt 7.000 Fotos laufen lassen, die er ins Netz gestellt hat: von Katzen, die bei ihm im Atelier leben, Selbstporträts aus dem Krankenhaus, nachdem er von Polizisten zusammengeschlagen wurde. In seiner Person verwischen die Grenzen zwischen privat und öffentlich, er ist ein privater Mensch, der sehr öffentlich lebt. Angesichts der Masse an Bildern, die er veröffentlicht, kann aber jeder für sich selbst beantworten, wo diese Grenze liegt. Ich denke, man muss diese Frage grundsätzlich immer auch für sich selbst beantworten.

ZEIT ONLINE: Gibt es überhaupt noch Grenzen der Privatheit?

Weinhart: Die Grenzen werden ständig neu verhandelt, es gibt Vor- und Rückwärtsbewegungen. Im Moment sind sie so weit geöffnet, wie man es sich kaum vorstellen kann. Der britische Fotograf Richard Billingham etwa hat seinen alkoholkranken Vater und seine adipöse Mutter in ihrer stark verwahrlosten Wohnung porträtiert.