Smartphone-Kameras - Richard Koci Hernandez über den Zauber der iPhone-Fotografie

ZEIT ONLINE: Sie haben viele Jahre lang als professioneller Fotoreporter und Multimediajournalist gearbeitet, Ihre Bilder wurden bei Time, Newsweek und in der New York Times veröffentlicht. Warum lässt jemand wie Sie die Fotokamera liegen und macht seine Bilder nur noch mit einem iPhone?

Richard Koci Hernandez: Der Grund dafür ist einfach: Ich kann sofort auf meine Umgebung reagieren. Ich habe die Kamera ja immer bei mir. Wer verlässt heute noch sein Haus ohne Schlüssel, Telefon und Geldbörse? Es gibt also keine Ausreden mehr.

Ich kann nicht nur Bilder machen, ich kann sie auch sofort bearbeiten. Zum Beispiel an der Helligkeit drehen oder das Foto neu zuschneiden. Mein Fotolabor ist also immer bei mir. Und mit zwei Klicks kann ich Bilder an die Redaktion schicken, für die ich arbeite. Oder ich kann sie online stellen und damit weltweit verbreiten. Das Telefon ist also nicht nur die Kamera, es ist auch das Labor und der Übertragungswagen.  

© Richard Koci Hernandez


ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen Foto-Apps für Sie?  

Hernandez: Apps geben mir die Möglichkeit, aus einem Bild mehr herauszuholen. Ich kann es besser machen, auch in Details. Ich mag zum Beispiel Apps, die meinen Bildern mehr Körnung verleihen. Oder sie geben den Fotos einen besonderen Schwarz-Weiß-Ton. 

Apps sind übrigens gar nicht so weit weg davon, wie wir früher Bilder entwickelt haben. Wir haben mit Fotopapier gespielt, mit Kontrast, mit Glanzeffekten. Fotografen waren schon immer fasziniert davon, Bilder noch besser zu machen. Apps haben auch einen gewissen Grad an Spaß zurückgebracht in die Fotografie.

Hipstamatic mag ich sehr, weil es mich an eine Kamera erinnert. Ich liebe es, Objektive und Film zu "wechseln". Knipst man zu viel, tut die Kamera, als würde sie zurückspulen. Einige dieser Apps sind für mich pure Nostalgie. Andere hat man, weil sie so viel können. Und weil sie Spaß machen. Weil sie mich mit Bildern überraschen, die ganz anders werden, als ich sie eigentlich geplant hatte.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen die Nachbearbeitung an – muss man hier immer noch unterschiedliche Kriterien anlegen für Kunst und für Fotojournalismus?

Hernandez: Ja, das ist ein großer Unterschied. Wenn man ein Kunstprojekt macht, ein Feature, und wenn man dabei transparent bleibt, dann ist das eine eigene Sache. Das ist dann eben Kunst. Man arbeitet mit weniger Einschränkungen und Regeln. 

Was aber den Fotojournalismus angeht: Ich glaube fest daran, dass ein Fotojournalist der letzte Verteidiger der Wahrheit in der Fotografie ist. Gut – ich sage "Wahrheit" und unsere Köpfe explodieren. Was ist schon Wahrheit? Wir könnten tagelang darüber diskutieren. Deswegen will ich das nicht unnötig vertiefen.

Die Idee ist, eine Szene so nah und so verantwortungsbewusst wie möglich wiederzugeben. Diese Bilder sollten dann auch so wenig wie möglich nachträglich bearbeitet werden. Wir sollten das, was wir wirklich gesehen haben, verteidigen.  Wenn wir das nicht tun, setzen wir das Vertrauen unserer Leser aufs Spiel. Was ist noch real, was nicht? Was ist ernst gemeint und was nicht mehr? Ich bin sehr dafür, dass Fotojournalisten hier eine Grenze ziehen.