Kunstsammler Lothar SchirmerDer Beuyscout

Seinen ersten Beuys bekam Lothar Schirner geschenkt. Nun überlässt der Verleger und Kunstsammler dem Münchner Lenbachhaus zur Neueröffnung 17 Arbeiten des Künstlers. von Alexandra González

Lothar Schirmer, 2004

Der Verleger Lothar Schirmer.   |  © Andreas Pohlmann

Frage:Beuys als Einstiegskünstler Ihrer Sammlung – das war in den Sechzigerjahren äußerst mutig. Was gab den entscheidenden Impuls gegeben?

Lothar Schirmer: Meine Beuys-Sammlung, deren Objekte jetzt zur Sammlung des Lenbachhauses gehören, nahm ihren Ausgangspunkt bei einem Besuch der Documenta 3 im Sommer des Jahres 1964. Ich war damals Gymnasiast in Bremen und 19 Jahre jung. Die Beschäftigung mit Gegenwartskunst war seit etwa drei Jahren meine Leidenschaft – eine Art postpubertäre Marotte. Ich hatte angefangen, eine kleine Sammlung anzulegen. Die Beuys-Zeichnungen, die ich in Kassel sah, begeisterten mich spontan. So etwas Außergewöhnliches und romantisch Inspiriertes hatte ich kaum je gesehen. Im gleichen Maße, wie mich die Zeichnungen in ihrer Thematik und Sensibilität anzogen, stießen mich die Beuys-Objekte völlig ab – es waren die drei "Bienenköniginnen" und die Eisenskulptur "Så FG - SÅ UG".

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Frage: Kamen Sie mit Ihren widersprüchlichen Empfindungen zurecht?

Schirmer: Es war mir völlig unerklärlich! Ich beschloss, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Ich schrieb einen Brief, in dem ich vorsichtig den Wunsch äußerte, eine Zeichnung zu erwerben. Eine sehr freundliche Antwort kam drei Wochen später im großen Umschlag. Eine Zeichnung lag bei – als Geschenk. Über dieses rätselhafte Blatt habe ich lange gegrübelt. Ein Dankesbrief wurde aufgesetzt und ein Besuch angekündigt. Am 16. März 1965, zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur, bin ich dann zu meinem Besuch bei Beuys nach Düsseldorf gefahren. Mit vier Zeichnungen und einem Haufen Schulden – 650 D-Mark – kam ich wieder heim.

Frage: Sie fühlten sich reich beschenkt?

Schirmer: Absolut, denn die Zeichnungen waren von außergewöhnlicher Qualität und für die Abzahlung meiner Schulden hatte mir Beuys in Anwesenheit seiner Frau Eva ein Zahlungsziel praktisch bis zum Sankt Nimmerleinstag eingeräumt. Als ich nach Hause kam, machten meine Eltern ein besorgtes Gesicht, fügten sich aber in das Unvermeidliche. An den Zeichnungen war eigentlich nichts auszusetzen. Nur am Preis und an der Haltlosigkeit des Sohnes beim Verkauf seiner Zukunft. In Flüchtlingsfamilien herrschten eben strenge Sitten. Das war– rückblickend sicher märchenhaft – der Beginn meiner Beuys-Sammlung und meiner Freundschaft mit Joseph Beuys und seiner Familie, die über den Tod von Beuys hinaus bis heute andauert.

Frage: Fiel es Ihnen schwer, sich von dem Environment Vor dem Aufbruch aus Lager I zu trennen?

Schirmer: Natürlich war das Stück ein Kronjuwel meiner Beuys-Sammlung, eigentlich der ganzen Sammlung. Allerdings hat es, in eine Kiste gepackt, in einem Kunstlager all die Jahre geschlummert und ist nur zu Beuys-Ausstellungen aufgebaut worden. Ich habe es also kaum gesehen. Jetzt kann ich es immer anschauen, wenn ich will und zwar im Kreis all meiner anderen Beuys-Objekte.

Frage: Beuys hat Ihnen Vor den Aufbruch aus Lager I 1980 zum Freundschaftspreis überlassen. Damit gab er Ihnen allerdings auch auf, die Sachen beisammenzuhalten. Ist das jetzt ein Problem?

Schirmer: Es war schon ein Freundschaftspreis damals, allerdings ein relativ happiger, denn Beuys war zu diesem Zeitpunkt schon ein Weltstar der Kunst. Und ja, auch das Lenbachhaus ist in den Genuss eines Preises unterhalb des Marktwertes gekommen. Da wir darüber aber Stillschweigen vereinbart haben, kann ich ihn nicht nennen.

Frage: Darüber hinaus schenken sie dem Museum siebzehn Beuys-Plastiken. Woran liegt’s? Mögen Sie die Münchner so gerne – oder das Lenbachhaus?

Schirmer: Das Lenbachhaus ist eben ein sehr schönes Museum. Es hat einen alten Gebäudeteil und damit eine Dignität der Geschichte. Der weitere Vorteil besteht darin, die Beuys-Dinge beisammen zu halten, woran die Öffentlichkeit genauso teilhaben kann wie ich selbst. Und da ich in meinem Leben wohl keinen weiteren Museumsneubau für Gegenwartskunst in München erleben werde, habe ich zugegriffen und geschenkt, als man mir Interesse signalisierte. 

Leserkommentare
    • Hagmar
    • 23. April 2013 14:24 Uhr

    Grosszügigkeit, wie sie auch Beuys Ihnen als jungem Spund gezeigt hat.
    Schöne Geschichte, das.
    Geld ermöglicht viel, aber Grosszügigkeit erfüllt das Herz - beim Geben wie beim Nehmen.

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  • Schlagworte Joseph Beuys | Blockbuster | Museum | Sammlung | München | Bremen
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