iPhone-Fotografie"Instagram wird die Fotografie nicht auslöschen"

Richard Koci Hernandez gilt als bekanntester Vertreter der iPhone-Fotografie. Im Interview erklärt er, warum ein Smartphone für ihn die Kamera der Wahl ist. von 

ZEIT ONLINE: Sie haben viele Jahre lang als professioneller Fotoreporter und Multimediajournalist gearbeitet, Ihre Bilder wurden bei Time, Newsweek und in der New York Times veröffentlicht. Warum lässt jemand wie Sie die Fotokamera liegen und macht seine Bilder nur noch mit einem iPhone?

Das ist Fotografie

Die Fotografie hat einen unglaublichen Wandel erlebt. Angefangen mit einem exklusiven Medium Anfang des 20. Jahrhunderts, ist sie spätestens mit der Erfindung der Smartphones zu einem Werkzeug für jedermann geworden. Die Herstellung der Bilder ist heute einfacher und schneller als jemals zuvor, ebenso ihre Verbreitung.

Die Fotografie hat dadurch große Macht gewonnen – eine Macht, die auch verunsichert. Was darf wo veröffentlicht werden? Wo liegen die Grenzen der Privatheit? Wie werden wir der großen Flut der Bilder Herr? In der Themenwoche "Das ist Fotografie" widmen wir uns diesen Fragen.

Die Beiträge der Themenwoche

Editorial: Wie finden wir uns zurecht in dem Meer von Bildern?

Video-Interview mit Richard Koci Hernandez: Das iPhone wird zur Reportage-Kamera

Profi-Fotografen und Laien kommen sich immer näher

Video Bildbearbeitung: Die Dunkelkammer schlägt jede App

Zu Tode fotografiert: Nie gab es so wenig Privatheit

Interview mit Martina Weinhart: Privatheit spaltet die Fotografen

Fotografie wird zum Live-Medium: Große Ereignisse erreichen uns zuerst als Bild

Das Profilbild ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos

Video: Sind Smartphones eine Gefahr für anspruchsvolle Fotografie? Ein Pro und Contra

Leserartikel

Was bedeutet Ihnen Fotografie? Was ist für Sie ein gutes Bild? Wie fotografieren Sie und welche Plattformen und Bearbeitungsmittel nutzen Sie? Wir würden uns freuen, wenn Sie davon in einem Leserartikel berichten.

Ihren fertigen Text können Sie hier einreichen. Beispiele für aktuelle Leserartikel, an denen Sie sich orientieren können, finden Sie hier. In unseren FAQ können Sie nachlesen, was Sie beim Verfassen Ihres Beitrags beachten sollten. Falls Sie Fragen haben, erreichen Sie uns per Mail an leserartikel@zeit.de.

Richard Koci Hernandez: Der Grund dafür ist einfach: Ich kann sofort auf meine Umgebung reagieren. Ich habe die Kamera ja immer bei mir. Wer verlässt heute noch sein Haus ohne Schlüssel, Telefon und Geldbörse? Es gibt also keine Ausreden mehr.

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Ich kann nicht nur Bilder machen, ich kann sie auch sofort bearbeiten. Zum Beispiel an der Helligkeit drehen oder das Foto neu zuschneiden. Mein Fotolabor ist also immer bei mir. Und mit zwei Klicks kann ich Bilder an die Redaktion schicken, für die ich arbeite. Oder ich kann sie online stellen und damit weltweit verbreiten. Das Telefon ist also nicht nur die Kamera, es ist auch das Labor und der Übertragungswagen.  

© Richard Koci Hernandez


ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen Foto-Apps für Sie?  

Hernandez: Apps geben mir die Möglichkeit, aus einem Bild mehr herauszuholen. Ich kann es besser machen, auch in Details. Ich mag zum Beispiel Apps, die meinen Bildern mehr Körnung verleihen. Oder sie geben den Fotos einen besonderen Schwarz-Weiß-Ton. 

Richard Koci Hernandez
Richard Koci Hernandez

Richard Koci Hernandez war 15 Jahre lang für die San Jose Mercury News als Fotoreporter und Multimedia-Journalist tätig. Für seine Arbeit wurde er mit dem Emmy Award und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet. Seine Website Multimediashooter gilt als eine der besten Anlaufstellen für Foto- und Videojournalisten. Seit 2011 ist Hernandez Professor an der Graduate School of Journalism der University of California in Berkeley.

Apps sind übrigens gar nicht so weit weg davon, wie wir früher Bilder entwickelt haben. Wir haben mit Fotopapier gespielt, mit Kontrast, mit Glanzeffekten. Fotografen waren schon immer fasziniert davon, Bilder noch besser zu machen. Apps haben auch einen gewissen Grad an Spaß zurückgebracht in die Fotografie.

Hipstamatic mag ich sehr, weil es mich an eine Kamera erinnert. Ich liebe es, Objektive und Film zu "wechseln". Knipst man zu viel, tut die Kamera, als würde sie zurückspulen. Einige dieser Apps sind für mich pure Nostalgie. Andere hat man, weil sie so viel können. Und weil sie Spaß machen. Weil sie mich mit Bildern überraschen, die ganz anders werden, als ich sie eigentlich geplant hatte.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen die Nachbearbeitung an – muss man hier immer noch unterschiedliche Kriterien anlegen für Kunst und für Fotojournalismus?

Hernandez: Ja, das ist ein großer Unterschied. Wenn man ein Kunstprojekt macht, ein Feature, und wenn man dabei transparent bleibt, dann ist das eine eigene Sache. Das ist dann eben Kunst. Man arbeitet mit weniger Einschränkungen und Regeln. 

Was aber den Fotojournalismus angeht: Ich glaube fest daran, dass ein Fotojournalist der letzte Verteidiger der Wahrheit in der Fotografie ist. Gut – ich sage "Wahrheit" und unsere Köpfe explodieren. Was ist schon Wahrheit? Wir könnten tagelang darüber diskutieren. Deswegen will ich das nicht unnötig vertiefen.

Die Idee ist, eine Szene so nah und so verantwortungsbewusst wie möglich wiederzugeben. Diese Bilder sollten dann auch so wenig wie möglich nachträglich bearbeitet werden. Wir sollten das, was wir wirklich gesehen haben, verteidigen.  Wenn wir das nicht tun, setzen wir das Vertrauen unserer Leser aufs Spiel. Was ist noch real, was nicht? Was ist ernst gemeint und was nicht mehr? Ich bin sehr dafür, dass Fotojournalisten hier eine Grenze ziehen. 

Leserkommentare
  1. Man sollte sich natürlich bewusst sein, dass die Regeln für eine Verbreitung von Aufnahmen mit Menschen hier in Deutschland deutlich strenger sind als in den USA. Das galt auch schon zu Analogzeiten, allerdings waren damals die Randbedingungen, von Unauffälligkeit des Fotografen über Verbreitungsreichweite bis zur schieren Menge der Aufnahmen, ganz andere. Ohne Freigabe durch einzeln erkennbare Menschen bringt einem das Foto nichts, also hinterher fragen und gegebenenfalls ohne Diskussion löschen. Und wenn man das nicht mag, sollte man auf solche Aufnahmen verzichten und sich andere Motive suchen.

    5 Leserempfehlungen
    • Panic
    • 06. Mai 2013 16:03 Uhr

    Ich springe bei solchen Themen immer hin und her. Ich beobachte bei Freunden, welche Qualität die aufgenommen Bilder haben (Hipstamatic). Auf der einen Seite ist das faszinierend, auf der anderen Seite finde ich das fast beunruhigend, weil der Look einer Aufnahme fast gar kein fotografisches Können mehr benötigt. Klar, eine Aufnahme, wie die im I-View gezeigte besticht durch die Situation. Es ist ein tolles Bild.

    Die Technik nimmt uns mittlerweile eine Menge ab. In meinen Augen fast zuviel. Man kann Bilder unendlich bearbeiten und einen bestimmten Look hervorzaubern. Ich trauere jetzt nicht der analogen Zeit hinterher, aber ich habe das Gefühl, dass die Qualität des Fotohandwerks darunter leidet. Was ich immer wieder merke, ist, dass Apps die Aufnahmen komplett verfälschen. Banale Szenarien werden "schöner".

    Jetzt kann man sagen: Ist doch toll, wenn man etwas Hässliches schöner macht oder komplett verfremdet. Na ja, da genau trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich denke, die Kunst gute Bilder zu machen, liegt im Auge, und nicht in einer App.

    cheers

    3 Leserempfehlungen
  2. Wenn solche Bilder wie im Artickel gezeigt entstehen indem man eine Holga oder eine alte Lubitel verwendet, dann bin ich beeindruckt. Am in einer Handy App so lange rumzudrücken bis das Ergebnis irgendwie gefällt finde ich weit weg von Fotografie. Wegen meiner kann man das digitale Kunst nennen. Aber Fotografie hat das wenig zu tun. Man sollte einfach wissen was man macht. Mit einem Handy macht man halt Bildchen. Mit meiner Sigma DslR mache ich gut komponierte Bilder und wenn ich etwas möglichst genau abbilden will mache ich ein HDR das nicht übertrieben ist.

    Eine Leserempfehlung
    • hairy
    • 06. Mai 2013 16:26 Uhr

    Unterhaltungsfotografie. Schnell schnell Effekt (bzw. App), unendliche Knisperei, und eins von 100 sieht dann "ansprechend" aus. Verstehe ich nicht, wozu sowas unter KUNST firmiert.

    (Jemand, der seit fast 25 Jahren beruflich mit den bildenden Kuensten zu tun hat.)

    2 Leserempfehlungen
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    ... wurde mal als Kaviarmethode bezeichnet. Aus vielen gewinnt ein Ei.
    So einen Trend gab es schon in der Vergangenheit, nannte sich Lomografie.

    Spätestens seit der digitalen Fotografie machen das "professionelle" Fotografen doch auch so.
    Hier wird zum Schluss sogar ein Bild von tausenden herausgenommen und dann z.B. zu einem Wettbewerb eingereicht.

  3. ... wurde mal als Kaviarmethode bezeichnet. Aus vielen gewinnt ein Ei.
    So einen Trend gab es schon in der Vergangenheit, nannte sich Lomografie.

    Antwort auf "Das ist ja auch nur "
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    Lomografie ist gerade heute etwas ganz anderes. Von einer wilden Knipserei kann man da wirklich nicht sprechen. Nicht zuletzt da fast alle Lomo Kameras analog sind.

    • alkyl
    • 06. Mai 2013 17:38 Uhr

    ...schon sind wieder diejenigen aufgeschreckt, die meinen, ihre wesentlich teurere Ausrüstung begründe von Natur aus höhere Kunst. Entspannen Sie sich und erkennen Sie einfach mal an, dass in diesem Artikel drei wundervolle Bilder gezeigt werden. Ob die aus einem iPhone stammen oder aus einer Leica... ist absolut viertrangig.

    2 Leserempfehlungen
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    Ich fotografiere mit ca. 20 verschiedenen Kameras. Und keine davon hat über 300 Euro gekostet. Die meisten sind analog und haben mich nur ein paar Euros gekostet. Ich finde nur dass man für ein Bild das wie mit einer Lomo (damit meine ich die Stilrichtung und nicht die Marke) fotografiert aussehen soll auch eine Holga Lubitel oder original Lomo verwenden soll. Dass diese Bilder gut aussehen und ein schönes Motiv haben ist nicht die Frage. Nur der Fabrikant hatte sich vorher wahrscheinlich keine Gedanken darüber gemacht wie das Bild am Ende aussehen soll. Es werden ein paar Filder hier drüber gelegt, der Kontrast dort erhöht und ein paar Vignetten eingefügt bis es irgendwie ansprechend aussieht. Da fehlt mir persönlich der fotografische Entstehungsprozess.

  4. Spätestens seit der digitalen Fotografie machen das "professionelle" Fotografen doch auch so.
    Hier wird zum Schluss sogar ein Bild von tausenden herausgenommen und dann z.B. zu einem Wettbewerb eingereicht.

    Antwort auf "Das ist ja auch nur "
  5. Ich fotografiere mit ca. 20 verschiedenen Kameras. Und keine davon hat über 300 Euro gekostet. Die meisten sind analog und haben mich nur ein paar Euros gekostet. Ich finde nur dass man für ein Bild das wie mit einer Lomo (damit meine ich die Stilrichtung und nicht die Marke) fotografiert aussehen soll auch eine Holga Lubitel oder original Lomo verwenden soll. Dass diese Bilder gut aussehen und ein schönes Motiv haben ist nicht die Frage. Nur der Fabrikant hatte sich vorher wahrscheinlich keine Gedanken darüber gemacht wie das Bild am Ende aussehen soll. Es werden ein paar Filder hier drüber gelegt, der Kontrast dort erhöht und ein paar Vignetten eingefügt bis es irgendwie ansprechend aussieht. Da fehlt mir persönlich der fotografische Entstehungsprozess.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Oh yeah..."
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    Wenn einem der fotografische Entstehungsprozess an sich wichtig ist, muss man das entsprechende Werkzeug benutzen.

    Den allermeisten Fotografen geht es aber um das Ergebnis. Und da hat der Benutzer einer analogen Holga kein Monopol auf den Holga-Look, nur damit man am Ergebnis sein stetes Bemühen und seinen ergebnisirrelevanten Aufwand ablesen kann.

    Der Prozess ist persönliches Hobby und Erfahrung. Da hat der Betrachter eines Bildes nichts von. Wenn man darauf besteht, dass andere keine ähnlichen Bilder produzieren dürfen, zeigt man nur, dass man den mühseligen und nicht mehr notwendigen Prozess eben nicht für sich selbst bewältigt, sondern um ihn zum Präsentieren zu nutzen. Da muss man dann natürlich damit leben, dass er nur noch in den engen Zirkeln derjenigen gewürdigt wird, die ihn selber praktizieren, während alle anderen einen in die Ekzentriker-Schublade einsortieren.

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