ProfilbildSo siehst du gar nicht aus

Ob Glühbirne oder Schwamm: Das Profilbild in sozialen Netzwerken ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos. Etwas Grundlegendes hat sich geändert. von Dominikus Müller

Kobe Leah aus Portugal inszeniert sich als Engel

Kobe Leah aus Portugal inszeniert sich als Engel  |  © Nicolaus Schmidt/Kerber Verlag

Ein Porträt ist im Idealfall ein Kopf, ein einzelner, ein menschlicher. Ein Abbild des Menschen, das auf einer Ähnlichkeitsbeziehung und einer möglichst identifizierbaren Individualität beruht.

Das ist Fotografie

Die Fotografie hat einen unglaublichen Wandel erlebt. Angefangen mit einem exklusiven Medium Anfang des 20. Jahrhunderts, ist sie spätestens mit der Erfindung der Smartphones zu einem Werkzeug für jedermann geworden. Die Herstellung der Bilder ist heute einfacher und schneller als jemals zuvor, ebenso ihre Verbreitung.

Die Fotografie hat dadurch große Macht gewonnen – eine Macht, die auch verunsichert. Was darf wo veröffentlicht werden? Wo liegen die Grenzen der Privatheit? Wie werden wir der großen Flut der Bilder Herr? In der Themenwoche "Das ist Fotografie" widmen wir uns diesen Fragen.

Die Beiträge der Themenwoche

Editorial: Wie finden wir uns zurecht in dem Meer von Bildern?

Video-Interview mit Richard Koci Hernandez: Das iPhone wird zur Reportage-Kamera

Profi-Fotografen und Laien kommen sich immer näher

Video Bildbearbeitung: Die Dunkelkammer schlägt jede App

Zu Tode fotografiert: Nie gab es so wenig Privatheit

Interview mit Martina Weinhart: Privatheit spaltet die Fotografen

Fotografie wird zum Live-Medium: Große Ereignisse erreichen uns zuerst als Bild

Das Profilbild ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos

Video: Sind Smartphones eine Gefahr für anspruchsvolle Fotografie? Ein Pro und Contra

Leserartikel

Was bedeutet Ihnen Fotografie? Was ist für Sie ein gutes Bild? Wie fotografieren Sie und welche Plattformen und Bearbeitungsmittel nutzen Sie? Wir würden uns freuen, wenn Sie davon in einem Leserartikel berichten.

Ihren fertigen Text können Sie hier einreichen. Beispiele für aktuelle Leserartikel, an denen Sie sich orientieren können, finden Sie hier. In unseren FAQ können Sie nachlesen, was Sie beim Verfassen Ihres Beitrags beachten sollten. Falls Sie Fragen haben, erreichen Sie uns per Mail an leserartikel@zeit.de.

Wenn man überlegt, wie sehr sich die Fotografie in anderen Bereichen verändert hat, ist es verwunderlich, dass die Kompositionsprinzipien des Porträts von der Digitalisierung der Fotografie unberührt geblieben sind. Schaut man aber dort nach, wo man heute am häufigsten mit Porträts in Berührung kommt, nämlich in den sozialen Netzwerken, erkennt man, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat.

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Profilbilder stehen heute stellvertretend für ein Gesicht, eine Person, eine Identität. Ich kann mir eine Glühbirne als Motiv aussuchen, einen Affen, einen Hund, ein Fahrradschloss, einen Putzschwamm. Die Ähnlichkeit mit meiner Person ist nicht mehr nötig, sie ist auch gar nicht mehr gefragt.

Krise des Porträts durch die Fotografie

Der Porträtfotografie scheint es im Zeitalter umfassender Digitalisierung so zu ergehen wie der Porträtmalerei knapp 100 Jahre zuvor. Ironischerweise war es damals der Siegeszug der Fotografie, die in der bildenden Kunst "eine ausgeprägte Krise des Porträts" hervorrief, wie es der Kunsthistoriker Roland Galle nennt. Da die Malerei nun nicht mehr der Aufgabe nachkommen musste, wie die Jahrhunderte zuvor ein Modell möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben, begannen die Künstler, das Porträt zu transformieren. Köpfe wurden ausgebeult, zusammengesetzt, verhackstückt, aus verschiedenen Perspektiven gemalt.

Fotostrecke "facebook:friends"
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © Nicolaus Schmidt/Kerber Verlag

Die Aufgabe, mit einem Porträt auch wirklich ein erkennbares Gesicht zu liefern, war auf die Fotografie übergegangen, auf William Henry Fox Talbots berühmten Stift der Natur, der die Welt und den Menschen akkurater und präziser abbilden konnte als alle Maler zusammen. 

Daseinsbeweis einer Person

Mehr noch: Die analoge Fotografie verfügte aufgrund ihrer fotochemischen Herstellung – also der tatsächlichen Berührung des Lichts mit dem Trägermaterial – über einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit. Fotografien lügen nicht – zumindest nicht im Hinblick darauf, dass sich das, was zu sehen ist, zu irgendeinem Zeitpunkt einmal vor der Linse befunden haben muss.

Für Porträts war das natürlich perfekt. Sie lieferten neben Wiedererkennbarkeit und Identität gleich noch den unbedingten Daseinsbeweis einer Person in Form eines Bildes mit.

Leserkommentare
  1. Das nennt man wohl Analyse im Tunnelblick. Erklären sie mir bitte, warum neuerdings Fotostudios in den Großstädten so boomen? Es sind zwar vor allem Ketten und Franchise-Geschäfte, aber die Angebote scheinen eher zu boomen als zu sterben. Allerdings zählt die Bearbeitung mit Photoshop heute zum Standardangebot.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich sehe keinen Boom, eher eine kleine Erholung nach dem großen Studiosterben, was allerdings auch noch nicht beendet ist.
    Davon abgesehen findet man da selten richtige Fotografen, denn die wollen anständig bezahlt werden. Die meisten arbeiten dort nach Ausbildung oder Studium (wenn überhaupt) ein paar Monate und sammeln ein paar Erfahrungen dann sind sie wieder weg.

  2. auch nicht hinreichend beleuchtet wird die Beziehung zwischen Portrait, Profilbild und Avatar.
    In Zeiten des anonymen Internets stand man vor einer großen Freiheit,
    da man sich nicht als sich selbst darstellen musste/wollte.

    Aus dieser Zeit auf die sozialen Netzwerke geschaut ist die Entwicklung von Profilbildern sicherlich auch anders nachvollziehbar.
    Die Welten vermischen sich, manche verwenden jetzt noch Nicknamen auf Facebook und co, gleiches gilt für de Profilbilder.
    Viele stellen sich selbst dar, viele versuchen das aber mit Mitteln, die einem nicht unbedingt der Gesichtserkennung ausliefern.

    Das wirkt sich natürlich auch auf das Portrait aus.

    Eine Leserempfehlung
  3. 3. Boom?

    Ich sehe keinen Boom, eher eine kleine Erholung nach dem großen Studiosterben, was allerdings auch noch nicht beendet ist.
    Davon abgesehen findet man da selten richtige Fotografen, denn die wollen anständig bezahlt werden. Die meisten arbeiten dort nach Ausbildung oder Studium (wenn überhaupt) ein paar Monate und sammeln ein paar Erfahrungen dann sind sie wieder weg.

  4. 4. Heute?

    Vor den Facebookprofilbildern waren es die Studivzprofilbilder und davor waren es Profilbilder in Foren und davor waren es Sonderzeichen und Verziehrungen der Namen in Chatrooms.

    "Wenn aber heute fotografische Bilder digital errechnet werden, ist die Sache mit dem Wirklichkeitsstatus hinfällig. Jedem ist heute klar, dass ein Foto nicht unbedingt zeigen muss, was "vor der Linse" war. Und das hat auch für das Porträt Konsequenzen."
    Da würde ich widersprechen. Bildfälschungen sind doch fast schon so alt, wie die Fotografie selbst. Auch in Fotos kann man hineinkopieren, neu fotografieren etc. es geht halt nur analog und nicht digital.

    Desweiteren: Kein Wort davon, dass warscheinlich 80% der Nutzer, die Klobürsten etc. als Profilbild haben, warscheinlich eher ihre Identität schützen wollen, als ein Statement zu bringen.

    "Fotografische Bilder mögen mehr als 100 Jahre auf ihren Ursprung hin gedacht worden sein, sie wurden nach hinten gedacht und in einer Realität verankert. Jetzt aber richtet sich der Blick nach vorne. Statt des Abbildes steht jetzt die Aktion. Bilder wollen geklickt werden, sie wollen geliked werden, toll gefunden und weitergegeben werden. Das gilt vor allem für die Bilder, die wir uns von uns selbst machen."

    Genau ... bevor es Facebook gab wurden die meisten Bilder zu dokumentarischen Zwecken gemacht und die Fotografen hatten weniger Interesse, dass ihre Bilder verbreitet werden.

    2 Leserempfehlungen
  5. Selbst in der Antike war es normal dass Portraits wohlwollend waren, gelinde gesagt. Keiner will ein Portrait von sich mit Pickeln und Augenringen sehen. Dass wir alle auch mal "fertig" oder nicht sehr vorteilhaft ausschauen können weiss auch jeder. Ich versteh gar nicht wieso Leute im Netz immer soviel auf Fotos geben. Einfach möglichst bald "real" treffen dann kann man sich den Zirkus sparen und ohne "reale" Treffen hat in meinen Augen das ganze ohnehin keinen Sinn und ist Zeitverschwendung.

  6. "..., ist die Sache mit dem Wirklichkeitsstatus hinfällig." Was soll das denn sein? Es gibt nur zwei Möglichkeiten in der Wirklichkeit: vorhanden oder nicht. Hier ist wohl Ähnlichkeit gemeint.

    "Ein Porträt hatte zwar schon immer auf den Betrachter zurückgeblickt...". Hat es nicht, weil es nicht blicken kann ohne echte Augen.

    Fotos werden nicht gedacht, sondern gemacht. Sie sind Materie und deshalb "in der Realität verankert".

  7. steckt die fehlerhafte Prämisse: 'Das Profilbild in sozialen Netzwerken ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos.'

    Keinesfalls. Es hat sich gar nicht so viel geändert. Nach wie vor ist das handgemalte Porträt, möglichst von einem bedeutenden Künstler, für manche Menschen sehr wichtig (die sich das allerdings auch leisten können...).

    Dann folgt das Porträtfoto eines gelernten Fotografen, etwa für eine Bewerbung, daraufhin kommen die schönsten Bilder der eigenen Person, womöglich in besonderen Momenten, am Schluß kommt das meistens miese Paßbild, das ja auch biometrischen Anforderungen genügen muß, und dann ist gut.

    Avatare, also stellvertretende Charaktere die eine bestimmte Meinung/Aussage/Haltung widerspiegeln, sind etwas völlig anderes. Sie finden vor allem auch dort Verwendung, wo man die eigene Identität bzw. Realität nicht offenlegen, aber in demselben Kontext z.B. einem Forum, wiedererkennbar sein will. Sie sind eine visuelle Ergänzung des zugehörigen Nicknames. Sie stehen 'für etwas' und man kann sie aus Symbolen herleiten. Sie sind kein Bild(nis), sondern ein Kommunikations-Token.

    Nur weil Fatzbook Klarnamen einfordert und sich dann mancher veranlaßt sieht, dumme Bildchen einzustellen, wird das noch ganz lange kein Porträt. -

    Sorry, aber der Artikel hier. Naja, naja......

    Eine Leserempfehlung
  8. In der Fotostrecke die in diesem Artikel gelinkt ist, braucht man bei den zwei Bildern von BlackDiamond Listance Mutukudzi aus Inhambane, Mozambique, keine grosse Vorstellungskraft was der Autor anzudeuten versucht, ich finde das eine Frechheit sondergleichen und würde am liebsten um die Löschung des Beitrags wissen,

    Paul Florian Baumann
    Wien

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