Ein Bild zu verbreiten geht inzwischen fast so schnell wie auf den Auslöser zu drücken. Das macht aus einem Foto eine mediale Waffe. Es zieht seine Bahnen von einem Foltergefängnis in Abu Ghraib ins Weiße Haus, es transportiert Sieg und Niederlage von Präsidenten in Sekundenschnelle, bevor die erste Nachrichtenagentur ihren Text abgesetzt hat. Es dokumentiert Erfolge, Verfehlungen und Skandale. 24 Stunden täglich, weltweit. 

Wo befinden wir uns in dieser Riesencloud an Bildern? Wer darf sich heute Fotograf nennen? Viel wird von der Demokratisierung der Fotografie gesprochen, aber was bedeutet dieser Begriff? Dass jedes Bild ein Kunstwerk ist? Dass der Zugang zu einer Technik uns alle zu Chronisten der Wirklichkeit macht?

Mitnichten. Der Kampf um die Deutungsmacht von Fotos ist härter geworden. Viele Analogfotografen blicken mit Geringschätzung auf die digitalen Spielzeuge und streiten darüber, ob ein Smartphone-Bild einem Diapositiv ebenbürtig sein kann. Dieser Streit interessiert aber den Großteil der Menschen nicht, die täglich ihre Eindrücke von der Welt posten oder bloggen. Sie tun es einfach.

Was ist privat?

Viel entscheidender ist die Frage geworden, was wir in die Öffentlichkeit tragen. Die Ansichten, was heute privat ist, gehen so weit auseinander wie noch nie. Die einen stellen Ultraschallbilder ihrer ungeborenen Kinder auf Facebook, die anderen versuchen verzweifelt, die Hoheit über ihr Familienalbum wiederzuerlangen. Das führt dazu, dass Fotografie an manchen Orten plötzlich verboten ist. Vor allem wo es um Kinder geht, beim Babyschwimmen, in der Kita oder auf Schulfeiern kursieren lange vertragsähnliche Abhandlungen darüber, wer wann wen fotografieren darf und vor allem, wo diese Fotos veröffentlicht werden.

Gleichzeitig fahren die Wagen von Google Street View um unsere Häuser, wir werden auf den Fotos unserer Freunde in sozialen Netzwerken markiert und müssen damit rechnen, an jedem öffentlichen Ort verewigt zu werden. 

Neben der schnellen Verbreitung ist die massenhafte Herstellung von Fotos die am weitesten reichende Veränderung der vergangenen zehn Jahre. Während jeder Hochzeit, jedes Fußballspiels, jedes Konzerts, jedes Museumsbesuchs schwenken die Arme mit den Smartphones durch die Luft. Exklusive Aufnahmen gibt es kaum noch, dafür tausendfache Kopien desselben Moments. 

Viele winken ab: Bitte nicht noch mehr Fotos! Die Festplatte ist ohnehin schon vollgestopft mit Bildern, die wir vielleicht nie wieder anschauen.

Was macht ein gutes Foto aus?

Es ist nur folgerichtig, dass der Wunsch nach Reduktion, nach dem Unikat wieder stärker wird. Künstler und Amateure kaufen alte Bestände von Polaroid-Fotos auf, und vor den altmodischen Fotoautomaten in deutschen Großstädten stehen junge Leute Schlange, um vier Schwarz-Weiß-Fotos zu bekommen, die einmalig sind. Keine Chance, geshared zu werden.

All diese Sehnsüchte greift die digitale Technik wieder auf – zum Teil höchst erfolgreich, wenn man sich Instagram oder Hipstamatic ansieht. Absurd wird es, wenn Apps wie Photo Booth einen Schwarz-Weiß-Analog-Automaten imitieren. Hier scheinen sich Innovation und Retrokult gegenseitig aufzuheben.

Der Wunsch nach Vergessen

Der Harvard-Professor Victor Meyer-Schönberger forderte 2010 in seinem Buch Delete, das Netz müsse vergessen lernen. Für Fotos, die auf Plattformen wie Flickr veröffentlicht werden, schlägt er ein gemeinsames Verfallsdatum vor.

Diesen Wunsch scheinen inzwischen viele User zu teilen. Seine extremste Ausprägung heißt Snapchat: Eine-Foto-App, mit der man Bilder verschicken kann, die sich nach einer bestimmten Anzahl von Sekunden selbst löschen. Mehr als 50 Millionen Fotos werden täglich über Snapchat verschickt. Wollen wir statt des Auslösers lieber auf den Delete-Knopf drücken? Ist die Fotografie in eine Sackgasse geraten? Nein, die Verunsicherungen, die das Medium begleiten, sind nachvollziehbar. Im Vergleich zu allen anderen Künsten hat die Fotografie in ihrer jungen Geschichte einen unglaublichen Wandel erlebt.

Um die Fotostrecke von Werner Kiera zu sehen, klicken Sie bitte hier. © Werner Kiera aka Datenverarbeiter

Mittlerweile begegnen sich digitale und analoge Technik auf sehr kreative Weise. Werner Kiera, der sich auch "Datenverarbeiter" nennt, fing für sein Projekt The Extended Eye Bilder über Webcams auf der ganzen Welt ein, die er über das iPhone und LiveCamApps ansteuerte. Für die Bearbeitung der Fotos belebte er das analoge Verfahren der Sandwichtechnik wieder, bei der Negative übereinandergelegt und belichtet werden. Die Aufnahmen aus verschiedenen Städten verwob er zu mystischen Schwarz-Weiß-Tableaus, die an Fritz Langs Metropolis erinnern.

Die Frage, wann Fotografie Kunst ist und wann nur ein Schnappschuss, ist heute so aktuell wie vor 100 Jahren. Sie wird nur nicht mehr innerhalb eines kleinen Zirkels professioneller Fotografen diskutiert, sondern zusätzlich – und wahrscheinlich viel gnadenloser – auf zahllosen Plattformen im Netz. Das zwingt jeden Bildermacher dazu, ständig zu hinterfragen, was er erzählen will und wie er seine Betrachter erreicht. Die beste Voraussetzung, dass diese Kunstform lebendig bleibt. 

Der wohl größte Unterschied in der zeitgenössischen Fotografie zu früheren Zeiten ist, dass Künstler häufig keine eigenen Aufnahmen mehr machen, sondern die Flut von Bildern kuratieren. Einige arbeiten ausschließlich mit found footage, mit Bildern, die sie im Netz finden. Der britische Fotograf Mark Wallinger etwa sammelte Fotos, die schlafende Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen. Diese Menschen wurden ohne ihr Wissen aufgenommen, häufig ist der Fotograf nicht mehr zu ermitteln. Die teils komischen, teils anrührenden, teils kompromittierenden Fotos stellte Wallinger zu seinem Bilderreigen The Unconscious zusammen.  

Was also macht ein gutes Foto heute aus? Diese Frage kann man unabhängig von den Einflüssen der digitalen Technik klar beantworten: Es trifft uns.