Es ist nur folgerichtig, dass der Wunsch nach Reduktion, nach dem Unikat wieder stärker wird. Künstler und Amateure kaufen alte Bestände von Polaroid-Fotos auf, und vor den altmodischen Fotoautomaten in deutschen Großstädten stehen junge Leute Schlange, um vier Schwarz-Weiß-Fotos zu bekommen, die einmalig sind. Keine Chance, geshared zu werden.

All diese Sehnsüchte greift die digitale Technik wieder auf – zum Teil höchst erfolgreich, wenn man sich Instagram oder Hipstamatic ansieht. Absurd wird es, wenn Apps wie Photo Booth einen Schwarz-Weiß-Analog-Automaten imitieren. Hier scheinen sich Innovation und Retrokult gegenseitig aufzuheben.

Der Wunsch nach Vergessen

Der Harvard-Professor Victor Meyer-Schönberger forderte 2010 in seinem Buch Delete, das Netz müsse vergessen lernen. Für Fotos, die auf Plattformen wie Flickr veröffentlicht werden, schlägt er ein gemeinsames Verfallsdatum vor.

Diesen Wunsch scheinen inzwischen viele User zu teilen. Seine extremste Ausprägung heißt Snapchat: Eine-Foto-App, mit der man Bilder verschicken kann, die sich nach einer bestimmten Anzahl von Sekunden selbst löschen. Mehr als 50 Millionen Fotos werden täglich über Snapchat verschickt. Wollen wir statt des Auslösers lieber auf den Delete-Knopf drücken? Ist die Fotografie in eine Sackgasse geraten? Nein, die Verunsicherungen, die das Medium begleiten, sind nachvollziehbar. Im Vergleich zu allen anderen Künsten hat die Fotografie in ihrer jungen Geschichte einen unglaublichen Wandel erlebt.

Um die Fotostrecke von Werner Kiera zu sehen, klicken Sie bitte hier. © Werner Kiera aka Datenverarbeiter

Mittlerweile begegnen sich digitale und analoge Technik auf sehr kreative Weise. Werner Kiera, der sich auch "Datenverarbeiter" nennt, fing für sein Projekt The Extended Eye Bilder über Webcams auf der ganzen Welt ein, die er über das iPhone und LiveCamApps ansteuerte. Für die Bearbeitung der Fotos belebte er das analoge Verfahren der Sandwichtechnik wieder, bei der Negative übereinandergelegt und belichtet werden. Die Aufnahmen aus verschiedenen Städten verwob er zu mystischen Schwarz-Weiß-Tableaus, die an Fritz Langs Metropolis erinnern.

Die Frage, wann Fotografie Kunst ist und wann nur ein Schnappschuss, ist heute so aktuell wie vor 100 Jahren. Sie wird nur nicht mehr innerhalb eines kleinen Zirkels professioneller Fotografen diskutiert, sondern zusätzlich – und wahrscheinlich viel gnadenloser – auf zahllosen Plattformen im Netz. Das zwingt jeden Bildermacher dazu, ständig zu hinterfragen, was er erzählen will und wie er seine Betrachter erreicht. Die beste Voraussetzung, dass diese Kunstform lebendig bleibt. 

Der wohl größte Unterschied in der zeitgenössischen Fotografie zu früheren Zeiten ist, dass Künstler häufig keine eigenen Aufnahmen mehr machen, sondern die Flut von Bildern kuratieren. Einige arbeiten ausschließlich mit found footage, mit Bildern, die sie im Netz finden. Der britische Fotograf Mark Wallinger etwa sammelte Fotos, die schlafende Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen. Diese Menschen wurden ohne ihr Wissen aufgenommen, häufig ist der Fotograf nicht mehr zu ermitteln. Die teils komischen, teils anrührenden, teils kompromittierenden Fotos stellte Wallinger zu seinem Bilderreigen The Unconscious zusammen.  

Was also macht ein gutes Foto heute aus? Diese Frage kann man unabhängig von den Einflüssen der digitalen Technik klar beantworten: Es trifft uns.