Schlüpfen Sie durch die Lücke im Bauzaun, hieß es am Telefon. Die erste Berührung mit dem neuen Lenbachhaus würde also sehr pragmatisch. Stets betrat man die Neorenaissance-Villa über den verwunschenen Garten und die festlich ausschwingenden Freitreppen. Ein Gefühl, als würden wir einen wohlhabenden Freund besuchen, um seine Bilder anzusehen. Nun jedoch liegen die Dinge anders: Norman Foster hat mit einem schimmernden Kubus den Museumsplatz vor den Propyläen aus der Blickhaft befreit. Der britische Großarchitekt überrascht mit einem Goldglanz, von dem niemand behaupten darf, er passe nicht zu München, einer dennoch schlichten Form und der Abkehr von jenem Hightech-Stil, der ihn berühmt machte.

Aber auch jenseits seines paradox funkelnden Minimalismus spart der Bau nicht an Attraktionen. Schon das Museumscafé mit einer prachtvollen Bar aus Onyx und Bronze und der neue Haupteingang nach Süden sind gläserne Zwischenzonen, die Stadtlandschaft und Innenleben verbinden. Wie eine Windhose saugt die von der Decke herabstürzende Skulptur im zentralen Foyer das Publikum an. Olafur Eliasson hat diese tonnenschwere Arbeit aus poliertem Metall und 450 farbig-dreieckigen Glasscheiben geschaffen. Für "Wirbelwerk" befasste sich der Spiritualität und Maschinenästhetik versöhnende Installationskünstler einmal mehr mit Kandinsky, mit den Lichtstimmungen, die der Malerphilosoph in Tunis, Moskau und Murnau aufgenommen hat. Jetzt tanzen die Schatten und Spiegelreflexe über die Wände der Halle.

Schwungvoller lässt sich der Vorhang zu den Kronjuwelen der Sammlung nicht öffnen, denn den Malern des "Blauen ­Reiters" ist die gesamte, durch Fosters Erweiterung hinzugewonnene zweite Etage gewidmet. Noch stehen Klimakisten im Weg, und Baustaub liegt auf den eleganten Bronzebalustraden. Am 8. Mai, zur Wiedereröffnung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, wird das anders sein.

Während der vierjährigen Bauzeit wurde an der Rückfront des Komplexes die spröde Siebzigerjahre-Erweiterung abgerissen, die historische Villa freigelegt, ockerfarben getüncht und wie ein riesiges Exponat in das neue Atrium integriert. So domestiziert und plakativ zugleich hat man das Haus Franz von Lenbachs noch nie gesehen. Aber wer war dieser Malerfürst, der sich sein Credo "Wir alle sind einmal verrückt gewesen" auf Lateinisch in die Deckenbalken des roten Salons schnitzen ließ?

Als Schüler Pilotys lernte der Maurersohn aus dem bayerischen Spargeldorf Schrobenhausen, die alten Maltechniken zu beherrschen. Sein größter Förderer Graf Schack schickte ihn zum Kopieren der alten Meister nach Italien, und das Gesehene entfachte Lenbachs Eigenart, bei seinen Porträts die Alterspatina gleich mitzumalen. Lenbach ahnte wohl seinen märchenhaften Aufstieg, als er sich in Rom einen Tizian und 1886 in München das Filetgrundstück an der Luisenstraße kaufte. Dort errichtete Gabriel von Seidl zunächst den Atelierflügel, später die schön gegliederte, schlossartige Villa. Aus einem dekorativen Mix – Marmorkonsolen, Gobelins, Prunkmöbel, Gipsabgüsse von Renaissanceplastik, Antiken und eigene Bilder – entstand ein Gesamtkunstwerk, das die Besucher ganz kleinlaut werden ließ. Die Selbstdarstellung in der vibrierenden Kunstmetropole trug schnell Früchte, und Lenbach avancierte zum Starporträtisten. Wer heute an Bismarck denkt, hat vor dem inneren Auge einen Lenbach.

Während Norman Foster für den "Blauen Reiter" den 56,2 Millionen Euro teuren Schrein baute, gingen die expressionistischen Kostbarkeiten von Kan­dinsky, Klee, Marc, Macke, Jawlensky und Gabriele Münter auf Welttournee. Eine Vielzahl dieser Bilder ihrer Malerfreunde hatte Münter im Keller ihres Murnauer "Russenhauses" vor dem Zugriff der Nationalsozialisten verborgen gehalten. Mit ihrer großherzigen Schenkung im Jahr 1957 gewann das Lenbachhaus internationale Strahlkraft, fortan war es der privilegierte Schauplatz, um die schärfste Wende in der Kunst der Moderne nachzuvollziehen und sich die Energie zu vergegenwärtigen, mit der Kandinsky & Co. die Tradition aushebelten.

Neben diesem Sammlungsschwerpunkt zeigt die Städtische Galerie Münchner Malerei des 19. Jahrhunderts. Ergänzt wird diese Säule nun durch 100 Werke aus der Christoph Heilmann Stiftung, darunter Gemälde der Dresdner Romantik sowie der Schule von Barbizon. Bis zum Keim eines modernen Naturverständnisses kann man jetzt im 1927/29 angebauten, ebenfalls frisch sanierten Hans-­Grässel-Flügel vordringen. Die Kuratoren pflegen hier einen frechen, unsentimentalen Umgang mit der Kunst: Auf die schnurgerade Magistrale durch das 19. Jahrhundert legen sie Stolpersteine von Gerhard Richter und Richard Serra. Der dritte Sammlungsschwerpunkt entwickelte sich aus dem Erwerb des Beuys-Environment "Zeige Deine Wunde", was 1980 einen wütenden Kulturkampf auslöste. Wie ein vorsintflutlicher Beißreflex erscheint uns heute die Empörung gegenüber Beuys’ Leidens- und Todesvision. Mit diesem Ankauf und der Durchsetzungsfähigkeit von Armin Zweite, dem Direktor von 1974 bis 1990, ließ das Haus seine exquisite, aber regionale Ausrichtung hinter sich. Inzwischen sind Günter Fruhtrunk, Isa Genzken, David Claerbout, Thomas Demand, Andy Warhol und viele weitere zeitgenössische Künstler mit großen Werkgruppen präsent.