Profilbild : So siehst du gar nicht aus

Ob Glühbirne oder Schwamm: Das Profilbild in sozialen Netzwerken ist die zeitgenössische Inkarnation des Porträtfotos. Etwas Grundlegendes hat sich geändert.
Kobe Leah aus Portugal inszeniert sich als Engel © Nicolaus Schmidt/Kerber Verlag

Ein Porträt ist im Idealfall ein Kopf, ein einzelner, ein menschlicher. Ein Abbild des Menschen, das auf einer Ähnlichkeitsbeziehung und einer möglichst identifizierbaren Individualität beruht.

Wenn man überlegt, wie sehr sich die Fotografie in anderen Bereichen verändert hat, ist es verwunderlich, dass die Kompositionsprinzipien des Porträts von der Digitalisierung der Fotografie unberührt geblieben sind. Schaut man aber dort nach, wo man heute am häufigsten mit Porträts in Berührung kommt, nämlich in den sozialen Netzwerken, erkennt man, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat.

Profilbilder stehen heute stellvertretend für ein Gesicht, eine Person, eine Identität. Ich kann mir eine Glühbirne als Motiv aussuchen, einen Affen, einen Hund, ein Fahrradschloss, einen Putzschwamm. Die Ähnlichkeit mit meiner Person ist nicht mehr nötig, sie ist auch gar nicht mehr gefragt.

Krise des Porträts durch die Fotografie

Der Porträtfotografie scheint es im Zeitalter umfassender Digitalisierung so zu ergehen wie der Porträtmalerei knapp 100 Jahre zuvor. Ironischerweise war es damals der Siegeszug der Fotografie, die in der bildenden Kunst "eine ausgeprägte Krise des Porträts" hervorrief, wie es der Kunsthistoriker Roland Galle nennt. Da die Malerei nun nicht mehr der Aufgabe nachkommen musste, wie die Jahrhunderte zuvor ein Modell möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben, begannen die Künstler, das Porträt zu transformieren. Köpfe wurden ausgebeult, zusammengesetzt, verhackstückt, aus verschiedenen Perspektiven gemalt.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Nicolaus Schmidt/Kerber Verlag

Die Aufgabe, mit einem Porträt auch wirklich ein erkennbares Gesicht zu liefern, war auf die Fotografie übergegangen, auf William Henry Fox Talbots berühmten Stift der Natur, der die Welt und den Menschen akkurater und präziser abbilden konnte als alle Maler zusammen. 

Daseinsbeweis einer Person

Mehr noch: Die analoge Fotografie verfügte aufgrund ihrer fotochemischen Herstellung – also der tatsächlichen Berührung des Lichts mit dem Trägermaterial – über einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit. Fotografien lügen nicht – zumindest nicht im Hinblick darauf, dass sich das, was zu sehen ist, zu irgendeinem Zeitpunkt einmal vor der Linse befunden haben muss.

Für Porträts war das natürlich perfekt. Sie lieferten neben Wiedererkennbarkeit und Identität gleich noch den unbedingten Daseinsbeweis einer Person in Form eines Bildes mit.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sorry - nicht nachvollziehbar

Das nennt man wohl Analyse im Tunnelblick. Erklären sie mir bitte, warum neuerdings Fotostudios in den Großstädten so boomen? Es sind zwar vor allem Ketten und Franchise-Geschäfte, aber die Angebote scheinen eher zu boomen als zu sterben. Allerdings zählt die Bearbeitung mit Photoshop heute zum Standardangebot.

Nach hinten und nach vorne denken

"..., ist die Sache mit dem Wirklichkeitsstatus hinfällig." Was soll das denn sein? Es gibt nur zwei Möglichkeiten in der Wirklichkeit: vorhanden oder nicht. Hier ist wohl Ähnlichkeit gemeint.

"Ein Porträt hatte zwar schon immer auf den Betrachter zurückgeblickt...". Hat es nicht, weil es nicht blicken kann ohne echte Augen.

Fotos werden nicht gedacht, sondern gemacht. Sie sind Materie und deshalb "in der Realität verankert".