Rijksmuseum AmsterdamIn der Kathedrale des 21. Jahrhunderts

Der Weg in die Zukunft führt durch die Vergangenheit, wie das Rijksmuseum in Amsterdam zeigt. Nach fast zehn Jahren des Umbaus wird es nun wieder eröffnet. von Nicola Kuhn

Rembrandts "Nachtwache" ist das einzige Werk im Rijksmuseum, das wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückgekehrt ist.

Rembrandts "Nachtwache" ist das einzige Werk im Rijksmuseum, das wieder an seinen ursprünglichen Ort zurückgekehrt ist.  |  © Charles Onians/AFP/Getty Images

Zehn Jahre sind auch für ein Museum eine lange Zeit, wenn es seine Tore schließt. Mag es in seinen Sälen auch Jahrhunderte locker überspringen, für den Zeitgenossen zieht sich eine solche Phase umso länger hin. Das Rijksmuseum, die Schatzkammer der Niederlande, zugleich das größte Haus Amsterdams, hat sich eine solche Auszeit genommen – wenn auch nicht vollständig. Stets blieben die in einem Seitenflügel separierten Highlights wie Rembrandts Nachtwachezu sehen. Die Verdoppelung der Bauzeit, die Steigerung der Kosten auf 375 Millionen Euro, das Hickhack um die Beibehaltung einer Radler-Passage durch eine Torfahrt des Gebäudes aber kratzten am Ruf der Institution.

Das Rijksmuseum hat deshalb einiges wettzumachen, der Pomp der Eröffnung zeugt davon. Die Übergabe des Hauses am Samstag durch Königin Beatrix kommt einem nationalen Staatsakt gleich: Fanfaren, Rezitation eines eigens verfassten Gedichtes, orangefarbener Teppich für die Massen. Der große Auftritt ist angebracht, denn das Rijksmuseum erfährt eine spektakuläre Wiederbelebung. Ein gigantischer Bau mit achtzig Sälen und 8.000 ausgestellten Werken ersteht wie Phönix aus der Asche neu. Das aus dem 19. Jahrhunderts stammende Gebäude hat zugleich einen Rückbau und eine Aufrüstung für das 21. Jahrhundert erfahren. Mit dem spanischen Architektenduo Cruz y Ortiz absolvierte das gesamte Haus eine doppelte Kehrtwendung – in die Zukunft.

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Zwischen 1876 und 1885 hatte der niederländische Architekt Pierre Cuypers, von dem auch der Amsterdamer Hauptbahnhof stammt, das Museum als üppig dekoriertes neogotisches Schatzhaus für die bedeutendsten Kostbarkeiten des Landes erbaut. So viel katholische Begeisterung kam schon zu Gründerzeiten nicht bei allen an. Nach und nach ließen die Direktoren die Historienzyklen auf den Wänden übermalen und Terrazzoboden entfernen. Um mehr Platz für Kunst, Büros, Werkstätten zu gewinnen, wurden außerdem Einbauten in die beiden großen Lichthöfe gestopft, so dass die einstige Grandezza der muffeligen Atmosphäre einer komplett verschachtelten Kiste wich.

Cruz y Ortiz aber wagten sich wieder heran. Mit der Rückbesinnung auf die ursprüngliche Planung gelingt ihnen ein Meisterstreich, denn ihre Doppelstrategie gibt dem Gebäude einerseits seine Identität zurück, zugleich hebt es das Haus technisch auf die Höhe heutiger Zeit: Licht, Raum, Smartphone-Empfang. Damit reiht sich das Rijksmuseum wieder in die internationalen Top Ten ein – mit schönster Kunst, Architektur von Rang, vorbereitet für ein jüngeres Publikum. Der Louvre in Paris, die National Gallery in Washington, das Victoria & Albert Museum in London, die Vatikanischen Museen in Rom haben diesen Relaunch bereits absolviert. Der Vergleich mit dem British Museum und seiner seit 2000 überdachten Halle liegt nahe. Wie in London dienen auch in Amsterdam die freigeräumten Atrien nun als Empfangssäle für die erwarteten Besuchermassen und deren Verteilung in die verschiedenen Flügel.

Nicht nur die Architektur, auch die Unterbringung der Werke in den verschiedenen Geschossen wurde neu gedacht. Mit dem seit 2008 amtierenden Direktor Wim Peijbes vollzog sich die Hängung einer nochmaligen Revision, so dass der Besucher das Haus vollkommen neu erkunden kann. Nur ein Bild behielt seinen Platz: Rembrandts Nachtwache. Sie befindet sich wie einst als Apotheose am Ende der Ehrengalerie, als größtes Glanzstück des Goldenen Zeitalters. Das monumentale Werk hängt vor tiefblauem Grund, der sich mit der nächtlichen Dunkelheit des Bildfonds verbündet. Plastisch treten nun die Figuren hervor, so dass die davorstehenden Betrachter mit ihnen zu verschmelzen scheinen.

Auf dem Höhenweg der niederländischen Kunstgeschichte

Doch bis der Besucher vor dieses Hauptwerk niederländischer "Schilderkonst" gelangt, hat er einen Höhenweg der Kunstgeschichte abgeschritten. Rechts und links vom großen Saal, an dessen Ende Rembrandt prangt, öffnen sich die Kabinette mit den Spitzenstücken des Goldenen Zeitalters – als wären es Seitenkapellen auf dem Weg zum Hauptaltar. Wie schon einmal vom Erbauer des Hauses mit Glanz und Glorie inszeniert, wähnt sich der Besucher nun erneut in einer Kathedrale mit gewölbten Decken und Ziermalerei an den Wänden.

Die ganze Halle feiert einen Gottesdienst, mit der Kunst zum Niederknien. Jan Steen ist dort zu sehen, Frans Hals und Vermeer mit seinen stillen Porträts, in denen die Zeit nicht vergeht. Seine hinreißende Milchmagd hält wie ehedem den Krug zum Gießen vor sich hin, auch seine Briefleserin schaut genauso unverwandt auf das Blatt in ihrer Hand. Rembrandt wird nochmals zelebriert, etwa mit seinem großartigen Bildnis von Jan Six als Feier auf die schnelle, geniale Malerei, dazu die beiden Ruisdaels, Onkel und Neffe, mit ihren Landschaftsbildern als Gleichnis auf die Schicksalhaftigkeit.

Leserkommentare
  1. Museen- die Schätze der Weltgeschichte, sind eine Art Wächter und Bewahrer dieser und auch diejenigen die sie bewahren, erhalten und konservieren samt bewachen sollten nicht vergessen werden, in vielen Museen der Welt gibt es noch Katakomben und Unterirische Gänge in denen Artefakte lagern und darauf warten in den Showroom zu kommen und von vielen groß und klein bewundert zu werden.

    Vielleicht sollten wir der nächsten Generation Kinder und Jugendlichen die Museen wieder etwas näher bringen und nicht "och wir waren in einem ollen Museum, wie langweilig" Gefühl aufkommen lassen, Museen können spanende Geschichten erzählen mit ihren Artefakten, vielleicht wäre das eine "Idee/Vorschlag" hier um die jeweiligen Artefakte eine Geschichte gleich mit zuliefern (keine wie hoch, wie alt, technik oder so, sondern eben was sich darum rankt - Mythen, Legenden oder Gemälde und ihrer Künstler, was es darstellt - evtl. Romanvorlage, Hollywoodfilmvorlage usw.!), auch für uns Erwachsende und Ältere samt Rentner könnte das belebend sein....

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