Fotografie : In einem Meer von Bildern

Eine Riesencloud aus Bildern umgibt uns; jeder ist ein Fotograf. Wo es kaum noch exklusive Fotos gibt, wächst die Sehnsucht nach dem Unikat. Was ist heute ein gutes Foto?
Inmitten der Bilderflut entsteht die Sehnsucht nach alten Methoden der Fotografie – wie hier in einer Ausstellung über Lomografie in Russland. © Kai Pfaffenbach

Ein Bild zu verbreiten geht inzwischen fast so schnell wie auf den Auslöser zu drücken. Das macht aus einem Foto eine mediale Waffe. Es zieht seine Bahnen von einem Foltergefängnis in Abu Ghraib ins Weiße Haus, es transportiert Sieg und Niederlage von Präsidenten in Sekundenschnelle, bevor die erste Nachrichtenagentur ihren Text abgesetzt hat. Es dokumentiert Erfolge, Verfehlungen und Skandale. 24 Stunden täglich, weltweit. 

Wo befinden wir uns in dieser Riesencloud an Bildern? Wer darf sich heute Fotograf nennen? Viel wird von der Demokratisierung der Fotografie gesprochen, aber was bedeutet dieser Begriff? Dass jedes Bild ein Kunstwerk ist? Dass der Zugang zu einer Technik uns alle zu Chronisten der Wirklichkeit macht?

Mitnichten. Der Kampf um die Deutungsmacht von Fotos ist härter geworden. Viele Analogfotografen blicken mit Geringschätzung auf die digitalen Spielzeuge und streiten darüber, ob ein Smartphone-Bild einem Diapositiv ebenbürtig sein kann. Dieser Streit interessiert aber den Großteil der Menschen nicht, die täglich ihre Eindrücke von der Welt posten oder bloggen. Sie tun es einfach.

Was ist privat?

Viel entscheidender ist die Frage geworden, was wir in die Öffentlichkeit tragen. Die Ansichten, was heute privat ist, gehen so weit auseinander wie noch nie. Die einen stellen Ultraschallbilder ihrer ungeborenen Kinder auf Facebook, die anderen versuchen verzweifelt, die Hoheit über ihr Familienalbum wiederzuerlangen. Das führt dazu, dass Fotografie an manchen Orten plötzlich verboten ist. Vor allem wo es um Kinder geht, beim Babyschwimmen, in der Kita oder auf Schulfeiern kursieren lange vertragsähnliche Abhandlungen darüber, wer wann wen fotografieren darf und vor allem, wo diese Fotos veröffentlicht werden.

Keine Anonymität: Der Fotokünstler Michael Wolf vergrößerte für seine Serie "Portraits" Bilder, die er bei Google gefunden hatte. © Michael Wolf/Courtesy Christophe Guye Galerie, Zurich

Gleichzeitig fahren die Wagen von Google Street View um unsere Häuser, wir werden auf den Fotos unserer Freunde in sozialen Netzwerken markiert und müssen damit rechnen, an jedem öffentlichen Ort verewigt zu werden. 

Neben der schnellen Verbreitung ist die massenhafte Herstellung von Fotos die am weitesten reichende Veränderung der vergangenen zehn Jahre. Während jeder Hochzeit, jedes Fußballspiels, jedes Konzerts, jedes Museumsbesuchs schwenken die Arme mit den Smartphones durch die Luft. Exklusive Aufnahmen gibt es kaum noch, dafür tausendfache Kopien desselben Moments. 

Viele winken ab: Bitte nicht noch mehr Fotos! Die Festplatte ist ohnehin schon vollgestopft mit Bildern, die wir vielleicht nie wieder anschauen.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Standbildfotografie...

...ist tot, oder wird die nächsten wenigen Jahre eher schnell als langsam vor sich hin sterben. Mehrseitige Reportagen zu wichtigen Themen finden bestenfalls noch im Internet statt, dort aber auch nur mehrseitig, weil sich durch die Klickerei Interesse am Auftritt der Seitenbetreiber vorgaukeln läßt. Ganzseitig oder als Bildstrecke werden nur noch Prominentenvisagen gedruckt, für den Rest gibts doch Fotolia und Konsorten, die ausreichend Symbolfotos bereit halten. Angebote von Bildstrecken, auch Langzeitreportagen mit Captions, Darstellung der Idee etc., werden von großen Verlagen geschluckt, doch nie beantwortet (da dürfen Sie gerne rot werden, liebe Redaktion). Nicht mal mit dem Hinweis "Tolle Fotos, aber leider ...gefallen sie unseren Anzeigenkunden nicht."
Nein, Standbildfotografie außer für die Themenbereiche Promi, Lifestyle, hat die besten Zeiten hinter sich. Video ist wo es hin geht. Kameras mit 4k Auflösung bieten verlustfreie Einzelbildnutzung zu jedem denkbaren Thema. Zum Glück werden dadurch unendliche Bildfolgen `meines total, leckersten Cheeseburger, echt total ey, voll krass!´ auch verschwinden.

Qualität

Ich finde die technische und künstlerische Qualität der zeitgenösischen Photographie hat unheimlich zugenommen, auch in der Spitze aber hauptsächlich in der Breite. Deshalb sind die highlights die Spitzen nicht mehr so überragend und man denkt manchmal die Qualität sinkt.

Auch ist es viel schwerer sich über technische Details zu qualifizieren, früher war ein Platin-Print von einem Großformatnegativ schon allein deshalb ein ästhetisches Ereignis, der Bildinhalt selbst musste nicht allein die Last der Ästhetik tragen.

Das für mich Spannende ist das Thema Authentizität. Früher wurde ein B&W Analogphoto per definitionem als authetisch angesehen (auch wenn das schon immer fraglich war). Heute weiß man kaum noch was man für authetisch halten soll und fast noch wichtiger, es ist überhaupt nicht klar ob Authentizität überhaut noch jemanden interessiert.

Aber seit der Steinzeit wollen die Menschen Bilder machen und herzeigen, das wird sich so schnell nicht ändern.